Ulm / JÜRGEN KANOLD  Uhr
Als das erste Internationale Donaufest Ulm/Neu-Ulm 1998 stattfand, tobte der Kosovo-Konflikt. Peter Langer erinnert sich: "Wir trafen mit dem Donaufest einen historischen Punkt."

Was war das für ein Jahr, 1998? Gerhard Schröder löste Helmut Kohl als Bundeskanzler ab, Guildo Horn hatte beim Grand Prix d’Eurovision alle lieb. Dem US-Präsidenten Bill Clinton drohte die Amtsenthebung wegen der Sex-Affäre mit Praktikantin Monica Lewinsky, und während der 1. FC Kaiserslautern deutscher Fußballmeister wurde, hielt Bayern-Trainer Giovanni Trappatoni seine Flasche-leer-Wutrede.

Aber auf dem Balkan tobte damals, 1998, der Krieg. Mittlerweile im Kosovo. Nach dem Ende Jugoslawiens war Südosteuropa noch lange nicht zur Ruhe gekommen, der Völkermord der Serben in Srebrenica an den Bosniaken lag gerade drei Jahre zurück. Erst  Luftangriffe der Nato zwischen März und Juni 1999 sollten die serbische Regierung unter  Slobodan Miloševic zum Rückzug aus dem Kosovo zwingen.

Bomben fielen auch auf Novi Sad, die Hauptstadt der Vojvodina, und zerstörten die Donaubrücke. Novi Sad, das war nicht nur die Stadt der serbischen Mathematikerin Mileva Maric, einer Ehefrau des Nobelpreisträgers Albert Einstein, es war auch die Heimatstadt des Schriftstellers Aleksandar Tišma, Sohn eines Serben und einer ungarischen Jüdin, der 18 Jahre alt war, als kroatische Nazis 1942 mehr als tausend jüdische Kinder, Frauen und Männer umbrachten. Eine unselige Geschichte des Hasses, ein Morden über Jahrhunderte.

Aber in Ulm und Neu-Ulm begann am 3. Juli 1998 das erste Internationale Donaufest, es wurde, so lautete das Motto damals, mit großen europäischen Worten zu „neuen Ufern“ aufgebrochen. György Konrád, der ungarische Schriftsteller, hielt seine berühmte Rede und gab in wunderbarer Rollenpoesie den Kurs vor: „Seht mich an, sagt die Donau, groß bin ich, schön und weise, niemanden in Europa gibt es, der mir das Wasser reichen könnte. Lasst euch nieder zu beiden Seiten meines Ufers. Ich will eure Hauptstraße sein.“

Das wurde sie. Man muss sich, wenn am Freitag das zehnte Internationale Donaufest mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und Routine beginnt,  zum Beispiel mal vorstellen, dass 1998 nur zwei der zehn Donauländer Mitglied der Europäischen Union waren: Deutschland und Österreich. Heute sind es sieben Länder: auch die Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Rumänien und Kroatien. Serbien ist offiziell EU-Beitrittskandidat. Und die Ukraine und Moldawien? Sind im neuen Ost-West-Konflikt zerstrittene Länder, viele Bürger aber sehnen sich nach Europa.

Was György Konrád damals in Ulm so prophetisch erklärte, wurde zur Grundlage der EU-Strategie für den Donauraum: „Den Bürgerinnen und Bürgern entlang der Donau dauerhaften Frieden, demokratische Verhältnisse, Rechtssicherheit, eine saubere Umwelt, Wohlstand, Bildung und soziale Gerechtigkeit zu bringen“, das sind die Ziele, wie sie Peter Langer in seiner Denkschrift „Vision und Verantwortung Europa“ formuliert. „Niemand hätte sich damals vorstellen können, welche vorausschauende Kraft in Konráds Worten steckte“, sagt Langer heute: „Wir hatten einen historischen Punkt getroffen.“

Das darf der  66-jährige Donaubeauftrage der Städte Ulm und Neu-Ulm und Generalkoordinator des Rats der Donaustädte  und -regionen getrost feststellen. Damals fing alles an. Langer war es, der sich für ein Donaufest seit den 90er Jahren als Stadtrat einsetzte, anknüpfend an das fortsetzungslose „Donaufest Ost-West“ von 1989, und im Budapester Gellert-Bad steckte er mit OB Ivo Gönner legendär männerfreundschaftlich die Päne ab. Dann gab Gönner mit seiner Schwörrede 1997 den Startschuss. Langer war zwölf Jahre lang, von 1998 bis 2010, der künstlerische Leiter: so erfolgreich wie umstritten, so visionär wie organisationschaotisch.

Die Qualität der Programme war unterschiedlich: 1998 fiel sensationell aus, mit der Fanfare Ciocarlia, mit Jow Zawinuls „Stories of the Danube“, mit dem Theater Silviu Pocarete oder dem Chor Le Mystère des Voix Bulgares. Andere Jahrgänge waren eher folkloredominiert. Da muss man jetzt nichts verklären.

Sicher aber ist: Über die verbindende Kultur sind die Menschen ins Gespräch gekommen, das war immer die Basis der Politik. Weshalb ein Donaufest auch ein großes Kulturfestival sein sollte – wozu sich die Doppelstadt bekennen muss, auch finanziell. Da hat Langer Recht:  „Die kulturelle Vielfalt im Donauraum fußt auf alten Traditionen und auf gemeinsam erlebter und erlittener europäischer Geschichte.“ Die Kultur baut die Brücken.

Aber „die politische Bedeutung des Donaufests ist wichtiger denn je“, sagt Langer, der das  2016er-Programm „gut“ findet. Keine Frage: Europa brennt wieder: der neu aufkeimende Nationalismus. Oder die Migration: „Die Balkan-Route könnte auch Donau-Route heißen.“ Und gerade wer die friedensstifende EU-Geschichte der Donauländer betrachtet, muss entsetzt sein über den leichtsinnigen Brexit der Briten. Damals, 1998, war das Thema europäische Integration „so richtig heiß“. Das hat sich nicht geändert.

Wer sich mit Peter Langer unterhält, hat das Gefühl, dass da einer auch um sein Lebenswerk kämpft. Um eine große Idee. Die Donau als „Hauptstraße“ Europas hat tatsächlich nichts von ihrer Faszination verloren. Die Donaufeste in Ulm und Neu-Ulm sollten diese Idee mit Leben füllen: mit Festivalkultur.

Weltliteratur im Stadthaus

Lesungen Beim ersten Internationalen Donaufest 1998 las der Schriftsteller Alexsandar Tišma (1924-2003)  in der Reithalle beim viereinhalbstündigen, musikalisch-literarischen Vielvölker-Programm „Zeitton“, und zwar aus seinem Roman „Kapo“. Jetzt, beim 10. Donaufest, kommt die Schauspielerin Ulrike Kriener („Kommissarin Lukas“ und berühmt seit „Männer“) in der Reihe „Weltliteratur“ ins Stadthaus und stellt Tišmas Roman „Der Gebrauch des Menschen“ vor: am Sonntag, 10. Juli, 19 Uhr. Den ersten Teil der Donaufest-„Weltliteratur“ bestreitet der Schauspieler August Zirner, er liest am Samstag, 20 Uhr, im Stadthaus aus dem Werk von Danilo Kiš (1935-1989). Der war Sohn einer Montenegrinerin und eines ungarischen Juden und zog 1979 aus Jugoslawien nach Frankreich. Herausragend: Kiš’ antistalinistischer Erzählzyklus „Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch“. Thomas Mahr leitet jeweils die Literaturabende ein.