Was er sich alles herauspickt aus der Realität: kaputte Abflussrohre, zusammengeknüllte T-Shirts, ein Stück Baum am Blautopf, verdorrte Blumenstengel auf der Fensterbank und den gekachelten Boden im Hallenbad.

Aber es kann genausogut die Vagina einer Frau sein, es kann der junge Mann mit dem Handy am Ohr auf einem Fährschiff nach Gedser sein, gerolltes Glanzpapier, ein Schlüsselbund an einer vergammelten Tür, ein Mann, der sich die Schuhe zubindet, die Concorde am Himmel, Meeresrauschen, ein Aschenbecher voller Kippen mit halbierter Kiwi und Granatäpfeln,  verschränkte Hände auf der Intensivstation, eine Tasse Tee von oben, Zeitungsausschnitte mit und ohne Fettecke oder ein stürzendes Schaf, das mit der Kamera von hinten abgelichtet wird.

Was will dieser im Jahr 1968 in Remscheid geborene und heute wechselweise in Berlin und London lebende Wolfgang Tillmans nun mit diesem Kunterbunt von Wirklichkeitsschnipseln bezwecken? Immerhin wurde ihm als erstem Fotografen und Nichtengländer im Jahr 2000 der renommierte britische Turner-Preis zuerkannt. Und diese Auszeichnung hat ihn im Nu in der Kunstwelt in die vordersten Logenplätze befördert.

Wenn heute Fotoarbeiten von Becher-Schülern wie beispielsweise Thomas Ruff, Thomas Struth oder Andreas Gursky bei Auktionen sechsstellige Beträge erzielen, kann Wolfgang Tillmans da locker mithalten, obwohl er doch sichtlich keine tief ins Betrachterbewusstsein dringenden, deutlichen Erkennungsmerkmale hinterlässt.

Anders als etwa Thomas Ruff: Wenn in den Ausstellungsinstituten ausdruckslos vor sich hin blickende Großgesichter oder arg verschwommene Schnappschüsse aus der Pornoszene aufscheinen, dann darf man sicher sein, wer hier Hand angelegt hat.

Das Auge ist der Souverän

Bei Wolfgang Tillmans muss man schon mehr als Eins und Eins zusammenzuzählen, um auf den Trichter zu kommen. Und das genau ist seine Absicht, er bastelt an einer neuen Schule des Sehens, sein Auge will er schärfen und damit sofort auch das Auge des Betrachters. Auf seine Sehwerkzeuge muss er sich hundertprozentig verlassen, er muss wissen, wie sie funktionieren, denn für Wolfgang Tillmans passiert alles gleichzeitig. Und man sollte aufpassen, dass man ob all der Zufallsbilder, die auf einen einstürzen, die Kontrolle behält und einen Freischwimmer-Schein erwirbt, der einem auf Dauer den unbeschränkten Zugang zur Bilderwelt ermöglicht.

Denn auf einem beharrt Wolfgang Tillmans, und das ist die Freiheit und Freizügigkeit des Auges, die Souveränität des Sehens. Einfach wird das nicht, sagt Tillmans, denn die Bildwirklichkeiten stellen sich komplex und unterschiedlich dar. Wenn beispielsweise Thomas Ruff proklamiert, dass die Kamera keinen einzigen Millimeter unter die Haut dringen kann, dann wird sein Kollege Wolfgang Tillmans das heftig bestreiten. Sein Bestreben ist es, auch die Bilder hinter den Bildern für den Betrachter sichtbar zu machen, er will sich nicht auf einer Einbahnstraße bewegen.

So entsteht eben wie jetzt in der Fondation Beyeler ein ganz besonderes Bilder-und Weltpanorama, das sich aus höchst divergierenden Realitätspartikeln zusammensetzt.  Und genau das beschert uns dann doch in Sachen Wolfgang Tillmans so etwas wie ein unverwechselbares Markenzeichen, das einen hohen Wiedererkennungswert hat.

Ausstellung bei Basel


Die Schau „Wolfgang Tillmans – Die Freiheit zu schauen“ ist bis zum 1. Oktober in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zu sehen. Adresse: Baselstraße 101, Öffnungszeiten: Mo-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr. Der Eintritt beträgt 25 Euro, Besucher bis 25 Jahre haben freien Eintritt. Mehr Informationen unter: www.fondationbeyeler.ch