Konzert in Ulm Interview mit Clueso: „Musik ist mein Kumpel“

Braucht auch eine „meditiative Seite“: der Erfurter Sänger Clueso.
Braucht auch eine „meditiative Seite“: der Erfurter Sänger Clueso. © Foto: Martin Schutt
Ulm/Erfurt / Udo Eberl 20.08.2018
Clueso versteht das Album „Handgepäck I“ als Beginn einer Serie. Am Sonntag tritt er im Wiblinger Klosterhof auf. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Einer der größten Hits der Fantastischen Vier ist ohne Clueso und seine bewährten Melodiefolgen nicht denkbar: „Zusammen“. Oftmals alleine, ohne HipHop und amtliche Band im Rücken, hat der 38-Jährige, der mit bürgerlichem Namen Thomas Hübner heißt, die 18 Stücke seines neuen Albums „Handgepäck I“ aufgenommen und produziert – häufig auf Reisen, bei denen er die Natur suchte oder sich wagemutig in einer Wüstendüne überschlug. Sein Album wird in der kommenden Woche veröffentlicht. Einen kleinen Vorgeschmack können die Fans des Erfurters bereits am Sonntag live im Konzert im Wiblinger Klosterhof bekommen.

„Handgepäck“. Klingt nach Stücken, die auf Reisen entstanden sind.

Clueso: Auf Reisen, Tourneen oder danach. Die Idee kam mir vor ungefähr sechs Jahren. Ich hatte schnell den Ordner „Handgepäck“ auf der Festplatte angelegt und bis zuletzt gezittert, dass hoffentlich keine andere Band diesen Titel für ein Album wählt. Ich legte in den Ordner dann immer wieder Songs ab, die gefühlsmäßig hineingepasst haben. Mit der Zeit sammelte sich einiges an. Am Ende hatte ich so viele Songs, dass mir klar wurde, dass wohl eine Album-Serie daraus wird.

Was ist der Unterschied zu den perfekt ausproduzierten Clueso-Alben?

Ich skizziere etwas auf der Gitarre und merke bei einem Song sofort, ob dieser eine hymnische Ausarbeitung, mehr Größe und Druck nach vorn braucht oder introvertiert angelegt werden sollte. Viele Songs auf „Handgepäck ­­­I“ spiegeln genau die Situation wider, in der sie eingespielt wurden. Jede Veränderung hätte etwas von der Intensität und Direktheit der Songs genommen, die hier spürbar ist. Letztlich ist natürlich nicht alles auf Reisen entstanden. Ich bin nicht der Typ, der aus dem Zug- oder Busfenster schaut und sofort mit dem Schreiben beginnt. Das passiert oft später in einer emotional vergleichbaren Situation. Manche Themen mussten auch gären oder etwas länger liegen.

Kommt man Clueso auf diesem Album näher als sonst?

Das ist zumindest die Meinung von Freunden, die in den Skizzen für die Texte diese Nähe gesehen haben. Ich selbst erlebe immer wieder diese besonderen Momente: Du spielst etwas ganz frisch und zart ein und weißt noch gar nicht so wirklich, wo der Song eigentlich hinwill. Erst ist da diese Wahrhaftigkeit, dann kommt viel Theorie, dann wird wieder gespielt, und erst dann kommt wieder diese Nähe. Aber auf „Handgepäck­ I“ ist alles noch viel direkter. Die Besonderheit sind allerdings auch die Texte. Da habe ich nicht viel ausgebessert, sondern einfach vieles so stehen gelassen.

18 Songs auf einem Album, darunter Lieder, die fast nur Anspielungen sind. Macht auch  dies den besonderen Reiz des Albums aus?

Das Konzept ist ja deshalb so unangreifbar, weil alles wirklich einfach nur passiert ist. Wenn ich Songs perfekt produziere, dann muss ich sicher sein, wirklich alles gegeben zu haben, und dass von allem das Beste drinsteckt. Bei „Handgepäck I“ ist es so, dass ich gar nichts gegeben haben. Es war einfach da. Oftmals habe ich nur mit einem Mikrofon unverändert die ganze Stimmung eines Songs eingefangen und selbst gemischt.

Wer war denn bei dieser musikalischen Reise an Ihrer Seite?
Handgepäck ist ja eine sehr persönliche Scheibe ohne viele Musiker. Aber Tim Neuhaus war häufig dabei. Wir haben auch ähnliche Herangehensweisen, und das macht unheimlich viel Spaß. Er hat mich auch nachts manchmal anrufen und gesagt: Hey, das ist echt unheimlich schön, was du da eingespielt hast. Er ist wirklich so eine Art Copilot gewesen.

Welche Geschichte steckt hinter dem Song „Zimmer 102“?

