Ulm / Jürgen Kanold  Uhr

Wie kein anderes Land auf der Welt, so schreibt Géraldine Schwarz in ihrem viel gerühmten Buch „Die Gedächtnislosen“, habe Deutschland seine Geschichte bearbeitet. Es sei damit eine „Trutzburg der Demokratie“ geworden, basierend auf der Erinnerung an zwei Diktaturen.

Die deutsch-französische Autorin selbst begann in ihrer privaten Vergangenheit zu recherchieren, als sie entdeckte, dass ihr Großvater in Mannheim 1938 eine jüdische Firma unter Wert gekauft und „arisiert“ hatte, aber nach dem Krieg jede Verantwortung abstritt und einem der ehemaligen Eigentümer, der viele Angehörige in Auschwitz verloren hatte, die Entschädigungsansprüche verweigerte. Und so bettet Géraldine Schwarz ihre Familiengeschichte ein in eine europäische Erzählung von Schuld und Sühne und erklärt nicht zuletzt geschichtsvergessenen Franzosen Vichy – ihr Großvater mütterlicherseits hatte dem mit ­Nazi-Deutschland kollaborierenden Regime als Gendarm gedient.

Ein Happy End freilich hat Schwarz’ Loblied auf die Erinnerungskultur und die moralische Stärke der Deutschen nicht, denn ihr Buch endet damit, wie sie als Journalistin im März 2018 in einem kleinen Dorf in Österreich den „Kongress der Verteidiger Europas“ besucht, ein Treffen der rechtsnationalen Populisten, auf dem nicht nur André Poggenburg spricht. Die aufziehende AfD, der Geruch von Geschichtsrevisionismus: „Diese Menschen diffamieren die deutsche Identität, die stark auf Erinnerungspolitik aufbaut“, klagt die Autorin. „Sie erniedrigen die steinige, mutige und oft genug schmerzhafte Arbeit, die von Millionen Akteuren der deutschen Gesellschaft geleistet worden ist, die sich daran gemacht haben, die Wurzeln des Bösen offenzulegen, um sich dadurch von ihnen zu befreien.“ Unser demokratisches Erbe werde aufs Spiel gesetzt: „die Wachsamkeit gegenüber der Wiederholung eines tödlichen Räderwerks, gegenüber der Gleichgültigkeit und dem Mitläufertum“.

Diese Worte wiegen schwer, nicht nur am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz an diesem 27. Januar. Erinnerungskultur: Sie muss sich neu und zukunftsfähig definieren in einer Zeit, in der die überlebenden Zeugen bald nicht mehr sein werden – die Menschen, die den Tätern und Mitläufern in die Augen geschaut haben und die von ihren Schicksalen persönlich berichten können. Bald ist alles nur Dokumentation, Papier, Film, Archiv. Und wie gehen wir damit um?

Diese Frage ist nicht neu, gerade auch in der Literatur: Wie ist der Holocaust darstellbar, erzählbar? Darüber ist aktuell wieder ein heftiger Streit in den Großfeuilletons entbrannt, den Takis Würger, „Spiegel“-Reporter und Autor, mit seinem Roman „Stella“ ausgelöst hat. Denn der hauptsächliche Vorwurf der teils heftigen Verrisse lautet: Würger habe fahrlässig, unreflektiert, ja effektheischend das Thema Judenvernichtung als beliebig nutzbares Material für eine Lovestory ausgeschlachtet.

Um was es geht: Stella, das ist die wahre Stella Goldschlag, die jüdische „Greiferin“, ein „blondes Gift“, das der Gestapo in Berlin zwischen 1943 und 1945 untergetauchte jüdische Mitbürger denunzierte, um ihre Eltern vor dem Konzentrationslager zu retten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie von einem sowjetischen Militärtribunal zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt; nach einem Leben in mehreren Ehen beging Stella Goldschlag 1994 in Freiburg im Breisgau Selbstmord. Eine schillernde Biografie des Bösen, aufgeschrieben vor Jahren schon in einer „Spiegel“-Serie.

