Kino Das Kino des Quentin Tarantino

Der Meister und seine Muse: Quentin Tarantino mit Uma Thurman am Set von „Kill Bill“.
Der Meister und seine Muse: Quentin Tarantino mit Uma Thurman am Set von „Kill Bill“. © Foto: Alamy – AF Archive
Los Angeles / Magdi Aboul-Kheir 07.09.2018

Das Set ist die Kirche, Quentin ist Gott, sein Drehbuch ist die Bibel, und Ketzer sind nicht zugelassen.“ So spricht Weltstar Brad Pitt über den Filmemacher Quentin Tarantino. Und er meint jedes Wort bewundernd.

Keiner hat die Kunst der filmischen Erzählung mehr verändert als dieser amerikanische Regisseur und Drehbuchautor, seit er mit „Reservoir Dogs“ (1992) auf der Bildfläche erschien und dann mit „Pulp Fiction“ (1994), gerade mal 31 Jahre alt, seinen Platz im Kino-Olymp einnahm.

Wie der aus Tennessee stammende Tarantino Erzählweisen revolutioniert hat, wie er abseitige Popkultur- und Genre-Elemente zur Vitalisierung von Filmen einsetzt, wie er mit Gewalteinlagen und Alltagssprache spielt: Das hat einen nachhaltigen Einfluss auf die Filmkultur, weltweit. Er schafft Neues aus Altem, Wertiges aus Trash.

Der US-Filmkritiker Tom Shone hat nun den prächtigen Band „Tarantino“ vorgelegt, der eines mit den Filmen gemein hat: Er ist bildgewaltig. Shone illustriert darin die Geschichte eines Hollywood-Außenseiters, eines Enfant terrible, das heute, mit 55 Jahren, als zweifacher Oscar-Preisträger längst Teil des Kanons ist, den er früher zitiert hat.

Heute wird Tarantino zitiert, denn er hat Filmgeschichte geschrieben: mit Figuren wie Vincent Vega und Jules Winnfield, Hans Landa und Doc Schultz, mit Szenen wie dem Twist in „Pulp Fiction“, den blutigen Kämpfen in „Kill Bill“ mit seinen typischen Dialog-Duellen, etwa in „Inglourious Basterds“.

„Tarantino“ ist eine Annäherung an Biografie und Werk, die nicht in erster Linie analytisch ist. Aber wie Shone Leben und Filme (vom Frühwerk über „Jackie Brown“ bis zu „Hateful 8“) Revue passieren lässt, wie dabei Tarantino selbst, Wegbegleiter, aber auch Kritiker zu Wort kommen, entsteht ein lebendiger Eindruck.

Tatsächlich scheinen viele Klischees, die über Tarantino in Umlauf sind, der Wahrheit zu entsprechend.  Ja, er ist ein lebendes Kino-Lexikon, der seine wahre Sozialisation als Angestellter eines Videoladens erfahren hat. „Quentin weiß mehr über das Kino als irgendjemand sonst“, wie Brad Pitt sagt. „Und das fließt in die tägliche Arbeit ein.“

Ja, Tarantino ist ein kreativer Berserker, der zappelig ist und wie ein Maschinengewehr spricht. Ja, er ist ein manischer Cineast, der sich frech in der Filmgeschichte bedient.  Wobei er wiederum auf sehr eigene Weise dem Vorwurf entgegnet, er kopiere und kompiliere nur: „Große Künstler klauen, sie machen keine Hommage.“ Am Ende seiner Karriere will er selbst als großer Künstler angesehen werden, das betont Tarantino.

Aber Tarantino ist eben auch einer, der einen enorm zärtlichen Blick hat, der seine Schauspieler liebt, sie umgarnt und sie verschwörerisch zu Höchstleistungen anstachelt.  Und seine Filme sind eben auch viel mehr als geborgte, gesampelte, gemixte Filmgeschichte. Sie sind sogar immer wieder sehr persönlich, nicht nur durch Tarantinos Blick und seine ästhetische Vorlieben, sondern auch inhaltlich. Man denke nur an die immer wiederkehrenden wichtigen Vater-Sohn-Konstellationen, die in etlichen Filmen des vaterlos aufgewachsenen Tarantino auftauchen.

Ohnehin ist es falsch zu sagen, Tarantino mache nur Filme über Filme, betont Shone. Tarantino mache Filme aus seinen Erfahrungen heraus, und „auch ein Leben, das hauptsächlich aus Filmkonsum besteht, ist ein Leben“.

So ungewöhnlich seine Filme sind, so unorthodox ist auch Tarantinos Arbeitsweise. Das beginnt beim Verfassen des Drehbuchs und der berühmten Wortwechsel seiner Figuren: Tarantino sagt, dass er eben die Dialoge nicht erfinde, sondern seine Figuren dazu bringe, miteinander zu reden. Das schreibt er dann nur auf. Auch in Sachen Casting ist er eigen: Wenn Tarantino einen Schauspieler besetzen will, dann macht er das selbst, ohne Agenten und am besten in einer durchzechten Nacht.

Tom Shones Buch geht nicht wirklich tief. Aber dafür ist sein Band keine Lobhudelei, keine Tarantino-Verklärung, sondern er spart nicht mit distanzierten Urteilen und zitiert kritische Stimmen. Und allemal ist das Buch eine gute Möglichkeit, die Wartezeit bis zu Tarantinos nächstem Film „Once Upon a Time Hollywood“ zu verkürzen, der im Sommer 2019 in die Kinos kommen soll. Dann ist neben ­Leonardo DiCaprio, Margot Robbie, Kurt Russell, Al Pacino und Burt Reynolds auch Brad Pitt wieder dabei – einmal mehr in Quentins Tarantinos Kirche.

Geld, Preise und Ehrungen

Quentin Tarantino war fünfmal für den Oscar nominiert, zweimal hat er ihn gewonnen: für die Original-Drehbücher von „Pulp Fiction“ und „Django Unchained“.  Für diese beiden Skripte gewann er auch jeweils einen Golden Globe. Seit 2009 gibt es eine nach Tarantino benannte Straße auf dem Filmgelände Babelsberg, und 2011 gewann er den Ehren-César für sein Lebenswerk – mit 48 Jahren.

Auch wenn seine Filme nicht für jeden Geschmack sind, haben sich doch etliche von ihnen als Kassenknüller erwiesen. Der weltweit kommerziell erfolgreichste Tarantino-Film war „Django Unchained“ mit 425 Millionen Dollar, es folgen „Inglourious Basterds“ mit 322 Millionen und „Pulp Fiction“ mit 214 Millionen. Auch in Deutschland sind das die drei erfolgreichsten Tarantino-Filme:  „Django Unchained“ sahen erstaunliche 4,5 Millionen Menschen im Kino, „Inglourious Basterds“ 2,1 Millionen und  „Pulp Fiction“ 1,6 Millionen.

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