Architektur Das Besondere an „the Mack“

Glasgow / Claudia Reicherter 23.06.2018

Heartbreaking – herzzerreißend. Das ist das Wort, das Menschen derzeit beim Stichwort „Glasgow“ einfällt. Nicht nur den Einwohnern der größten schottischen Stadt, sondern in aller Welt. Dabei geht es keineswegs um Celtic oder Rangers, sondern um ein Thema, das über die einst heruntergekommene Schiffsbau-Metropole am Clyde, die sich seit ihrer Ernennung zur europäischen Kulturhauptstadt 1990 zur Design-Hochburg gemausert hat, noch mehr hinaus­strahlt als Fußball: das Erbe Charles Rennie Mackintoshs (1868-1928).

Am 7. Juni wäre der Glasgower Architekt, Kunsthandwerker, Designer, Grafiker und Maler 150 geworden. Am 10. Dezember vor 90 Jahren ist er mit 60 völlig verarmt und von der Kunstwelt vergessen in London gestorben. Der Mitbegründer des „Glasgow Style“ gilt als einer der kreativsten Köpfe des frühen 20. Jahrhunderts, bedeutendster Repräsentant des britischen Jugendstil oder Art Nouveau, der Künstler der Wiener Secession wie Josef Hoffmann und Gustav Klimt beeinflusste und zu den Vorläufern von  Bauhaus und Moderne zählt.

Deshalb feiert die 600 000-Einwohner-Stadt ihren berühmten Sohn das ganze Jahr hindurch, mit Ausstellungen, Vorträgen, Führungen, der Wiedereröffnung  der von ihm 1903 gestalteten „Willow Tea Rooms“ in der Fußgängerzone am 2. Juli, die seit einigen Jahren renoviert wurden. Und mit der Einweihung des neuen V & A Dundee von Stararchitekt Kengo Kuma am 15. September, dessen Herzstück Mackintoshs 50 Jahre lang eingemotteter Eichensaal im ehemaligen Glasgower „Ingram Street Tea Room“ sein soll.

Kein Grund für gebrochene Herzen also – bis vor einer Woche Bilder vom Feuer in Mackintoshs berühmtestem Bauwerk um die Welt gingen. Von dem Hauptgebäude der Glasgow School of Art (GSA), einer der ältesten und renommiertesten Kunsthochschulen Großbritanniens, blieb nur eine verkohlte Ruine zurück. Und das, nachdem der außergewöhnliche Sandsteinbau vier Jahre lang liebevoll und mit großem Aufwand nach Originalvorlagen restauriert worden war – für Architektur- und Designliebhaber weltweit eine Tragödie.

Das Großfeuer zerstörte auch das angrenzende, 1875 erbaute „O2 ABC“, einen der wichtigsten Live-Clubs dieser laut Time Magazine „heimlichen  Musikhauptstadt Europas“, aus der Bands wie Franz Ferdinand, Mogwai, Primal Scream, Teenage Fanclub, Belle and Sebastian und Chvrches stammen. Die Kunst-Uni zählt Turner-Preisträger wie Simon Starling, Richard Wright und Martin Boyce, dazu Joan Eardley, Jenny Saville, David Shrigley, Peter Capaldi und Robbie Coltrane zu ihren Alumni.

1893 hatte sich der als Autist geltende GSA-Abendkurs-Absolvent, der bis dahin noch mit dem Namen Chas R. Mc­Intosh unterschrieb, mit seiner späteren Frau Margaret Macdonald, deren Schwester Frances und seinem Freund Herbert McNair – alles Maler und Designer – zu „The four Macs“, kurz „The Four“, oder „The Immortals“, die Unsterblichen, zusammengetan.

Parallelen zu Lloyd Wright

Eine kurze Phase phänomenaler Schaffenskraft folgte: In etwas mehr als zehn Jahren schuf er zehn bemerkenswerte Gebäude in und um Glasgow, dazu zahlreiche Innenausstattungen, Aquarelle, Möbel und Lampen, nahm an Ausstellungen etwa der Secession 1900 in Wien, in Turin und München teil.

Nun wirkt es wie bittere Ironie, dass sich die Stadt gern mit Chicago vergleicht. Die wiederholten Brände, die die Anwesen von dessen berühmtestem Architekten, Mackintoshs Zeitgenosse Frank Lloyd Wright, zerstörten, sind schließlich legendär. Nicht zuletzt raubten sie ihm auch seine große Liebe. Die Liebe der Glasgower zu Mackintoshs Meisterwerk allerdings musste erst wachsen: Die Mischung aus Stein und Eisen, schroff und verspielt, und die latente Asymmetrie von „the Mack“ war ihnen zunächst suspekt, der 28-Jährige seiner Zeit zu weit voraus.

Der junge Architekt hatte zudem das Budget überzogen. So wurde 1899 zunächst der westliche Teil eröffnet, der Rest folgte 1909. Daraus ergibt sich eine Besonderheit dieses Bauwerks: Es vollzog Mackintoshs Entwicklung nach, von der Industrieburg im Osten über den wild geschwungenen Eingang zur zahmeren Fassade im Westen. Von den feinen innenarchitektonischen Details bis hin zu Fenstergittern in Form der „Glasgow Rose“ ganz zu schweigen. Eine der sechs Teestuben immerhin bleibt den Fans erhalten. Dazu das heutige Designzentrum The Lighthouse, das Mackintosh House, der Nachbau der Wohnräume von „CRM“ und „MMM“ in der Hunterian Gallery, das Hill House sowie das 1901 für eine deutsche Zeitschrift entworfene – aber erst in den 1990ern erbaute – „Haus eines Kunstfreundes“.

Hoffen auf den Wiederaufbau

Zwei Brände in vier Jahren Nach einem Feuer im Mai 2014, bei dem vor allem der Westteil der Glasgow School of Art mit der weltberühmten Mackintosh Library und den ausgestellten Abschlussarbeiten der Kunststudenten zerstört worden war, sollte  nach einer umgerechnet 40 Millionen Euro teuren Sanierung 2019 wieder eröffnet werden. Doch in der vergangenen Woche hat ein erneutes Feuer das Gebäude so weit zerstört, dass zunächst von Abriss die Rede war. Am Dienstag berichteten britische Medien, das berühmteste Gebäude der Stadt könne für 100 bis 200 Millionen Pfund (115 bis 230 Millionen Euro) erneut restauriert werden. Die Brandursache ist bislang ungeklärt. Die vorgeschriebene Sprinkleranlage war wohl nicht in Betrieb. 2014 hatten ätzende Dämpfe einer Kunstinstallation das Feuer ausgelöst. cli

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel