Charakterkopf Christoph Müller und die Lust am Schauen

Im Zeichen der Zitrone: Christoph Müller vor dem Pommerschen Landesmuseum in Greifswald.
Im Zeichen der Zitrone: Christoph Müller vor dem Pommerschen Landesmuseum in Greifswald. © Foto: Jürgen Kanold
Berlin / Jürgen Kanold 08.08.2018

Steven Spielbergs Zeitungsdrama „Die Verlegerin“ hat ihm im Kino sehr gefallen. Standhaft bleiben gegen die Anwürfe und Repressalien der Politik, den Machtkampf annehmen? Was die „Washington Post“ in den 70er Jahren mit den Pentagon-Papers erlebte, kann Christoph Müller gut nachvollziehen.

Es war im Jahre 2002, als Herta Däubler-Gmelin, die Justizministerin der Schröder-Regierung, bei einem Wahlkampfauftritt einen Vergleich zog zwischen der Außenpolitik von George W. Bush und der Adolf Hitlers. Ein Journalist des „Schwäbischen Tagblatts“ war bei der Versammlung offiziell dabei, schrieb mit und entfachte mit seinem Artikel internationales Aufsehen. Däublin-Gmelin bestritt alles, Müller aber, der Chefredakteur und Mitverleger in Personalunion, vertraute seinem Redakteur, verteidigte die freie Presse – und zieh „die Herta“ der Lüge. Was schnell folgte, war deren Rücktritt. Selbst die „New York Times“  berichtete und zitierte.

Lektüre für Walter Jens

1969, als die Studenten auf die Straßen gingen, hatte Müller den  Chefredakteursposten des damals rechtsliberalen „Schwäbischen Tagblatts“ vom Vater übernommen, es musste im aufrührerischen Tübingen ein Kurswechsel her. Müller, der beim Berliner „Tagesspiegel“ in die Lehre gegangen war, kam zurück und machte aus seiner Heimatzeitung ein deutschlandweit beachtetes Regionalblatt, das seinen Ruf als „Neckar-Prawda“ pflegte und das auch Professoren und Intellektuelle wie Walter Jens lasen.

Christoph Müller, der morgen, am 9. August, in Berlin seinen 80. Geburtstag feiert, war freilich immer auch ein leidenschaftlicher,  hoch angesehener Theater- und Opernrezensent (und ist es für die SÜDWEST PRESSE bis heute). Ja, er gehörte in seinen Hochzeiten zu den landesweiten Großkritikern, der es rückblickend als Auszeichnung genießt,  dass er öffentlich von einem Staatstheater-Schau­spieler (Jürg Löw) im Namen des Stuttgarter Ensembles eine schallende Ohrfeige verpasst bekam. Müller hatte anfangs der 80er Jahre heftig gegen den Schau­spieldirektor Hansgünther Heyme ausgeteilt und auch im „Spiegel“ eine vernichtende Diagnose veröffentlicht.

1955 schrieb Müller seinen ersten Artikel, und er blieb „begeisterungsfähig bis zum blinden Enthusiasmus“. Auch in seinen Verrissen. Seine Leser schätzen seine Meinungsfreudigkeit, so oder so: „Wenn der Müller die Inszenierung schlecht findet, wissen wir, dass es uns gefällt.“ In den 70ern hielt Müller in der SÜDWEST PRESSE dem in Stuttgart arg bekämpften Claus Peymann die Stange – was die Theaterlegende ihm nie vergessen hat. Am Ulmer Theater entdeckte Müller Anfang der 90er als Autor des Fachblatts „Theater heute“ den jungen Dramaturgen Oliver Reese – der heute als Intendant das Berliner Ensemble leitet.

Trotz erbschaftsbdingten Verlegerdaseins war das Theater Müllers Welt. Der 1995 gestorbene Axel Manthey war sein Lebenspartner, aber der Bühnenbilder und Regisseur öffnete ihm dann auch die Augen für die Kunst. Müller wurde Sammler, er trug zunächst enzyklopädisch die Niederländer des „Goldenen Zeitalters“ zusammen: „Die sichtbare Welt“ hieß die erste Ausstellung 1996 in Ulm.

Begeisternder Kunstführer

Als Müller 2004 in Tübingen aufhörte, seine Anteile am „Tagblatt“ verkaufte und mit einem Millionenvermögen nach Berlin zog, blieb er auf den Auktionen der schwäbische Schnäppchenjäger, der mit großer Sachkenntnis sammelte. Müller lebt für die Bilder und durch die Bilder, wobei er, ganz Feuilletonist, seine Begeisterung an der Seh-Lust weitergibt und als Führer durch Ausstellungen stundenlang reden kann.

Die Zeichnungen und die Druckgrafik seiner Niederländer-Sammlung schenkte er dem Berliner Kupferstichkabinett und dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum, die Gemälde 2013 dem Staatlichen Museum Schwerin – in Sassnitz auf Rügen hat Müller auch seinen Zweitwohnsitz. Dann kamen die Dänen: die Romantiker und Realisten des 19. Jahrhunderts, Namen, die kaum einer kennt. Aber in der Gesamtschau, in der Sammlung Christoph Müllers, sind sie ein Kunsterlebnis.

Die Dänen schenkte er dem Pommerschen Landesmuseum Greifswald, wo die Ausstellung großes Aufsehen erregt – was Müller diebisch freut. „Im Grunde ging es beim Sammeln dieses Connaisseurs und Mäzens ja immer um genau das: ums Weitergeben des Feuers, das ihn selbst gepackt hat“, sagt Florian Illies.

Die „Dänen“-Schenkung in Vorpommern

Ausstellung Seine „Dänen“ hat Christoph Müller dem Land Mecklenburg-Vorpommern geschenkt: Das Pommersche Landesmuseum in Greifswald zeigt in einer wunderbaren, viel beachteten Ausstellung rund 400 Werke aus dem „Goldenen Zeitalter“ Dänemarks, dem 19. Jahrhundert der Romantiker und Realisten – bis 4. November.

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