Natürlich Lars Eidinger. Natürlich nackt. Es wäre ja auch komisch, wenn der omnipräsente Erzschauspieler ausgerechnet bei Deichkind keine Rolle spielte. Schließlich ist die in Hamburg gegründete HipHop-Truppe der derzeit verlässlichste Zeitgeist-Indikator, den die deutsche Musiklandschaft zu bieten hat. Im Konzert-Intro der aktuellen Deichkind-Tour ist also Eidinger zu sehen, wie er kopfüber in einen Riesenpott mit blauer Farbe getunkt wird – und dann wie ein Pinsel über eine weiße Fläche gezogen wird. Ein Konzert mit böllerndem Elektro-Rap beginnt mit einer Hommage an den französischen Maler und Performancekünstler Yves Klein.

Hochkultur und Stumpfsinn, Biennale und Bierkönig: Bei Deichkind sind das keine Widersprüche. Als Pinsel-Eidinger fertig gemalt hat und die Bassdrums endlich knallen, kreischen beim Konzert in der Augsburger Schwabenhalle rund 5000 Fans. In größeren Städten sind es noch mehr. Wer Deichkind sagt, dem fällt gar nicht mehr auf, dass der Name auch ein Aufdruck eines Souvenir-T-Shirts von der Nordsee sein könnte. Er meint vor allem den Wahnsinn, den diese Band  zu entfesseln bereit ist: sieben Mann auf der Bühne, in immer neuen Kostümen, mit blinkenden Pyramidenhelmen auf dem Kopf und Plattformen und Säulen, die sich wie von Geisterhand um sie herumbewegen.

Vom hanseatischen HipHop-Spaßvogelschwarm zur Techno-­Trash-Performancegruppe

Einer von den Blinkhutträgern ist Kryptik Joe, mit bürgerlichem Namen Philipp Grütering, der letzte verbliebene Rapper der Urbesetzung von Deichkind. Er hat die Transformation der Band vom hanseatischen HipHop-Spaßvogelschwarm zur Techno-­Trash-Performancegruppe komplett mitgemacht. Die setzte etwa 2006 ein, zur Zeit von „Remmidemmi“. „Wir hatten damals eigentlich beschlossen, den Laden dichtzumachen“, sagt Kryptik Joe.

Hamburger HipHop sei damals irgendwie vorbei gewesen, der Erfolg der Band allenfalls mittelmäßig, die Mitglieder mit privaten Problemen geschlagen. Vier, fünf Konzerte mussten sie damals noch spielen, eine Scheißegal-Haltung machte sich breit. „Wir haben dann beschlossen: Wir machen jetzt totalen Quatsch“, erinnert sich der Mittvierziger. Es habe sich nach Punk angefühlt, sagt er. Plötzlich hatten er und seine Kollegen wieder Bock – und eine künstlerische Perspektive.

Was Deichkind live leisten, ist meilenweit entfernt von dem, was gerade in der deutschen HipHop-Szene sonst geboten wird, wo man von vielen Rappern nicht viel mehr als ihre bloße Anwesenheit und ein bisschen „Seid ihr gut drauf?“ bekommt. Die MCs Kryptik Joe, Porky und Roger Rekless (der für Ferris in die Live-Truppe gekommen ist) springen mit ihren vier Bühnengefährten in Tanzschul-Formationen über die Bühne, üben sich in Zeitlupen-Paartanz oder geben die Eintänzer wie in der Ibiza-Großraumdisco. Ein durchchoreografiertes Ballaballa-Ballett, für das man von Rap-Gangstern, die heute die Charts dominieren, vermutlich direkt aufs Maul bekommen würde. „Die Scham haben wir längst abgelegt“, sagt Kryptik Joe. „Ich bin froh, dass wir an diesem Punkt angekommen sind.“

Die Hamburger hinterfragen den Konsum und verlangen mäßige Eintrittspreise

Deichkind könnten auch inhaltlich kaum weiter vom HipHop-Mainstream entfernt sein: Zählen Capital Bra und seine Freunde in ihren Texten vor allem Sportwagen-Marken auf, wird bei den Hamburgern Konsum an sich hinterfragt, etwa bei „Dinge“. Deswegen sind ihre Konzerte mit Eintrittspreisen von rund 50 Euro im Vergleich zur Konkurrenz einigermaßen preiswert. „Wir wollen nicht mehr nehmen als nötig“, sagt Kryptik Joe. „Die Show ist darauf angelegt, dass viele Leute kommen.“

Sechs Wochen haben die Proben für die Tour gedauert, geleitet von Henning Besser alias La Perla, früher der DJ von Deichkind, heute der Regisseur. Aus der Musik hält sich Besser heute heraus, er kommt erst auf der Zielgeraden der Aufnahmen dazu. Dann trägt der Regisseur Ideen in die Band, die für die anderen Mitglieder oft überraschend sind: So wie die Körpermalerei von Yves Klein. „Ich finde das spannend“, sagt Kryptik Joe.

Der Rapper kann mit dem Begriff zwar nicht viel anfangen, aber man darf durchaus das Wort „Kunst“ benutzen. Zumindest so lange, bis das Fass hereingerollt wird, durch die Fans, die laut „Ein Hoch auf die Internationale Getränkequalität“ mitgrölen. Die Schwabenhalle wird zur Bierhalle, und als sich gerade alle auf Proll-Niveau eingegroovt haben, beschwört die Band zu stumpf-teutonischen Beats „1000 Jahre Bier“. Die totale Unterhaltung und der totale Kulturverlust liegen in Deutschland nah beieinander. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft von Deichkind.

Bandgeschichte und Konzerttermine


Die Gruppe Deichkind wurde bereits Ende der 90er Jahre gegründet. Den Kern bilden heute die Rapper Kryptik Joe und Porky sowie Regisseur La Perla. In der Geschichte der Band gibt es viele Umbrüche: Die Mitgründer Malte und Buddy verließen die Truppe, Produzent Sebi Hackert starb 2009.

Im September 2019 erschien das jüngste Deichkind-Album „Wer Sagt Denn Das?“, das Platz drei der Charts erreichte.

Die aktuelle Tournee führt Deichkind unter anderem noch nach Nürnberg (22. Februar) und Stuttgart (28. Februar).