New York Brillanter Provokateur: Gore Vidal ist tot

. GISELA OSTWALD, DPA 02.08.2012

Es gibt nur wenige Politiker, die Gore Vidal nicht kritisiert hat. Dem Ex-US-Präsidenten Roosevelt warf er vor, den Angriff der Japaner auf Pearl Harbor provoziert zu haben. In der Amtszeit von George W. Bush setzte er sich für dessen Absetzung ein. Gore Vidal, der am Dienstag (Ortszeit) in seinem Haus nahe Los Angeles im Alter von 86 Jahren starb, war ein brillanter Provokateur, Romancier, Essayist und Drehbuchautor.

Scharfzüngig nahm Vidal die Gesellschaft aufs Korn. Dabei stammte er selbst aus der High Society, war entfernt mit dem Kennedy-Clan verwandt. In seinen Büchern und Aufsätzen geißelte er die USA als "Imperium" - kriegslüstern, raffgierig, dem Römischen Reich ähnlich. Er selbst strebte vergeblich eine politische Karriere an. Politisch zu denken, hatte er von seinem Großvater gelernt. Thomas Pryor Gore war blind, ließ sich aber nicht von seiner Laufbahn abbringen. Vidal, der eigentlich Eugene Luther hieß, nahm voller Bewunderung seinen Nachnamen als Vornamen an.

Nach dem Achtungserfolg "Williwaw" schockierte der Autor 1948 das bürgerliche Amerika mit seinem nächsten Buch "Geschlossener Kreis", mit dem er sich für Homosexuelle einsetzte. Der Roman gilt als das erste literarische Werk des 20. Jahrhunderts, in dem Homosexualität offen zur Sprache kommt. Vidal selbst liebte Männer und Frauen, 1950 fand er in Howard Austen seinen Lebenspartner und blieb bis zu dessen Tod mit ihm zusammen. Den Durchbruch schaffte er mit "Myra Breckinridge", der Story des Homosexuellen Myron, der sich zu Myra umwandeln lässt. Mit 24 Romanen, mit Theaterstücken, Drehbüchern, darunter dem für "Ben Hur", mehr als 200 Essays und einer Autobiografie hat Vidal ein vielfach preisgekröntes Oeuvre geschaffen