Forschung Das Linden-Museum und die koloniale Vergangenheit

Stuttgart / Lena Grundhuber 09.06.2018

Was ist ein „problematisches Objekt“? „Das kann Schmuck sein“, sagt Inés de Castro. Schmuck, der einem Menschen geraubt wurde, nachdem er im Kampf gegen die deutsche Kolonialmacht getötet wurde. So etwas wäre für die Chefin des Stuttgarter Linden-Museums ein Gegenstand, mit dem man sich näher beschäftigen muss, um herauszufinden, wer ihn entwendete und wie er ins Museum kam. Die Frage, ob und wem man ihn zurückgeben sollte, steht im langwierigen Prozess namens Provenienzforschung erst am Ende. In der öffentlichen Debatte ist das etwas anderes, deshalb vorweg: Ja, es gebe Gespräche über mehrere Objekte aus Australien, sagt de Castro, ansonsten seien Rückforderungen kein großes Thema.

Viel wichtiger für die Museumschefin ist, dass zumindest in ihrem Haus selbst nachgeforscht wird. Vor zwei Jahren hat das Linden-Museum das Forschungsprojekt „Schwieriges Erbe“ mit der Universität Tübingen gestartet und den eigenen kolonialzeitlichen Bestand unter die Lupe genommen; die Ergebnisse wurden gestern vorgestellt. Auf 25 400 Objekte aus Namibia, Kamerun und dem Bismarck-Archipel hat man sich konzentriert. Thomas Thiemeyer vom Institut für Empirische Kulturwissenschaften widmete sich derweil der Frage, wieso  Deutschland sich gerade jetzt mit den Folgen der Kolonialzeit beschäftigt – nicht zuletzt natürlich, weil in Berlin das hochumstrittene Humboldt-Forum fertig wird.

Dialog mit Herkunftsländern

Auch die Erkenntnisse zur Stuttgarter Sammlung sind nicht zum Zurücklehnen: 91 Prozent der untersuchten Objekte – häufig Alltagsobjekte unklarer Provenienz – kamen insbesondere durch Kolonialbeamte, Akteure der Kolonialwirtschaft und Militärangehörige. Im Falle Kameruns gelangten 41 Prozent der Gegenstände zwischen 1900 und 1920 über das Militär nach Stuttgart, aus Namibia sind es gar 46 Prozent.

Die Frage nach Restitutionen ist für Thiemeyer und de Castro vor allem eine politische, zumal nicht alle Herkunftsgesellschaften darauf aus seien: „Es muss ja nicht immer Rückgabe sein“, sagt Inés de Castro. Im Museum werde nun mit eineinhalb Stellen weitergeforscht. Für die Museumsleiterin zählt die Perspektive. „Wir werden uns als Museum nicht aus der Kolonialzeit befreien können, es geht darum, reflektiert und transparent mit unserer Rolle umzugehen.“ Das bedeute Öffnung – mit der Digitalisierung der Bestände, aber auch im Dialog mit den Herkunftsgesellschaften. Die Forschungsergebnisse sollen 2019 in die neue Dauerausstellung zu Afrika Eingang finden.  

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