Wilhelmsburg Burgfestspiele: Kunst und Wohlgefühl für alle

Ulm / Claudia Reicherter 30.08.2018

Schere, Klebeband, Teppichschneider und eine quadratische Gummimatte. Mehr braucht Jimok Choi nicht, um sein Publikum in Staunen zu versetzen. Der in Berlin lebende, aus Südkorea stammende Künstler schneidet die auf dem Boden des Musikraums im Erdgeschoss der Wilhelmsburg liegende Matte in zehn Schritten intuitiv immer wieder entzwei. Das abgetrennte Stück legt er stets an der anderen Seite der Matte an und klebt die Schnittstellen ab. So entsteht mal ein Schloss­turm mit rundem Tor, mal eine Mauer mit Zinnen, mal eine Art Dino.

Der Raum ist zu den zweiten „Burgfestspielen“, die der Neue Saarbrücker Kunstverein mit wechselnden Gastkünstlern im Rahmen des Städtebau-Projekts „Pop Up Space Wilhelmsburg“ am Sonntag zum zweiten von vier Mal veranstaltet hat, schon zehn Minuten vor Chois Performance gut gefüllt: mit mehr als 50 Erwachsenen, einem halben Dutzend Kindern und zwei Terriern. Was die Hunde von der Kunstaktion halten, wissen wir nicht. Den menschlichen Besuchern ist die Resonanz von den Gesichtern abzulesen: Interesse, beginnende Langeweile – und am Ende der etwa 30-minütigen, äußerst gelassenen Darbietung entfährt vielen ein bewunderndes „Wow!“. Jimok Choi hat mit seinem finalen Schnitt die Matte wieder zum Quadrat gefügt.

Außerhalb des Musikraums geht das Staunen weiter: Von der Decke im Korridor zurück zur Wilhelmsbar hängt neben einer Orgel der 1983 in Hamburg geborene Schauspieler und Dichter Niklas Bardeli in einem blaugrauen Fledermauskostüm. An Schlingen und Karabinern von einem Holzbalken neben seinem Instrument gaukelnd, spielt er ein paar Töne, lässt das Keyboard rhythmisch klackern und spricht Worte, die man nicht versteht. Fledermäusisch? Fantasiesprache? Oder, passend zum aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammenden Gemäuer, eine alte Variante des Deutschen? Just überrascht auch der einstige Bachmannpreis-Stipendiat sein Publikum: Erst sind einzelne Worte zu verstehen, die Bardeli scheinbar willkürlich aneinanderreiht, „subkutan“ und „Mikromoleküle“ etwa, dann eine ganze Geschichte – von Moritz und Carsten, die Pflaumen von einem Baum essen, bis sie satt sind.

Kunst im Taschenlampenlicht

Satt sind zu diesem Zeitpunkt auch die Besucher der „Burgfestspiele“, denn die aktuell auf der Wilhelmsburg residierenden fünf Mitglieder des „nomadischen“ Neuen Saarbrücker Kunstvereins und ihre Freunde haben zu Kaffee und Äpfeln unter dem Kastanienbaum im Burghof Schüsseln mit drei verschiedenen Spaghettisalaten bereitgestellt.

Nach einer Idee von Hannah Mevis hat jede Speise einen Bezug zu einem der drei Gastkünstler. Da darf sich jeder bedienen – und gern eine Spende hinterlassen. Mit ihrer temporären Burg-Be­wohnerin Myriam Kind hat Mevis ihre Kollegen vom Ulmer Kunstverein mit dessen Ausstellungsleiterin Katharina Ritter, die 2010 den Neuen Saarbrücker Kunstverein mitgegründet hatte und einige Zeit dessen Vorsitzende war, schon um 10 Uhr am Schuhhaussaal unten in der Stadt abgeholt. Auf dem Weg nach oben haben alle drei den Kunstfreunden einiges über ihre Residenz und die „Burgfestspiele“ erzählt.

