London Das älteste zweistimmige Stück entdeckt

London / EPD 29.12.2014
Ein Praktikant an der British Library hat die Noten des ältesten zweistimmigen Musikstücks entdeckt. Es stammt aus dem 10. Jahrhundert.

Manchmal braucht es einen interessierten Blick von außen, um den Wert von etwas zu erkennen. Ein aufmerksamer Praktikant der British Library in London hat in den Beständen der Bibliothek das wohl älteste dokumentierte mehrstimmige Stück der Musikgeschichte entdeckt. Giovanni Varelli, Doktorand der Musikwissenschaft am St. John's College der Universität in Cambridge, machte ein Praktikum in der British Library als er auf ein bemerkenswertes Dokument aufmerksam wurde, dem niemand zuvor Beachtung geschenkt hatte.

"Ich bin spezialisiert in Paläographie", sagt Giovanni Varelli. Das ist die Wissenschaft für Handschriftkunde. "Meine Aufgabe war es, musikalische Notenschriften in den Manuskripten vor der Katalogisierung zu beschreiben, zu datieren und wenn möglich die Herkunft zu bestimmen." Genau bei dieser Arbeit fiel ihm die Notation eines Organum auf den Heiligen Bonifatius auf. "Organum ist der mittelalterlich-lateinische Name für Stücke, die mehr als eine Stimme haben", erklärt Varelli.

Varelli fand die Noten auf der leeren Fläche am Ende eines Dokuments, von dem die Wissenschaft ausgeht, dass es aus dem ersten Jahrzehnt nach dem Jahr 900 und aus Deutschland stammt. Damit wäre dieses Manuskript der älteste Beleg für ein mehrstimmiges Musikstück. Bislang galt eine Musikhandschrift aus der Kathedrale in Winchester, die sogenannte Winchester-Tropar aus der Zeit um 1000 herum als frühestes mehrstimmiges Stück. Dass das Manuskript zuvor niemandem aufgefallen war, erklärt der Wissenschaftler mit dem Aussehen des Dokuments: "Es hat keine besonders dekorierten Initialen, und die Texte sind relativ gewöhnlich und bekannt. Seit es im 18. Jahrhundert zum ersten Mal katalogisiert wurde, blieb es in den Lagern der Bibliothek so gut wie verborgen, bis ich es als Teil meiner Arbeit aus dem Regal genommen habe."

Warum dieser Fund für die Musikwissenschaft so wichtig ist, erklärt Varelli so: "Der Anfang der Polyphonie ist ein ziemlich kontroverses und viel diskutiertes Thema in der Musikgeschichte." Man wisse nicht genau, wann die Polyphonie ihren Ursprung hatte und wie sie sich in den frühen Phasen verändert hat. "Was wir aber sicher wissen ist, dass mehrstimmige Musik bereits im 9. Jahrhundert als Teil der christlichen Liturgie gesungen wurde." Es gebe aus dieser Zeit ein Lehrbuch zur Mehrstimmigkeit. Aber man habe die Musik nur mündlich überliefert. "Wir wussten daher bislang nicht wirklich, was in der Praxis passiert ist. Es ist das erste Mal, dass wir ein Stück mehrstimmiger Musik aus dieser Zeit sehen und hören können."