Es ist eher eine Ohrfeige als ein Roman: „Wer hat meinen Vater umgebracht“, heißt das neue Buch von Édouard Louis. Kaum eine Stunde sitzt man an dem Text, der sich anfühlt wie ein Knall. Kaum 80 Seiten hat das Buch, doch dafür hat es schon ziemlich viel Aufhebens um sich gemacht.

Das liegt daran, dass der Autor in Frankreich ein intellektueller Star ist, ein literarisches Ausnahmetalent, ein blutjunger, schwuler, politischer Denker – aus der Arbeiterklasse. Um zu werden, was er ist, musste er regelrecht aus seinem Herkunftsmilieu fliehen, davon handelte sein Roman „Das Ende von Eddy“. Mit dem aktuellen Buch kehrt der 26-Jährige gewissermaßen zurück, um den Vater auf archaische Weise zu rächen. Allerdings nicht mit den Fäusten, sondern mit der Sprache.

Der Text ist ein Brief an den Vater – ein Gegenüber, das sich vor allem durch Abwesenheit, Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit auszeichnet. „Dass nur der Sohn spricht, ausschließlich er, ist für beide brutal“, schreibt Louis. Er tut es trotzdem, denn der Vater kann es nicht, er hat keine politische Stimme, ist den sozialen Mechanismen der Unterschicht ausgeliefert. Dabei bleibt er einem Männlichkeitswahn verhaftet, der ihn fast alles kostet, die Liebe seiner Frau, das Verhältnis zum Sohn, die Möglichkeit, sich ein interessanteres Leben zu entwerfen: „Die Männlichkeit hat dich zur Armut verdammt“. Weil der Vater es nicht aussprechen kann, tut es sein Sohn: „Ich habe oft das Gefühl, dass ich dich liebe.“ Diese 77 Seiten dokumentieren nicht zuletzt den verzweifelten Versuch des Kindes, eine Beziehung zum Vater aufzubauen.

Provozierende Abrechnung

Darüber hinaus sind sie soziologische Analyse und provozierend zugespitzte Abrechnung mit einer Gesellschaft, die dem Vater keine Chance ließ: „Du bist gerade mal über fünfzig. Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat“.

Als der Vater Mitte dreißig ist, zerstört ein Arbeitsunfall seinen Rücken. Und die Politik zerstört seine Würde. Sein Sohn nennt die Täter: Jacques Chirac, der dafür verantwortlich war, dass die Kosten für die Medikamente nicht mehr erstattet wurden. Nicolas Sarkozy, der den Vater zwang, mit der kaputten Wirbelsäule als Straßenfeger zu arbeiten. Emmanuel Macron, der den Ärmsten noch fünf Euro von der Wohnungsbeihilfe abzwackt. „Ich möchte ihre Namen in die Geschichte einschreiben, das ist meine Rache“, schreibt Louis. Auf das Leben jener, die nicht arm sind, habe Politik kaum Auswirkungen: „Für uns ist sie eine Frage von Leben und Tod.“

Mit diesem „uns“ solidarisiert sich der brillante Schriftsteller Édouard Louis, mit den Gelbwesten ist er auf die Straße gegangen, obwohl er um die Gefahr weiß, dass die Bewegung nach rechtsaußen driftet. Doch wer sie ablehne, sagte er neulich, mache nur die Rechten stärker. Er aber wolle jenen eine Bühne geben, die in der öffentlichen Diskussion nicht vorkommen, den Schmerz artikulieren, den einer wie sein Vater nicht in Worte bringen kann. Engagierte Literatur mit allen Risiken und Nebenwirkungen ist das – dafür wird sie teils auch kritisiert, genau deshalb sollte man sie gelesen haben.