Sommerfestspiele Carlos Santana lässt im Klosterhof die Saiten singen

Nicht nur die Gitarre glänzt: Carlos Santana im Wiblinger Klosterhof.
Nicht nur die Gitarre glänzt: Carlos Santana im Wiblinger Klosterhof. © Foto: Oliver Schulz
Ulm / Magdi Aboul-Kheir 19.08.2018

Der Meister wird an dem Abend fast nichts sagen. Gegen Ende wird er kurz seine Musiker vorstellen, aber mehr Worte wird Carlos Santana nicht an die 6000 Zuhörer beim Open-Air-Festival im Wiblinger Klosterhof richten. Aber das ist in Fall des 71-jährigen aus Mexiko stammenden US-Amerikaners nicht schlimm. Zum einen hat er im Laufe seiner langen Karriere in Interviews schon genügend seltsame Sachen zusammengeschwafelt, vor allem seit er auf Gurus Spuren wandelt. Zum anderen aber ist er dennoch enorm beredt: Santana lässt 2018 auf Tour seine Gitarre alles sagen, was er wirklich zu erzählen hat.

Dass die aktuelle Show mit Reminiszenzen an Woodstock beginnt, ist nur konsequent. Auf dem legendären Festival vor fast einem halben Jahrhundert ging auch Santanas Stern auf. Nicht nur den Konzert-Opener „Soul Sacrifice“ hat er bereits damals gespielt, auch die Hammer-Nummern „Jingo“, „Evil Ways“ und „Black Magic Woman“ begeisterten einst am Nachmittag des 16. August 1969 die Massen in Woodstock, wie sie auch nun am Samstagabend in Ulm-Wiblingen die Zuhörer erfreuten.

Zum Phänomen Santana gehört, wie früh er bereits seinen absoluten kreativen Höhepunkt erreicht hat und wie lange er von dessen Substanz zu zehren vermocht hat. Auf seinem Debütalbum „Santana“ (1969) und ganz besonders dem Nachfolger „Abraxas“ (1970) vermischte er auf grandiose und damals unerhörte Weise mexikanische, kubanische und afrikanische Polyrhythmen, würzte sie mit Rock und mit seinem ganz eigenen Saiten-Klang.

Töne gleichermaßen glänzend wie farbenfroh

Ein goldene und eine rote PRS spielt er jetzt, und es ist nicht abwegig, seine Töne entsprechend als gleichermaßen glänzend wie farbenfroh zu bezeichnen. So wie er seine Gitarren zum Singen bringt, kann man auch in den ausgiebig ausgekosteten Solo-Passagen nicht von Instrumentalmusik sprechen: Mal sind die Töne stählern deklamierend, dann wieder eigentümlich näselnd.

„Come Together In Peace“ steht auf der Videowand, die Musiker jammen sich friedvoll in den lauschigen Abend hinein. Es pluggert und pocht, die neunköpfige Latinrock-Kommune pflügt sich durch den musikalischen Dschungel, wobei der detailreiche, ausgewogene Live-Klang famos ist.

Bei „Oye Como Va“ geht die Stimmung erstmal richtig in die Höhe, und „Europa“ schmilzt an diesem warmen Abend besonders genüsslich in den Gehörgängen. Alles fließt sehr genehm, gediegen dahin, gewöhnungsbedürftig ist nur eine funky Fassung von „Imagine“, gesungen von Drummerin und Santana-Gattin Cindy Blackman. Dafür macht ein groovendes Cover von „Rollin’ On The River“ samt Mini-Abstecher zu „Satisfaction“ richtig Spaß, und „Mona Lisa“ wird in seiner sanften Interpretation zu einem Höhepunkt. Große Abwechslung ist ansonsten nicht Trumpf, aber um das vorherzusehen, hätte man keinen Wahrsager gebraucht, um mal den Tour-Titel „Divination“ aufzugreifen.

Hüpf-Kur für Fans

Den Fans wird mal eine Hüpf-Kur verschrieben, mit Rap-Einlagen lässt sich auch das eher klebrige „Maria, Maria“ gut überstehen – wobei man einräumen muss, dass dieser Hit und das zugehörige 1999er Album „Supernatural“ den zweiten Karriere-Gipfel Santanas markiert: den kommerziellen. Von der Scheibe wurden mehr als 20 Millionen Exemplare verkauft, und acht Grammys gab’s obendrein. Seitdem ist der Mann mit dem Hut, den Locken und dem Bärtchen zwar endgültig zum Verwalter seines eigenen Ruhms und zum Kurator seines eigenen Könnens geworden, aber das eben auf hohem Niveau.

Da spielt auch keine große Rolle, dass die Santana-Band über die Jahrzehnte die Musiker so häufig gewechselt hat wie kaum eine andere Combo (insgesamt dürfte es um die 80 offizielle Band-Mitglieder gegeben haben), denn der Sound ist mittlerweile schon lange gleich organisch geblieben. Bassist Benny Rietveld ist ja auch immerhin seit 1990 dabei und hält alles zusammen. Thommy Anthony spielt eine coole Rhythmusgitarre. Keyboarder Dave K. Mathews steuert einen feurigen Orgelsound bei, und an den Drums sitzt mit Cindy Blackman eine Spitzenkraft, die eben nicht nur musikalisch, sondern seit 2010 auch ehelich mit Santana verschmolzen ist; ihr Solo gegen Ende des Abends ist nicht ohne. Aber weil Santanas Band eine richtige Rhythmus-Maschine ist, kommen mit Karl Perazzo und Pauli Mejias noch zwei ausdauernde Percussionspieler hinzu.

Und der Gesang? Dafür sind der markante Andy Vargas und vor allem der imposante Ray Greene zuständig. Wobei Greene auch an der Posaune mit Power und Gefühl beeindruckt.

Herzmusik

Carlos Santana spricht ja selbst gern von göttlich-magischer „Herzmusik“, die er da mache. Und Herzmusik sei wie Angeln: „Du weißt nie, ob du als Nächstes einen Fisch fängst oder einen Schuh.“ Ein paar dicke Fische hatte er in seinem Leben wahrlich an der Angel, aber man könnte auch kalauern, wenn Santana die Saiten zum Schwingen bringt, ist die Komposition eigentlich egal – es wird immer ein Schuh draus. Was in dem Fall aber wiederum gut ist.

Einige Fans dürften an dem Abend „Samba Pa Ti“ vermisst haben, aber den Ober-Abräumer spielt Santana halt nicht immer. Dafür gibt es nach gut zwei Stunden Bilder von Kindern aus aller Welt und eine universelle Botschaft von Liebe und Verständigung: „Love, Peace und Happiness“. Damit ist dann tatsächlich alles gesagt.

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Ein Musiker und seine Superlative

Santana hat mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft und neun Grammys gewonnen. 1998 wurde er in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen. Der „Rolling Stone“ listete Santana auf Rang 90 der größten Musiker sowie auf Rang 20 der besten Gitarristen aller Zeiten.

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