Theater Castorf mischt in Berlin den „Galileo Galilei“ auf

Der 86-jährige Schauspieler Jürgen Holtz gibt den Galileo Galilei in Castorfs Inszenierung am Berliner Ensemble anrührend als friedfertig-faustischen Märchenonkel.
Der 86-jährige Schauspieler Jürgen Holtz gibt den Galileo Galilei in Castorfs Inszenierung am Berliner Ensemble anrührend als friedfertig-faustischen Märchenonkel. © Foto: Matthias Horn
Berlin / Christoph Müller 21.01.2019

Seine Schauspiel-Inszenierungen sind seit vier Jahrzehnten, Stück für Stück, eine Zumutung. Das wollen und sollen sie auch sein. Denn Frank Castorf, 67, hat das von ihm zur Vollendung geführte neudeutsche Regie-Theater so grundlegend revolutioniert, dass auch heute noch dem Normalkost gewohnten Publikum Augen und Ohren vergehen.

Seit den letzten Jahren als Chef der von ihm weltberühmt gemachten Berliner Volksbühne wollen seine stark die Textvorlage umbiegenden Aufführungen einfach nicht enden. Unter fünf Stunden dauert’s so gut wie nie. Diesmal waren es geschlagene sechs. Brechts „Galilei“ ohne die mittlerweile ziemlich stereotyp gewordenen Castorf-Zutaten würde nicht halb so viel Zeit beanspruchen. Je nun, der Meister hat gerufen, und seine in Berlin beträchtliche Fan-Gemeinde war begeistert zur Stelle.

Zuschauer, die nicht unbedingt eingeschworen waren auf Castorf und seine durch die Bank tollen Darsteller – wenn man einmal von seinem weniger begnadeten Sohn absieht, der unter dem putzigen Künstlernamen Rocco Mylord den Schüler von Galilei mimen darf – suchten schon zur Pause scharenweise das Weite oder tröpfelten hinaus, je näher die dann lahmende Aufführung auf Mitternacht rückte.

Die stilistischen Forderungen Brechts, sein Theater sei ein episches, wären also schon einmal erfüllt. Aber auch die Notwendigkeit von Verfremdungseffekten ist wie geschaffen für Castorf. Bei ihm spricht niemand normal. Meist wird schrill geschrien oder, wie diesmal, die nur noch andeutungsweise wiedererkennbare Musik von Hanns Eisler absichtsvoll höhnisch falsch gesungen. Außer dem Titeldarsteller, auf den wir noch zurückkommen, plaudern die Darsteller von meist gender-umgedrehten Rollen am liebsten im Comedian-Improvisationsstil über sich selbst und ihren Umgang mit diesem hochartifiziell schrägen Regisseur. Das ist zwar total insiderisch, aber gerade deshalb zumindest für Kenner und Liebhaber nicht witzlos.

Leider genügte dem zwanghaft änderungswilligen Regisseur der Brecht-Text nicht, obwohl dessen um die Freiheit der Wissenschaft ringender Astro-Physiker Galilei zu den pfiffigsten Figuren des Thesendichters gehört, der in diesem Falle ausgesprochen fair und klug auch die Gegner zu Wort kommen lässt.

Es geht nicht nur um die von der Kirche im italienischen 17. Jahrhundert geleugnete und mit Folter verfolgte Erkenntnis, dank der holländischen Erfindung eines Teleskops die Erdkugel als rund zu betrachten und mit einem beweglichen Planetensystem von Sonne, Mond und Sternen das menschliche Mittelpunkt-Maß außer Kraft zu setzen.

Weil in einer relativ kurzen Episode die Pest eine schlimme Rolle spielt, holte Castorf weit aus und schrieb sich eine Art Stück im Stück. Ein Essay von Antonin Artaud (1933) nämlich sah die Pest-Erkrankung als besonders grausamen Zustand und damit als Möglichkeit für die Menschen zur reinigenden Befreiung des von dunklen Mächten bedrohten Lebens. Dies brachte Artaud den Beifall Heiner Müllers ein, den wiederum Castorf als zeitgenössischen apokalyptischen Mahner in fast jeder Inszenierung als Haupt-Motivator für seine zahlreichen Eingriffe herbeizitiert.

Rein handwerklich aber ist die in jeder Beziehung exzessive Extrem-Inszenierung in einem genial verschachtelten Drehbühnenbild von Aleksander Denic perfekt gelungen. Dazu hautnahe, trashige Porträt-Studien per Live-Video in Hinterzimmern und ein bekletterbares riesiges Holzlatten-Fernrohr.

Den von Skrupeln geplagten Erkunder eines neuen Weltbilds spielt sehr anrührend der wunderbare Jürgen Holtz (seine Vorgänger am selben Haus waren Ernst Busch und Ekkehard Schall). Holtz ist 86 Jahre alt – im Stück soll er einen 46-Jährigen verkörpern – und ein Meister der leisen, bedächtig abwägenden Töne.

In der ersten Runde erscheint er splitternackt und lässt sich hilflos von lüsternen Mädchen von vorne und hinten begrapschen. Bei Brecht sind dies freilich bloß diskutiergesonnene Männer, die dem von der Obrigkeit verfolgten weisen Gelehrten alles andere als zu nahe kommen. Ein lebenszugewandter Sinnenmensch ist dieser Galilei, dem es beim Denken immer auch ums Essen geht. Samtpfötig und friedfertig wie ein faustischer Märchenonkel, kindlich fast.

Wie jeder, der die 80 überschritten hat, ist der 86-Jährige nicht gefeit vor Gedächtnisschwund. Das bedeutet: Jürgen Holtz kann seinen Text nicht mehr auf Abruf behalten, sodass die Souffleuse hörbar enorm viel zu tun hat. Zum Glück haben die beiden zwischendurch längere Erholungspausen, die von den vorzugsweise wild drauflos berlinernden Mitspielern im privatesten Umgangs-Modus etwa so genutzt werden: „Mensch, Wolfgang! Meine Fresse!“ Schnickschnack eben. Auf Dauer freilich eher nur verträglich für hartgesottene Hardcore-Castorfianer.

Vorstellungen in Berlin

Bertolt Brecht schrieb sein „Leben des Galilei“ 1938 im dänischen Exil. Nach einer leichten Überarbeitung 1939 folgte eine amerikanische Fassung. Daran schloss sich die dritte Version an, die 1955/56 am Berliner Ensemble entstand. Castorfs Variante ist am BE wieder am 26. und 27. Januar und am 10. und 16. Februar zu sehen (www.berliner-ensemble.de).

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