Roman Brinkebüll ist überall

Ulm / Jürgen Kanold 13.10.2018

Mit ihrem Roman-Debüt  „Altes Land“ gelang Dörte Hansen 2015 überraschend der „Spiegel“-Bestseller des Jahres: eine liebevolle, kernige, auch satirische Familiengeschichte über stolze, unerbittliche Frauen, über Flüchtlingsschicksale und über Städter und Aussteiger, die modisch und öko die Landlust entdecken und den Einheimischen tierisch auf die Nerven gehen. Beste Unterhaltung, auch für Obstbauern wie Zugereiste und Leser im Süden.

Jetzt legt die 54-Jährige aus Husum nach: „Mittagsstunde“ heißt ihr neuer Roman, der in dieser Woche erscheint. Naturgemäß ist die Autorin nicht fortgezogen aus ihrer vertrauten plattdeutschen Welt: Es ist nun die Geschichte von Ingwer Feddersen, Ende 40, Archäologe, Dozent an der Kieler Uni, der in einer Lebenskrise steckt, sich ein Sabbatical genommen hat und in sein nordfriesisches Heimatdorf zurückkehrt, um die uralten Großeltern zu pflegen. Viel mehr Handlung bietet der Roman nicht.

Denn es gibt noch einen zweiten Protagonisten: das Geestdorf Brinkebüll und seine Menschen, ihre Schicksale und Lebenswege. Der endlich wieder nach Hause kommende Ingwer zieht seine persönliche Bilanz und sucht Antworten für die Zukunft, indem er seine Herkunft befragt. Dieses Dorfleben aber ist Vergangenheit, es lässt sich nur erinnern, es hat seine Seele verloren in den vergangenen 30, 40 Jahren, seit die Landvermesser kamen und von da an noch viel mehr bereinigt wurde als nur die Flure und kaum ein Kind mehr Bauer werden wollte – und Ingwer nicht den Gasthof, den Dorfkrug, übernehmen.

Es führte zum bekannten Missverständnis: Die Leute aus der Großstadt suchten die Natur, während die Einheimischen das Ursprüngliche gerade abschafften. Sie drehten den Spieß um, hatten es satt, sich von diesem Land vorschreiben zu lassen, wie sie leben sollten, ärmlich und bescheiden. „Auf die Dächer Eternit für ewig, weg mit dem Reet, das alle dreißig Jahre räudig wurde. Es schien, als rächten sie sich jetzt an all dem Alten, sie merzten alles aus, was nutzlos wachsen, grünen, blühen, fressen wollte.“

Klingt nach der Neo-Romantik neuer deutscher Heimatbesinnung aus grün-alternativem Geist. Aber es ist viel mehr. Dörte Hansen erzählt diesmal mit weniger Ironie, es ist ihr ernster, lyrischer und melancholischer zumute, auch wenn sie Ingwer Feddersen in einer Kieler Wohngemeinschaft einquartiert, mit der Architektin Ragnhild und dem Bootsbauer Claudius, und über diese Städter mächtig Spott ausleert. Nein, in dieser „Mittagsstunde“ geht es sehr herzlich zu,

Rührend sorgt sich Ingwer um seine Großeltern, möchte ihnen vieles zurückgeben, alte Schuld abtragen: der schon dementen Ella und vor allem Sönke, dem knorrigen Kröger, der die Gefangenschaft in Russland überlebt und große Zeiten gesehen hat in der Dorfwirtschaft; aber jetzt kommen nur noch die Brinkebüll Buffalos und legen zu „Achy Breaky Heart“ einen Line-Dance aufs Parkett. Sönke und Ella haben Ingwer groß gezogen.  Denn seine Mutter Marret brachte ihn mit 17 auf die Welt, vermutlich geschwängert von einem im Gasthof einquartierten Landvermesser, man weiß es nicht. Und Marret konnte es nicht sagen, sie hatte nur kindlichen Verstand, war geistig behindert.

Aber singen konnte Marrett wunderschön, alles, was das Radio, was der Musikautomat ausspuckte. Und das prägte Ingwer, „die Hitparade auf zwei Beinen“. Träume, Tränen, Herzen. Alle Texte sind in ihm eingebrannt, nach Schlagern muss der Archäologe nicht graben. „Wir wollen niemals auseinandergehn . . .“ Das hatte dem ängstlichen Ingwer schon als Kind den Schlaf geraubt. Eine Schlagerparade – jedes der Kapitel, die mal in die Vergangenheit und mal in Ingwers Gegenwart führen, ist mit einem Titel überschrieben. Und vielleicht war tatsächlich nur der Bossa Nova schuld an Ingwer Feddersens Existenz. „Mittagsstunde“ ist auch Musik – nicht nur in den Ohren und Augen sentimentaler Land- und Stadtflüchtiger.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel