Stuttgart Das neue SWR Symphonieorchester: Der große Klang

Stuttgart / JÜRGEN KANOLD 22.09.2016
Unbeirrt hat der Südwestrundfunk seine zwei großen Klangkörper fusioniert. Heute gibt das neue SWR Symphonieorchester sein erstes Konzert.

Do-Re-Mi – das sind im Italienischen die ersten Töne der Tonleiter. „DoReMi“ hat der Komponist und Dirigent Peter Eötvös sein Violinkonzert betitelt, das heute Abend in der Stuttgarter Liederhalle erklingt. „Do-Re-Mi bedeutet den Anfang von Musik“, erklärt der Ungar, „es ist wie 1,2,3 in der Welt der Zahlen.“ Ein Kinderspiel ist das Werk sicher nicht. Aber programmatischer geht’s kaum, wenn der Südwestrundfunk mit großer Werbekampagne das erste Konzert seines SWR Symphonieorchesters präsentiert, das aus der Fusion von Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (RSO) und Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (SO) hervorgeht: ein Neuanfang in der Moderne.

Über Jahre hat SWR-Intendant Peter Boudgoust allen Kritikern getrotzt, hat Johannes Bultmann als Gesamtleiter der SWR-Klangkörper unbeirrt die Orchesterfusion organisiert.  Der gewünschte Spareffekt wird sich wohl  nicht vor 2025 einstellen, weil die Musiker eine Arbeitsplatzgarantie erhalten hatten und die natürliche Fluktuation die Sollstärke von 119 Musikern erzwingen muss. Einstweilen gehören 175 Musiker dem Orchester an, das keinen Chefdirigenten hat, noch keinen haben soll, sich erst über die künstlerische Identität einig sein will.

Jetzt richten sich die Ohren auf die Zukunft, muss die angestrebte Spitze in der deutschen Orchesterliga erspielt werden. Der große neue Klang. Die Symbolik hat heute in der Liederhalle trotzdem ihre Grenzen, allein schon bühnentechnisch. Klar, nicht alle Musiker sitzen auf dem Podium. 108 Streicher oder neun Posaunisten auf einmal – dafür komponiert keiner. Muss auch nicht sein. Aber 95 sind es schon: für Bartóks Ballettsuite „Der wunderbare Mandarin“, das Eötvös-Violinkonzert und die „Cinq Reflets für Sopran, Bariton und Orchester“ aus Kaija Saariahos Oper „L’Amour de loin“, die im Jahre 2000 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde, und zwar vom Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Schließlich das todtraurige Adagio aus Gustav Mahlers Fragment gebliebener 10. Sinfonie – ein Neuanfang ist immer auch ein Abschied.

Die Musiker, die heute (und morgen noch einmal in  Stuttgart und dann am Samstag in Freiburg) für dieses Programm im Aufgebot stehen, sind gut gemischt: Am ersten Pult spielen Christian Ostertag (einer von vier Konzertmeistern) und Phillip Roy (beide ehemals Freiburg), dann folgen am zweiten Streicherpult mit Gabriele Turk und Lukas Friedrich ehemalige RSO-Mitglieder. Die Instrumentengruppen selbst haben, wie üblich, nach tariflichen Regeln die Dienste verteilt. Konzertprojekt für Konzertprojekt hat eine andere Besetzung, angesichts der Musikermasse können Orchesterteams parallel proben oder konzertieren.

Wer welche Vergangenheit hat, wird bald keine Rolle mehr spielen. Aber ein Wir-Gefühl muss erst entstehen, die Orchesterfamilie zusammenwachsen. Dafür müssen die Musiker aus Freiburg gewonnen werden, die stundenlang zu den Proben fahren müssen: Denn die Zentrale des Orchesters ist Stuttgart mit der Liederhalle – was die Badener nicht sonderlich amüsiert. Ein neues Konzerthaus in Stuttgart, auch ein architektonischer Leuchtturm der Klassik, als ein Ort des motivierenden Neuanfangs bleibt einstweilen nur ein Traum.

Wann aber ist das SWR Symphonieorchester mit unverwechselbarem Sound zu hören? Auf Knopfdruck entsteht er nicht. Ein Chefdirigent wird nötig sein für die Entwicklung – ob das Christoph Eschenbach sein wird, der in diesem Jahr sehr viele Konzerte leitet?

Mit der Fusion hat der Südwestrundfunk eine multimediale Offensive gestartet: mit dem Internetportal SWR Classic und Markus Brock als Moderator. Der Sender hat dabei lustige Ideen, die vielen Musiker zu beschäftigen. „Klarinette lockt, Kollege bloggt“: Sebastian Manz und Dirk Altmann sind Solo-Klarinettisten,  und während der eine morgen nicht zuletzt in Bartóks Ballettsuite gefordert ist, hat der andere dienstfrei und wird die Leistung des Kollegen im Liveblog kommentieren. Manz und Altmann waren Kollegen im RSO und kennen sich gut. Allerdings verfügt das neue Orchester über zwei weitere Solo-Klarinettisten, Wolfhard Pencz und Kilian Herold, ehemals Freiburg. Die werden morgen das Konzert vielleicht als Online-User verfolgen.

Im Fernsehen, im Radio, online

Das Konzert Unter der Leitung von Peter Eötvös spielt das neue SWR Symphonieorchester heute, 20 Uhr, in der Stuttgarter Liederhalle sein erstes Konzert (Wiederholung am Freitag, 20 Uhr, in der Liederhalle und am Samstag, 20 Uhr, im Freiburger Konzerthaus). Gesangssolisten sind Pia Freund (Sopran) und Russell Braun (Bariton), die junge moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja  musiziert Eötvös’ Violinkonzert. Wer nicht die Möglichkeit hat, im Konzertsaal dabei zu sein, kann das Ereignis trotzdem live erleben: ab 20 Uhr als Stream im Internet auf dem neuen Portal SWR Classic oder auf ARTE concert, im Hörfunk bei SWR2 und im SWR Fernsehen zeitversetzt ab 20.15 Uhr. Dort führt Moderator Denis Scheck die Zuschauerinnen und Zuschauer durch die Konzertpause.

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