Bücher Das Comic emanzipiert sich

Stuttgart/Berlin / Claudia Reicherter 19.12.2018

Manno!“ – Witz und Bildsprache in Anke Kuhls „Kurzberichten aus einem ganz normalen Kinderleben zwischen Euphorie und Katastrophe“ überzeugten die Jury des seit 2014 jährlich im April in Stuttgart verliehenen Comicbuchpreises der Berthold-Leibinger-Stiftung. Das All-Ages-Comic der Frankfurter Illustratorin und Autorin erhält deshalb 2019 den höchstdotierten deutschen Comicpreis. 2018 prämierten die acht Juroren um FAZ-Literaturchef Andreas Platthaus die Arbeit eines in Deutschland noch eher seltenen Teams aus Schriftsteller und Zeichner: Thomas Pletzinger und Tim Dinter nehmen sich in „Blåvand“ des brisanten Themas Entwicklungshilfe an – eine reine Erwachsenen-Geschichte also. Wie auch 2017, als der Preis an Tina Brenneisens autobiografische Bildererzählung über eine Totgeburt ging: „Das Licht, das Schatten leert“.

Dennoch sind All-Ages-Comics, gezeichnete Literatur, die sich an Kinder ebenso wie an Erwachsene richtet, im Kommen. Einen weiteren Trend zeigen aktuelle Neuerscheinungen: Darunter sind viele Biografien und Literaturadaptionen. Auch wenn die für Johann Ulrich „komplett überflüssig“ sind. Sie stünden „für die Fantasielosigkeit der Branche“, meint der Mann, der vergangenes Jahr mit Benjamin Renners „Der große böse Fuchs“ (Avant Verlag, 192 Seiten, 25 Euro) eins der großartigsten All-Ages-Comics und dieses Jahr mit Mikael Ross’ „Der Umfall“ (130 Seiten, 28 Euro) das beste Comic überhaupt herausgab – „es sei denn, sie erweitern das ursprüngliche Werk um wichtige Facetten“.

In diesem Sinne entdeckens­wert ist etwa Typex’ „Andy – a Factual Fairytale“ (Carlsen, 562 S., 48 Euro) über Warhols Leben und Werk, Julie Birmant und Clément Oubreries „Pablo“ (Reprodukt, 352 S., 39 Euro) über den jungen Picasso und Jan Bachmanns Übertragung der Tagebücher in „Mühsam – Anarchist in Anführungszeichen“ (Edition Moderne, 96 S., 19 Euro). Die renommierte französisch-marokkanische Romanautorin Leïla Slimani adaptiert ihre Gespräche mit muslimischen Frauen in „Hand aufs Herz“ (Avant, 108 S., 25 Euro) gewissermaßen selbst.

Charlie-Hebdo-Karikaturistin Catherine Meurisse dichtet und zeichnet in „Olympia in Love“ (Reprodukt, 70 S., 18 Euro) Meisterwerke der Kunstgeschichte zu einer witzigen Story um. Alessandro Tota liefert mit Zeichner Pierre van Hove in „Der Bücherdieb“ (Reprodukt, 176 S., 20 Euro) ein Comic über Literatur. Und die erst 22-jährige Tillie Walden, jüngst mit dem Eisner-Preis geehrt, erzählt in „Pirouetten“ (Reprodukt, 400 S., 29 Euro) von ihrer Jugend als Eisläuferin bis hin zum Coming-Out im oberflächlichen Kufen-Zirkus.

Dass es Nick Drnasos langsam und äußerst reduziert erzählte „Sabrina“, die auf Deutsch im Berliner Aufbau-Verlag erscheinen soll, dieses Jahr als erste Graphic Novel in die Vorauswahl des Man Booker Preises geschafft hat, zeigt einen weiteren Trend: Comics werden zunehmend als Literatur wahrgenommen. Für Johann Ulrich ist diese „Emanzipation des Mediums“, auch in Deutschland, „überfällig“.

Ob Comic- oder allgemeiner Buchpreis: Auszeichnungen erhöhen die Aufmerksamkeit – Erfolg garantieren sie noch lange nicht. So hatte Leibinger-Preisträgerin Tina Brenneisen zunächst Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden. „Negativ belegte, zähe Themen wie der Tod lassen sich einfach nicht gut verkaufen“, meint die Berlinerin. Im Herbst soll „Das Licht, das Schatten leert“ aber doch erscheinen: in der Schweizer Edition Moderne.

Anderswo verzeichnen Tom Harts „Rosalie Lightning“ über plötzlichen Kindstod, Unas „Becoming Unbecoming“ über Gewalt gegen Frauen und Keiler Roberts’ melancholisches Mutter-Dasein in „Sunburning“ auch kommerziellen Erfolg. Das mag damit zu tun haben, dass weibliche Leser und Autoren, wie Verleger Ulrich beobachtet hat, auf dem Vormarsch sind. Parallel dazu steige das Interesse des Auslands an deutschen Autoren.

Dennoch machen Comics laut Platthaus noch immer einen kleinen Anteil am Buchmarkt aus – 5000 verkaufte Exemplare gelten als „Riesenerfolg“. Menno!? Zum Glück gibt es Preise wie den mit 20 000 Euro dotierten der Leibinger-Stiftung – die Ausschreibungs­frist für 2020 läuft gerade an.

Literaturpreise für gezeichnete Werke

1992 Pulitzer Preis Art Spiegelmans Schwarz-Weiß-Comic „Maus“ erhält als erster Comic den US-Medienpreis.

2001 Guardian First Book Award Chris Wares „Jimmy Corrigan: The Smartest Kid on Earth“ erhält einen britischen Buchpreis.

2012 Costa Book Awards Joff Winterharts „Days of the Bagnold Summer“ ist als „Roman“ nominiert; Mary und Bryan Talbots „Dotter of her Father’s Eyes“ gewinnt in der Kategorie „Biografie“.

2016 Deutscher Jugendliteraturpreis Kristina Gehrmann erhält den „Sachbuch“-­Preis für „Im Eisland“.

2018 Man Booker Prize „Sabrina“ des US-Zeichners Nick Drnaso schafft es als erste Graphic Novel auf die Longlist des renommierten Preises für englischsprachige Literatur. cli

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