Chansonnier Charles Aznavour: Raue Stimme ist verstummt

Charles Aznavour im März bei einem Konzert in Genf. Am Montagfrüh starb er in seinem Haus in der Provence.
Charles Aznavour im März bei einem Konzert in Genf. Am Montagfrüh starb er in seinem Haus in der Provence. © Foto: FABRICE COFFRINI
Paris / Peter Heusch 02.10.2018

Er war schon längst zu einer lebenden Legende geworden, aber überlebt hatte sich dieser kleine Mann mit der großen und unverwechselbaren Stimme keineswegs. Zumal Charles Aznavour, der in der Nacht auf Montag im Alter von 94 Jahren verstorben ist, mindestens 20 Jahre jünger wirkte als er war. Bloß dürfte es nur sehr wenige 70-Jährige geben, die auch nur annähernd einen solchen Tatendrang an den Tag legen wie der international erfolgreichste Chansonstar Frankreichs dies bis zu seinem letzten Atemzug tat.

„Aufhören ist wie Sterben, dafür bin ich noch nicht bereit“

„Monsieur Aznavour“ stand eigentlich immer zwischen zwei Auftritten. Ruhestand war ein Reizwort für ihn. Sollte eine despektierliche Journalistenfrage sich tatsächlich in diese Richtung bewegen, reagierte der Ausnahmekünstler gereizt. „Aufhören ist wie Sterben, dafür bin ich noch nicht bereit“, knurrte er im Dezember anlässlich des Auftakts seiner letzten Europatournee.

Dass diese im Mai unterbrochen werden musste, war allein einem komplizierten Oberarmbruch geschuldet. Noch vor drei Wochen ließ er vermelden, dass die erzwungene Genesungspause bald vorüber sei und er seine Tournee im November mit einem Konzert in Brüssel wieder aufnehmen wolle.

Aznavour hat seine enorme Popularität ganz unverhüllt genossen, schon weil sie ihm alles andere als zugeflogen ist. Noch kurz vor seinem 94. Geburtstag vor vier Monaten versicherte er, dass er weitersingen werde, „solange die Leute mich sehen wollen“. Reine Koketterie, denn tiefer stapeln geht kaum.

Seit fünf Jahrzehnten mindestens fanden Charles Aznavours Konzerte ausschließlich vor ausverkauften Häusern statt. Tatsächlich war er, den Aretha Franklin als den „einzigen Soulsänger Europas“ adelte, einer der wenigen französischen Chansonniers neben Maurice Chevalier, Edith Piaf und Charles Trenet, denen eine internationale Karriere glückte. In Großbritannien, Japan, Deutschland  oder in den USA wurde er genauso stürmisch bejubelt wie daheim.

Der Entertainer des Jahrhunderts

Als Shanour Varenagh Aznavourian erblickte der Sohn armenischer Flüchtlinge 1924 in Paris das Licht der Welt. Schon als Junge trat er im Restaurant seiner Eltern als Sänger und Tänzer auf. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg dann entdeckte ihn Edith Piaf in einem Pariser Vorstadtcafé. Er schrieb Chansons für seine große Mentorin und Geliebte, bevor er mit ihrer tatkräftigen Unterstützung selbst ins Rampenlicht trat. Trotzdem wurde Aznavour von der Kritik lange Zeit gnadenlos verrissen, ja als „der Zwerg mit der Krächzstimme“ regelgerecht niedergeschrieben, bis er den 1960er Jahren mit Mega- Hits wie „For me formidable“, „Mourir d’aimer“, „La Bohème“, „Du lässt dich gehn“ oder „Emmenez-moi“ den Durchbruch schaffte.

Aznavour ist seine „Herzensliebe“ zu Frankreich nicht nur zu Beginn seiner Karriere schlecht vergolten worden. Anfang der 70er Jahre, als der auch als Schauspieler international gefeierte „Entertainer des Jahrhunderts“ (Time Magazine) Scherereien mit dem Fiskus bekam, traten die Medien eine bitterböse Kampagne gegen den angeblichen Steuerbetrüger los. Der Sänger fühlte sich aus seiner Heimat „vergrault“ und ließ sich in der Schweiz nieder.

2008 erhielt er, der sich vor allem seit dem verheerenden Erdbeben 1988 immer wieder für die Heimat seiner Eltern eingesetzt hatte, die armenische Staatsbürgerschaft.  Seither vertrat der Vater von fünf Kindern aus drei Ehen Armenien als Botschafter in der Schweiz und an der Genfer Niederlassung der Vereinten Nationen.

Vier große Talente in einer Person

Ein Geheimnis bleibt wohl – ungeachtet dessen, wie er vier große Talente als Sänger, Entertainer, Autor und Komponist in einer Person vereinen konnte – das seines bis zuletzt ungebrochenen Erfolgs. Einer  Erklärung am nächsten kam vielleicht Jean Cocteau, der meinte, dass Aznavours melancholische Lieder es geschafft hätten, die Verzweiflung populär zu machen.

Wobei der Verfasser von weit mehr als 1300 eigenen Chansons, die auf mehr als 180 Millionen Tonträgern den Erdball erobert haben, einst in einem Interview anmerkte, persönlich alles andere als ein unglücklicher Mensch zu sein. „Autobiografisch sind meine Texte nie gewesen“, beschied Charles Aznavour einem Journalisten. Aber er habe sich bewusst nie dagegen gewehrt, dass ihn das Publikum mit seinen Chansons identifizierte: „Das erhöht die Glaubwürdigkeit, und Glaubwürdigkeit auf der Bühne ist mit das Wichtigste!“

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Der Schauspieler

Kino Seinen Durchbruch zum Schauspieler schaffte Charles Aznavour im Jahr 1960 mit „Schießen Sie auf den Pianisten“ von François Truffaut. Mit der Oscar-prämierten Verfilmung „Die Blechtrommel“ von Volker Schlöndorff wurde er als Schauspieler auch in Deutschland bekannt, auch in „Die Fantome des Hutmachers“ von Claude Chabrol spielte er mit. 2008 gab Aznavour seinen Abschied als Schauspieler bekannt. Zuletzt war er 2006  in dem Polit-Drama „Der Oberst und ich“ über den Algerienkrieg zu sehen. dpa

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