Es gab diesen Moment auf der Udo Lindenberg-Tour, da hingen alle Leute in einem Zimmer herum. Kaum einer hatte ein Handy an, alle hatten Drinks in der Hand und lungerten auf Sofas oder auf der Veranda herum. Wir haben uns unterhalten, die Gitarre wurde herumgereicht – das sind so Momente, die liebe ich. Das hat sicher auch mit Udo zu tun, dass man genau so leben möchte. Und solche besonderen Situationen verbinde ich persönlich auch mit alten Legenden wie Bob Dylan. Genau in diesem Klima wollte ich einen Song aufnehmen, was natürlich eigentlich eher unpassend war. Und dann brauchst Du natürlich ganz spontan einen Text. Und live mit einem kleinen und so besonderen Publikum zu schreiben, das ist natürlich noch einmal eine ganz andere Sache. Ich habe letztendlich alle Satz-Schnipsel genommen und auf einmal hatte ich diesen sehr fragmentarischen Text. Selbst wenn ich meinen eigenen stillen Moment gehabt hätte, diesen Text hätte ich sicherlich komplett anders geschrieben und im Studio hätte er sowieso ganz anders geklungen. Das sind diese Momentaufnahmen, die einfach so entstehen. „Kurz vor Abflug“ habe ich zum Beispiel für jemanden geschrieben, der eine Weltreise gemacht hat. Da habe ich vor dem Abflug noch die erste Strophe und den Refrain geschafft, die zweite Strophe nicht mehr. Aber die unfertige mp3-Version habe ich dann noch zum Flughafen schicken können.

Was bedeutet Ihnen Ihre Version des Puhdys-Klassikers „Wenn ein Mensch lebt“?

Das ist ja der Song, mit dem der DDR-Kultfilm „Paul und Paula“ beginnt. Als ich vor Jahren selbst für eine Filmmusik angefragt wurde, war klar, dass ich dieses Lied interpretieren werde. Aus der Filmmusik wurde dann nichts, aber das Stück hat mich über Jahre hinweg begleitet, und ich habe es lieben gelernt. Durch die Akkorde wird auch die besondere Melancholie noch mehr herausgeschält. Es geht ja um Jugend und Sterblichkeit, einfach ein ganz wunderbarer Text. Mit einer fast schon mantraartigen Vortragsweise. „Wenn ein Mensch lebt“ ist dann zu meinem eigenen Song geworden, den ich eingepackt und immer wieder einmal gespielt habe. Vielleicht ist es auch meine eigene, ganz kleine DDR-Geschichte. Ich bin ja neun Jahre alt gewesen, als die Mauer gefallen ist und natürlich gab es die Scheiben der Puhdys, Karat oder von Reform auch in der Plattensammlung meines Vaters.

Sie hatten Ihre Finger ja bereits in unterschiedlichsten Musikstilen drin: Singer-Songwriter,  Pop, HipHop, Jazz – nun aber wohl auch im Blues? Alles Blueso?

Ich schnappe in anderen Ländern automatisch auf, was dort passiert, und probiere das für mich aus. Wenn ich auf Reisen bin, habe ich keine Angst vor Dur-Akkorden und auch nicht vor einer Blues-Stimmung, für die man auf der Gitarre nur drei Finger benutzen muss.

Es gibt von Ihnen Tour-Plakate in Rockstar-Pose mit ausgebreiteten Armen – und aktuelle Fotos, auf denen Sie mit einer Gitarre auf dem Bauch lässig herumliegen. Sind das zwei unterschiedliche Cluesos?

Wir sind zwei. Da ist der Clueso, der durch eine große Band einen richtigen Schub bekommt, sein Ego auftanken kann, den Personenkult liebt, die großen Gesten und die Wertschätzung, die ihm live auf der Bühne entgegengebracht wird. Ich brauche aber auch diese meditative und in mich gekehrte Seite, die mich wie ein kleiner Anker hält. Für mich ist die Musik ja auch mein Kumpel, der mir das Gefühl gibt, nie einsam zu sein. Wenn ich alleine bin oder Langeweile habe, nehme ich die Gitarre in die Hand und schreibe einen Song.

Mit „Du und Ich“ wurde ein Song als erste Single gewählt, der am bisher bekannten Clueso sehr nahe dran ist.

Am Ende sprach aber für „Du und Ich“, dass er der Sommer-Song auf dem Album ist. Den wollte ich einfach raushauen, bevor es wieder kalt wird.

Wird es denn von den „Handgepäck“-Stücken live bei Ihren Freiluftkonzerten schon etwas zu hören geben?

Ich baue sicherlich ein bisschen was ein. „Du und Ich“ werde ich auf jeden Fall spielen, was noch dazu kommt, entscheide ich immer direkt vor dem Konzert. Aber bei einer langen Show kann man sich ja durchaus auch ein paar ruhigere Stücke leisten.

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Karten für den Wiblinger Klosterhof

Open Air Clueso tritt am Sonntag, 19 Uhr, auf dem Wiblinger Klosterhof auf. Karten bei der SÜDWEST PRESSE. Hotline: 0731/156-855. Sein neues Album „Handgepäck I“ (Vertigo Berlin) wird am 24. August veröffentlicht. 

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