Esslingen Dem Bier verfallen

Probieren und darüber schreiben: Irina ist Biersommelière und in diesem Fach die Beste der Welt.
Probieren und darüber schreiben: Irina ist Biersommelière und in diesem Fach die Beste der Welt. © Foto: Andreas Claasen
Esslingen / ANDREAS CLASEN 14.04.2016
Hat deine Mama Probleme oder so?“, fragt der Freund. Tatsächlich sitzt die Mutter seiner Freundin um acht Uhr morgens am Tisch und trinkt Bier.

Zwei offene Flaschen stehen neben ihr. „Nee, nee, alles in Ordnung“, sagt die Tochter rasch. „Sie probiert nur Bier und schreibt darüber.“ Irina Zimmermann lacht, wenn sie von der Begebenheit erzählt. Die 43-Jährige ist ungläubige Gesichter gewohnt, vor allem bei Männern.

Besonders viele staunten im vergangenen Sommer. Als einzige Frau unter 53 Teilnehmern flog sie zur vierten Weltmeisterschaft der Biersommeliers nach Brasilien. Im Finale der besten Sechs erreichte sie den dritten Platz hinter dem Sieger Simonmattia Riva aus Italien und dem Deutschen Frank Lucas. „Am Tag danach kam zum ersten Mal in Gesellschaft an mich die Frage: Und Irina, was meinst du zum Bier? Das war schon eine coole Sache. Am Anfang hat’s keinen Menschen interessiert, was ich darüber denke.“

Irina Zimmermann ist eine Pionierin. In einer Männerdomäne hat sie sich an der Spitze etabliert. Das hat viele Gründe, vor allem aber ist Irina Zimmermann in Bier vernarrt. Sie hat hunderte Brauereien besucht, unzählige Pilsener, Weizen, Ales und Stouts verkostet und besitzt ein Bierlager voller Spezialitäten. Mit einer großen Düftesammlung trainiert sie, um jede Note eines Bieres zu riechen. Als Bettlektüre wählt sie nicht einen guten Roman, sondern Fachzeitschriften über Gerstensaft und träumt dann im Zweifel von einer eigenen Bierakademie in Esslingen.

In ihrem Garten vor dem kleinen Reihenhaus sind Blumen zu finden, aber sie baut hier auch Hopfen an. „Schauen Sie“, sagt sie und holt in ihrem Trachtenjanker schnellen Schrittes eine große Tüte voller grüner Dolden aus dem Tiefkühlfach ihres Kühlschranks. Zimmermann öffnet sie, und ein Schwall würzigen Hopfenduftes steigt in die Nase. „Da könnte ich mich reinlegen“, sagt sie. „Wie andere Parmesan, nehme ich das zum Kochen.“

Irina Zimmermann ist für ihre Vorreiterrolle in Deutschland aber auch deshalb prädestiniert, weil sie aus einem Land stammt, in dem das Bierbrauen schon lange Frauensache ist: Kasachstan. „Da ist die Welt noch in Ordnung“, sagt sie augenzwinkernd. Ihre Herkunft klingt in ihrem schwäbisch gefärbten Deutsch nur leicht an.

Als sie in Kasachstan mit der Schule fertig war, wollte sie urspünglich Informatik studieren. „Dafür reichten aber weder das Geld noch die Beziehungen meiner Eltern“, erinnert sie sich. Deshalb entschied sie sich Ende der 1980er Jahre für das Studienfach Brauingenieurwesen. „In unserem Kurs waren von 20 Teilnehmern vier Männer.“ Die chemischen Prozesse beim Brauen faszinierten sie: „Nach drei Monaten habe ich gesagt, das ist meins. Ich empfinde es heute noch als Schicksal, dass ich in diesem Studiengang gelandet bin.“

Mit dem Diplom in der Tasche fand sie sofort eine Stelle in einer Brauerei. „Da war alles in Frauenhand: Produktion, Labor, nur nicht die Positionen, in denen es ums Geld ging.“ Das beste Bier brauten sie aus Wasser, chinesischem Naturhopfen, Reis und weißem Zucker. Automatisch ging dabei nichts, dafür gab es immer wieder Besuch: „Zu uns kamen regelmäßig Leute, weil sie Zucker für ihren Tee brauchten oder Reis, und da waren manchmal schon die Zutaten weg, bevor wir mit dem Brauen überhaupt beginnen konnten. Aber das hat trotzdem wahnsinnig Spaß gemacht.“

Nach Baden-Württemberg verschlug es sie 1992, wohin sie ihrem heutigen Ex-Mann folgte. Ein Jahr später erhielt sie bei Stuttgarter Hofbräu eine befristete Projektstelle. Ihre beiden Töchter kamen zur Welt, und die junge Mutter suchte sich nach dem Projekt einen Job im Vertrieb einer Medienauswertungsfirma. Anfang der 2000er aber packte sie die Sehnsucht, in die Bierbranche zurückzukehren, als sie die Anzeige für eine Stelle im Vertrieb der Alpirsbacher Klosterbräu Glauner GmbH und Co. KG sah. „80 Bewerbungen, und Sie sind die einzige Frau, da wollten wir Sie unbedingt mal kennenlernen, haben sie mir erzählt, als ich beim Vorstellungsgespräch war“, sagt Zimmermann. Sie wurde genommen und kümmerte sich vor allem um den Gastronomiesektor.

