Literatur Das Drama einer Stalkerin

Die in Neu-Ulm lebende Autorin Silke Knäpper.
Die in Neu-Ulm lebende Autorin Silke Knäpper. © Foto: Privat
Ulm / Jürgen Kanold 04.08.2018

Eine Märznacht in Köln, eine Frau stürzt vom Balkon. Einer anderen Frau, Helen, fällt sie quasi vor die Füße. Sie schaut nach der Toten, greift ihr verstört in die Manteltasche und nimmt, „einem unerklärlichen Impuls folgend“, einen Schlüsselbund mit. Helen geht nach Hause und beobachtet dann vom Schlafzimmerfenster aus, wie ein Mann aus der Nachbarschaft den leblosen Körper fixiert – und davoneilt.

Aus der Perspektive Helens schildert die in Neu-Ulm lebende Autorin Silke Knäpper diese Szene in ihrem neuen Roman „Das Lieben der Anderen“: Wer ist die Tote, wer ist der Mann, handelt es sich um ein Verbrechen? Was dann aber beginnt, ist der „Seelenkrimi“ Helens – es ist die betroffen machende, traurige Geschichte einer Stalkerin, einer schwer kranken Frau. Helen arbeitet als Erzieherin, führt aber ein „blasses Dasein, das ihrem schmächtigen Körper glich, so hager und androgyn, unweiblich, flachbrüstig, ohne Höhen und Tiefen“. Sie stammt von der Schwäbischen Alb bei Münsingen. Dem Vater, einem Dorf-Casanova, war sie nie wichtig gewesen; er ist tot, abgestürzt in den Bergen mit Helens geliebtem Bruder. Es gab einmal einen Robert, den sie sich erkämpfen musste, aber diese Beziehung ist auch längst vorbei, kinderlos.

Es ist ein deprimierendes Leben. Große Leere. Jetzt aber will Helen auch etwas abhaben, nicht mehr das Lieben der anderen anschauen müssen. Sie will heraustreten ins Licht, färbt sich nicht nur die Haare wasserstoffblond. Und ausgesucht hat sie sich diesen Mann aus der Märznacht. Kriminalistisch ermittelt sie Identitäten: Eine Frau namens Claire war es, die vom Balkon stürzte. Und sie war verheiratet gewesen mit Simon Prohaska, einem Psychoanalytiker aus Wien; ohne Freud geht’s naturgemäß nicht in diesem Roman.

„Ein bisschen Seelenwunden streicheln“? Nein, Helen sagt das nicht ironisch, sie fordert von Simon deutlich mehr: Zuneigung, Liebe, Sex. Wie ein „modernes Aschenbrödel in einem imaginären Berg aus Hülsenfrüchten, ihrem angehäuften Lebensschutt“, steht sie da: trotzig und entschlossen, die Zumutungen ihrer Vergangenheit abzuschütteln „und sich ihrem vermeintlichen Prinzen an die Brust zu werfen“. Das ist eine starke Sprache, und die Protagonisten haben auch in Silke Knäppers neuem Roman „Das Lieben der Anderen“ nicht nur interessante Konturen, sondern transportieren ziemlich viel kompliziertes Leben. Es sind psychologisch genau durchforschte Biografien mit schweren Kindheits-Handicaps.

Nach den Romanen „Im November blüht kein Raps“ (2012) und „Hofkind“ (2016) unterstreicht die Germanistin, Romanistin und Lehrerin an der Ulmer Steinbeis-Schule mit einem weiteren bei Klöpfer & Meyer verlegten Buch ihre überregionale Klasse als Erzählerin. Der Titel „Das Lieben der Anderen“ spielt mit der Analogie zu Florian Henckel von Donnersmarcks Stasi-Filmdrama und beschreibt die Romanhandlung exakt.

Silke Knäpper (1967 in Ulm geboren) besitzt nicht nur Sprachkraft, sie kann auch einen Roman entwickeln, verästeln, ohne die Linie zu verlieren – so weitet sich bald die gut recherchierte, realistische Geschichte. Es kommt Simons Psychogramm dazu, erzählt aus seiner Perspektive. Auch er hat sein Leben nicht im Griff. Und so baut „Das Lieben der Anderen“ auch noch Krimi-Spannung auf. Sehr lesenswert! 

Info Der Roman ist jetzt im Handel erhältlich, eine Buchpremiere mit musikalischer Begleitung findet dann in Ulm am 5. Oktober, 19.30 Uhr, im Künstlerhaus (Grüner Hof 5)  statt.

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