Später führen Agnes Müller, Martina Wegener und Frédéric Ehlers vom Verein aus dem Umfeld der Hochschule der Bildenden Künste Saar im Halb-Stunden-Takt durch einen bislang nicht ausgebauten Teil der Burg. Jenen haben Jimok Choi und Leander Schönweger für ihre Ausstellung zu den zweiten „Burgfestspielen“ erwählt.

Dass sie wie geplant je nur zehn Besucher mit auf die Tour zu Schönwegers sakral anmutenden Skulpturen aus Burg-Fundstücken und zu Chois sexuell konnotierten Sound- und Videoinstallationen begleiten, ist allerdings illusorisch. Zu viele der insgesamt 550 Besucher, die zwischen 12 und 19 Uhr an jenem Sonntag auf die Wilhelmsburg kommen, wollen die Kunst im Licht von Taschenlampen sehen.

So auch Andreas Liebler aus Göppingen, der den „Pop Up Space“ seit dessen Eröffnung vor gut einem Monat immer wieder besucht. Jimok Choi hilft dem Mann im Rollstuhl über Schutt und Löcher im Boden des Ausstellungstrakts hinweg und diskutiert mit ihm die Ready-mades seines schon wieder abgereisten Kollegen aus Wien, der Agnes Müller zufolge „die Welt als Legobaukasten begreift“.

Barrieren meistern

Die 40 Stufen in die Katakomben zu Chois eigenen Video-Arbeiten bleiben dem körperbehinderten Mann jedoch verwehrt. Der 37-jährige Künstler entschuldigt sich dafür. Festungsfan Liebler nimmt’s gelassen: „1849 waren nun mal noch keine Aufzüge vorgesehen . . .“ Sebastian Huber von der städtischen Kulturabteilung, die den „Pop Up Space“ ins Leben rief, bestätigt: Die Wilhelmsburg ist nicht barrierefrei. Doch trotz des knappen Budgets arbeite das Team permanent an „kleinen Lösungen, um den Aufenthalt auf der Burg so angenehm und interessant wie möglich zu machen“ – für alle, auch für Menschen mit Handicap. Gern dürften diese die anwesenden Mitarbeiter ansprechen. Die helfen ihnen dann die Treppe hoch zu Joachim Fleischers „Tomogramm“ oder tragen auch mal den Rollstuhl. Im Burghof, wo Behinderte parken dürfen, steht jetzt zudem ein barrierefreies WC.

Die nächsten Termine und ein neues Projekt

Den Donnerstag auf der Burg gestalten heute, 20 Uhr, Arbeitskreis Kultur, Verein Kunstwerk und Übermorgen e.V. mit „Der illustrierte Mann“ (Literatur, Musik, Tanz). Von 19 Uhr an lädt der Neue Saarbrücker Kunstverein erneut zu Führungen durch die Austellungen. Die kommenden Donnerstage gestalten die Stadtbibliothek mit „Mein langsamer Ferrari“ (Lyrik und Musik, 6. 9.), die vh mit Impro-Comedy der Showbuddies (13. 9.), die Theater-Werkstatt mit „Es lebe die Freiheit – zum 100. von Hans Scholl“ (20. 9.) und die vh mit dem Theaterkonzert „Tee mit Tanten: Muttermund“ (27.9.). Die Wilhelmsbar hat jeweils ab 18 Uhr geöffnet, ein Bus fährt kostenlos von 18 Uhr an alle halbe Stunde vom Scholl-Platz hoch zur Wilhelmsburg.

Zu „Burgfestspielen“ lädt der Neue Saarbrücker Kunstverein noch zwei Mal: am 9. mit der Luxemburger Künstlerin Nora Wagner und dem Belgier Pieter de Clercq sowie 23. 9., jeweils 13 Uhr, Shuttle-Bus ab 12.

Das Polygonalsystem von Ines Fiegert, Jeremias und Christof Heppeler ist am 8./9. 9. nochmal zu erleben, 18 Uhr.

Neu im Programm: „Klang­strom. Burg–Stadt–Burg. Ulmer Vertonungen“ des Künstlerduos Renate Hoffleit/Michael Bach Bachtischa, 30. 11. bis 2. 12.. cli

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