Eines Tages stellte sich die Frage, welche Biere mit einem Weihnachtsmenü harmonieren. „Alle sagten, zu so einem feinen Essen passt nur Wein und kein Bier.“ Damit konnte Irina Zimmermann sich nicht abfinden. Sie recherchierte und stieß auf eine 14-tägige Ausbildung zum Diplom-Biersommelier an der Doemens-Akademie nahe München. Dort wird unter anderem vermittelt, welche Gerstensäfte zu welchen Speisen passen. „Nach dem dritten Kurstag, nachdem die belgischen Biere dazugekommen sind, ist für mich eine Welt zusammengebrochen“, sagt sie. „Ich wollte schlafen und konnte nicht, ich habe nur gedacht: Ich habe doch Brauwesen studiert, ich weiß, was möglich ist.“ Aber dass dann wirklich ein Bier so schmecken kann, das ging in meinen Kopf nicht rein. Die Ausbildung hat mein Leben verändert. Und ich finde, das Diplom ist nur so eine Art Führerschein, und ob ich dann fahre und mich weiter verbessere, ist eine andere Frage.“

Zimmermann drückt seit diesem Jahr 2010 pausenlos aufs Gas. Ihren Job in der Alpirsbacher Familienbrauerei hat sie gekündigt, um unabhängig zu sein. Sie arbeitet heute hauptberuflich für die Mineralbrunnen Teinach GmbH, denn inzwischen ist sie auch Wassersommeliere. Von ihrem Bierwissen allein kann sie nicht leben, trotz der Seminare, die sie gibt, trotz des dritten Platzes in Brasilien, wofür sie ein großes Glas erhielt.

Sie investiert viel Geld in Fortbildung und Experimente: etwa in eine Ausbildung zum „Master of Beer“, die sie gerade durchläuft – und in ihr erstes eigenes Bier. Ein befreundeter Brauer hat den Sud nach ihrem Rezept 2015 aufgesetzt, ein Indian Pale Ale (IPA), das nach Kaffeebohnen und Zitrusfrüchten schmeckt. „Die Etiketten für das IPA habe ich hier in der Küche auf jede Flasche geklebt“, sagt sie, als sie „Insel Kreide“ aus Rügen einschenkt, eines ihrer Lieblingsbiere. Sie greift das Glas und hält es ins Licht. „Wie wenn zwei Menschen sich das erst Mal treffen, schaut man sich zunächst an, und danach wird sich beschnuppert.“ Die hellgelbe, leicht trübe Flüssigkeit duftet ganz als anders als ein Pils, mehr nach Citrus, Champagnerhefe und Kräutern und schmeckt erfrischend trocken und gut ausbalanciert süßsäuerlich. „Mit dem Reinheitsgebot hat das natürlich nichts zu tun“, sagt Irina Zimmermann. Tatsächlich enthält „Insel Kreide“ auch Traubenzucker und Gewürz als Zutaten, weshalb es als „Besonderes Bier“ angemeldet werden musste.

Zimmermann mag viele Biere, die gegen das 500 Jahre alte Reinheitsgebot verstoßen. Trotzdem ist sie für dessen Beibehaltung, „weil nach diesem Gebot gebraute Biere im In- und Ausland großes Vertrauen genießen und auch die Gefahr bestünde, dass Brauereien vermehrt tricksen, wenn es fällt.“ Sie ist aber trotzdem froh, dass die vorhandenen Spielräume mehr genutzt werden und das Bierangebot in Deutschland heute viel bunter ist als vor zehn Jahren.

Sie schenkt noch einige Beispiele dieser wachsenden Vielfalt ein, erzählt unterhaltsam eine Geschichte nach der anderen über Brauer und ihre Kreationen, bis am Ende eigentlich nur noch eine Frage offen ist: „Gehen Sie Ihren Freunden, Gästen nicht manchmal auf die Nerven mit dem Bier?“ Zimmermann lacht. „Nein. Die meisten meiner Gäste wollen sogar gerne von sich aus darüber reden, und Sie glauben gar nicht, wie viele meiner Freundinnen inzwischen Biertrinkerinnen sind. Außerdem bin ich ja nicht extremistisch. Wenn ein Gast bei mir Wein will, dann kriegt der ihn auch von mir." 

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