Literatur  Charlotte Link beim SWP-Forum in Ulm

Ulm / Von Lena Grundhuber 14.02.2019

Wie sie das macht? Charlotte Link hat diese Frage wahrscheinlich schon tausendmal nicht beantworten können: „Wenn ich das wüsste“, sagt sie. Ein Rezept, wie man mehr als 29 Millionen Bücher in Deutschland verkauft, kann die 55-Jährige auch an diesem Abend beim Forum der SÜDWEST PRESSE in Ulm nicht ausstellen: „Ich arbeite sehr, sehr intuitiv.“ Sie sei immer noch „total nervös“, wenn sie nach Abgabe eines neuen Manuskripts auf den Anruf der Verlegerin warte, erzählt die Autorin vor 350 Zuhörern.

Wer einen Bestseller nach dem anderen abliefert, von dem wird halt nichts anderes erwartet – das aktuelle Buch „Die Suche“ steht wieder in der berühmten „Spiegel“-Liste.  Für psychologische Krimis wie diesen, für Gesellschafts- und Unterhaltungsromane wird Link geliebt, wobei sie weiß, dass das Label „Unterhaltungsliteratur“ in aller Regel nicht positiv gemeint ist. Indes, sie halte es mit Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki: „Ein Buch darf mich niemals langweilen.“ Und wenn sie das schaffe, habe sie ihr Ziel erreicht.

Ein „Berufsplan“ sei die Schriftstellerei anfangs nicht gewesen, erzählt Charlotte Link, „weil ich überzeugt war, dass man davon nicht leben kann“. Zwar veröffentlichte sie mit 19 Jahren ihren ersten Roman, trotzdem brauchte es zwei angebrochene Studiengänge und die Intervention eines guten Freundes, bevor sie „eine der schwierigsten Entscheidungen meines Lebens“ traf.Entsprechend ernst nimmt die Frau ihren Job: Jeden Morgen um acht setzt sie sich an ihren Schreibtisch mit dem weiten Blick über Wiesbaden, die Körbe ihrer drei Hunde um sich herum „wie eine Wagenburg“. Manchmal tut sich gar nichts, „dann muss ich mir Zeile um Zeile abringen“, sagt sie, „aber es gibt auch Tage, da sprudelt es“.

Ab und an muss es auch sprudeln, denn Link liefert alle zwei Jahre einen ihrer Wälzer ab, die bis ins Detail recherchiert sind. Man könne sich drauf verlassen, sagt sie: Ein Supermarkt im Buch befinde sich auch in der Realität exakt an der beschriebenen Stelle.

Den Plot und die Fakten kann die Autorin setzen, dann aber entwickle jede Erzählung irgendwann eine Eigendynamik: „Ich muss mich von irgendeinem Zeitpunkt an meinen Figuren unterordnen.“ Und weil die sich zu nichts zwingen lassen, könne sie jetzt eben noch nicht sagen, ob ihre zwei Ermittler aus „Die Suche“ im nächsten Roman zusammenfinden, auch wenn noch so viele Leser sich das wünschen. „Ich weiß nicht, was mit Kate wird und auch nicht, was mit Caleb wird.“ Wer kann schon vorhersagen, wie ein Mensch sich entwickelt, wenn ihm sein Leben so passiert.

Das Schlimmste, das Charlotte Link selbst bisher passiert ist, hat sie ebenfalls schreibend verarbeitet: den Krebstod ihrer Schwester. „Sechs Jahre“ heißt das Buch, so lange dauerte die Leidenszeit, die Odyssee durch die Krankenhäuser, auf der sie viel Gutes, „aber auch ganz viel Schlimmes“ erlebt habe. Der Verlust sei immer noch ein Schatten über ihrem Leben, „bis heute fühle ich mich amputiert“, sagt Link. Seither wisse sie, wie wichtig ein funktionierender Körper ist: „Wenn man sich seiner Gesundheit bewusst wird, ist das ein Anlass glücklich zu sein.“

Glück, das ist für sie auch die Schnauze eines Hundes an der Hand, den man vorher nie berühren durfte, weil er Angst vor Menschen hatte. Der Tierschutz ist der Vegetarierin ein großes Anliegen. Sie unterstützt diverse Organisationen und kann da auch sehr deutlich werden: „Es sind Lebewesen, das haben wir weitgehend vergessen“, sagt die Schriftstellerin.

Vier Pferde hat sie vorm Schlachttransport bewahrt, drei Hunde von Tötungsstationen oder von der Straße gerettet, und – stimmt – drei Schafe besitzt sie auch noch. Die Hunde übrigens sind der Grund, wieso Link ihr Ferienhaus nicht in der zweiten Heimat England hat, wo strenge Quarantänebestimmungen für Tiere herrschen, sondern in der französischen Provence.

In ihrem Haus dort, so erzählt Link beiläufig, sei einmal eingebrochen worden. Die Täter: Jugendliche aus reichen Familien, denen so langweilig sei, dass sie sich ihre Zeit mit Einbrüchen an der Côte d‘Azur vertreiben. Fremd sei ihr so eine Wesensart, sinniert die Autorin. Aber interessant, interessant sei das schon . . . Es klingt fast so, als reife da eine Romanidee.

Die Romane und das Fernsehen

In den Hochmooren Nordenglands spielt Charlotte Links aktueller Roman „Die Suche“ (Blanvalet Verlag, 656 Seiten, 24 Euro): Die Leiche der ein Jahr zuvor verschwundenen 14-jährigen Saskia wird gefunden, kurze Zeit darauf wird ein weiteres Mädchen vermisst. Detective Chief Inspector Caleb Hale ermittelt – und zufällig hält sich auch Kate Linville von Scotland Yard in Scarborough auf. Es ist eine fesselnde Lektüre. Dieses Duo spielte schon die Hauptrollen in dem Roman „Die Betrogene“ – und die Schriftstellerin schreibt bereits an einem nächsten Fall.

Auch „Die Suche“ kommt ins Fernsehen, von den Verfilmungen ihrer Bücher hält Charlotte Link nicht viel: „Ich finde sie fast alle schlecht.“ Die TV-Sender hätten „entsetzliche Angst“, sie könnten Zuschauer verlieren. Als Autorin müsse sie sich um Schadensbegrenzung bemühen.

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