Takis Würger nun, geboren 1985 und erfolgreich mit seinem Debütroman „Der Club“, erzählt von „Stella“ in einem journalistisch schlichten, aber poetisch nur raunenden, kolportagehaften Kitsch-Ton und bemüht dafür einen erfundenen Ich-Erzähler namens Friedrich, einen farbenblinden Schweizer vom Genfer See, sehr reich und mit nazivernarrter Mutter. Fritz hört 1942 gerüchteweise von Judentransporten und fährt deshalb in die deutsche Hauptstadt, die Wahrheit und sich selbst zu finden; er logiert im Grand Hotel am Pariser Platz und begegnet prompt dieser lasziven Frau und auch einem zynischen SS-Schergen, Tristan von Appen, der französischen Käse goutiert und die „Negermusik“ Jazz.

Der naive und leichtfertige Friedrich: Er ist eine schwach motivierte Figur für einen Roman, der nur Babylon Berlin und großes Liebeskino vorführen möchte, aber ausgerechnet in der NS-Zeit starke Bilder sucht. Was nun aber Empörung unter den Kritikern hervorruft: der „Schwarm von Deportierten, Ermordeten und Entkommenen“, der als „stummer Chor im Hintergrund des Liebesromans“ steht, wie etwa Lothar Müller in der „Süddeutschen Zeitung“ bemerkt. Und dass Würger Zeugenberichte aus den Gerichtsakten über Stella Goldschlag kursiv zitiert und damit seine auf den Bestseller schielende Fiktion beglaubigen will.

Auch ein kleiner blasser Mann namens Noah taucht im Roman auf, der im Berlin des Jahres 1942 sich in der Nachtbar als „Meister im Weltergewicht“ vorstellt und Soldaten verdrischt, die Stella begrapschen. Noah Klieger gab es wirklich, er überlebte Auschwitz, weil er sich dort für die Boxer-­Mannschaft gemeldet hatte; Brot und Spiele für den Kommandanten. Im Dezember 2018 starb Klieger, der als Sportjournalist arbeitete, in Tel Aviv. Wieder ein Opfer des Holocaust, das nicht mehr berichten kann – und jetzt als Romanfigur für Authentizitäts-Staffage sorgen muss.

„Eine Geschichte über Angst und Hoffnung – und über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe“ – so kündigt der große, wichtige Hanser Verlag Würgers Roman an, als Nummer eins in seinem Frühjahrsprogramm. Und noch reißerischer: „Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt . . .“ Teuflisch, aber keine teuflisch gute Lektüre. Auch wenn ein den Roman bewundernder Daniel Kehlmann in der Klappentext-Werbung bemüht wird: „Takis Würger hat sich etwas Aberwitziges vorgenommen: Das Unerzählbare zu erzählen.“ Das ist die Fallhöhe, die Würger nun zu schaffen macht, wenn er die Vergangenheit verantwortungslos literarisch nicht bewältigt. Und das Unerzählbare banalisiert.

In einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ rechtfertigte sich der Autor und berichtete von seinen jahrelangen Recherchen, von seinen Begegnungen mit Noah Klieger: „Wir haben auch darüber gesprochen, ob ein 33-jähriger Deutscher ohne jüdischen Familienhintergrund ein Buch über die Shoah schreiben darf. Noah hat gesagt: Warum denn nicht? Es kommt ja nicht darauf an, wie du deinen Gott nennst, sondern was für ein Buch du schreibst.“

Stimmt, darauf kommt es an. Bei aller Aufgeregtheit: „Stella“ ist kein Skandal, aber ein misslungener Roman, der, ähnlich Florian Henckel von Donnersmarcks Film „Werk ohne Autor“, zeigt, wie die NS-Zeit zum „Themenpark“ der Unterhaltungsindustrie wird, wie Thomas Assheuer in der „Zeit“ feststellte.

Die deutsche Erinnerungskultur – sie steht unter Beschuss aus den unterschiedlichsten Ecken.

Geschichte und Fiktion

Die Bücher Géraldine Schwarz, 1974 in Straßburg geboren, ist eine deutsch-französische Journalistin und Autorin: „Die Gedächtnislosen – Erinnerungen einer Europäerin“, ausgezeichnet mit dem „Prix du livre européen“, ist im Secession Verlag erschienen (übersetzt von Christian Ruziczka, 445  Seiten, 28 Euro). Der Hanser Verlag hat Takis Würgers Roman „Stella“ veröffentlicht: 224 Seiten, 22 Euro.