Da saßen zwölf Soldaten der Nationalen Volksarmee in der Stube und verteidigten nicht die DDR gegen den imperialistischen Westen, sondern schlugen die Zeit tot: mit Laubsägearbeiten. Schwibbögen aus Sperrholz. Aber weil Lutz Seiler zu ungeschickt dafür war, beschäftigte er sich lieber mit Lesen. Das kannte der Rekrut nicht, zu Hause hatte es fast keine Bücher gegeben. Jetzt entdeckte er Räume und Zeiten, obwohl er die Kaserne nicht verlassen durfte. Lutz Seiler fing damals auch an zu schreiben, lange Gedichte mit Füllfederhalter auf liniertem Papier. So wurde aus dem jungen Mann, 1963 in Gera geboren und in sozialistischer Vorsehung zum „Baufacharbeiter“ bestimmt, ein Schriftsteller: der mit seinem Roman „Kruso“ 2013 den Deutschen Buchpreis gewann.

In der Ulmer Museumsgesellschaft erzählte Seiler davon, und da stand sie auch gleich wieder vor Augen: die Welt der untergehenden DDR, an die Seiler in „Kruso“ so magisch erinnert, das Ausflugslokal  „Klausner“ auf der Insel Hiddensee, wo die zusammengewürfelten Saisonkräfte, die „Esskaas“, die Schiffbrüchigen verpflegten. Wie entstand dieses Buch? Auch nicht auf einfachem Weg. Seiler musste „Von Rom nach Hiddensee“ gehen. So heißt eine pointierte biografische Erzählung über den Schaffensprozess eines Literaten, den Seiler in der „Zeit“ veröffentlicht hatte und der jetzt in einem schmalen bibliophilen Band erschienen ist in dem kleinen Ulmer Verlag Topalian und Milani: „Die römische Saison“, mit Zeichnungen von Max. P. Häring.

Ein Coup, den die so enthusiastischen Verleger Florian L. Arnold und Rasmus Schöll da gelandet haben. Ihnen gelang es zudem, Lutz Seiler, der in Stockholm und Berlin (als Leiter des Peter-Huchel-Hauses in Wilhelmshorst) wohnt, zur Lesung nach Ulm zu holen. Es war dann, moderiert von Arnold, tatsächlich ein Abend über die „Mechanismen des Schreibens“.

Seiler hatte 2011 ein Stipendium der Deutschen Akademie Rom in der berühmten Villa Massimo erhalten, war mit Frau und Sohn für ein Jahr an den Tiber gezogen, um ein schon akribisch ausgetüfteltes Romanprojekt zu zünden. Er scheiterte kläglich, schon das Atelier: einschüchternd. Im hohen Raum verbarrikadierte er sich hinter einem Schrank, um sich zu konzentrieren.

Die Krise, diese „Lebensangst“, überwand er, typisch in Italien, über den Fußball. Sein damals zwölfjährige Sohn Viktor spielte in einem Club, die Eltern fuhren ihn zu den Spielen, er brachte Freunde mit. Weil Seiler nicht mehr Rom verbissen ignorierte, um schreiben zu können, fing er wie nebenbei endlich damit an. Eine Neugeburt in Rom. Die haben schon viele erlebt seit Goethe.

„Die römische Saison“ ist die zweite Geschichte in diesem Band, den man in weniger als einer Halbzeit ausliest. Darin findet sich nicht zuletzt eine genau beobachtete, aufschlussreiche Studie über den italienischen Fußball: Wurde man in Deutschland, beim 1. FC Schöneberg, „im zarten Alter von sechs auf die linke Seite der Verteidigung gestellt“, verbrachte man „seine Kindheit und Jugend tief links hinten“.  In Italien aber herrschte zunächst Anarchie, alle stürmten, keiner gebe den Ball ab. „Wir fragten uns, ob das Geheimnis des ,Catenaccios’, der Kunst der Defensive, dieser speziellen Kultur der Verteidigung wie sie in Italien seit Jahrzehnten erfolgreich gepflegt wird, nicht vielleicht auch darin besteht, dass alle Verteidiger den Traum vom Stürmer wenigstens einmal ausleben durften, in einer frühen, glücklichen Zeit . . .“

Das wär’s doch, ein großer Fußballroman von Lutz Seiler! Aber woran schreibt er? Auf diese Frage antwortete Seiler  abwinkend, mit einem zerknirschten Gesicht: „Ich stecke in dieser Massimo-Phase.“ Kein Wort mehr. Doch, noch ein Gedicht las er, ein fußballerisches: über „Die Fußonauten“, moderne Argonauten, die heldenhaft über die Berliner Bolzplätze ziehen. Für den Schriftsteller Seiler gilt vielleicht die etwas abgewandelte Fußballerweisheit: über das Spiel zum Schreiben kommen.

Ulmer Kleinverlag Topalian & Milani

Die Verleger Der Ulmer Buchhändler Rasmus Schöll (Jahrgang 1987) und der Zeichner, Autor und Sprecher Florian L. Arnold (1977 geboren) haben ihren Verlag Topalian & Milani im vergangenen Jahr gegründet. Sie initiierten auch die „Literaturwoche Donau“; Arnold ist zudem Vorsitzender des Vereins „Literatursalon Ulm“, der sich um die Förderung der unabhängigen Literaturszene im Großraum Ulm kümmert.

Das Buch Lutz Seilers „Die römische Saison“ (88 Seiten, illustriert von Max P. Häring, 17.90 Euro) ist erst das dritte Buch von Topalian & Milani. In Vorbereitung sind eine illustrierte Neuausgabe der Novellen „Buchmendel/ Die unsichtbare Sammlung“ von Stefan Zweig sowie Tommi Brems „Unterwegs mit Sisyphus“.