Bregenz Bregenzer Festspiele starten stark mit der Oper „Hamlet“

JÜRGEN KANOLD 22.07.2016
Die weltberühmte Frage „Sein oder Nichtsein?“ lässt sich auch singen. Auf Italienisch. Die Bregenzer Festspiele sind mit der Oper „Hamlet“ gestartet.

Es ist auch etwas faul im Staate Österreich. Festspieleröffnungen in Bregenz sind gewöhnlich ein Schaulaufen der politischen Kaste des Landes. Und dann kam als oberste Politikerin nur die Nationalrats- präsidentin aus Wien an den Bodensee, Doris Bures von der SPÖ (eine „unverhoffte, aber wirklich große Freude und Ehre“). Einen Bundespräsidenten hat man ja gerade keinen, wegen der vom Verfassungsgerichtshof für ungültig erklärten Stichwahl dauert das noch mit der Suche nach einem Nachfolger für Heinz Fischer.

Die Bregenzer halten das aus, wollen die Lage aber schön mit der Uraufführung der „Staatsoperette“ von Otto M. Zykan auf der Werkstattbühne kommentieren – diese „Austrotragödie“ verhandelt zwar den Austrofaschismus der 20er und 30er Jahre, aber Rechtspopulismus ist ja wieder aktuell. Der „Hamlet“ von Franco Faccio aber war jetzt die erste Premiere der 71. Bregenzer Festspiele und lieferte Assoziationen. Olivier Tambosi verhandelt in seiner Inszenierung gleichwohl nicht die Staatsräson in Dänemark oder Österreich, sondern zeigt ein Künstlerdrama mit ziemlich viel Theater auf der Theater- respektive Opernbühne.

Der Pausengong tönt im Festspielhaus allerdings sehr chinesisch – ein Verweis auf das Spiel auf dem See: Im zweiten Jahr läuft Giacomo Puccinis „Turandot“. Ansonsten stammt der „Hamlet“ noch aus einer italienischen Generation vor dem Verismo. Aber das muss man alles genauer erklären. Schon der Komponist Franco Faccio?  Unbekannt. Aber in der Biografie des großen Giuseppe Verdi taucht dieser Italiener aus Verona auf: als Dirigent.

Es war Faccio, der 1872 die italienische Erstaufführung der „Aida“ übernahm und danach weitere wichtige Verdi-Premieren und der 1889 Musikgeschichte schrieb, als er an der Mailänder Scala die Uraufführung des „Otello“ leitete. Das Libretto zu dieser Shakespeare-Oper Verdis schrieb Arrigo Boito, ebenfalls ursprünglich Komponist. Boito wiederum lieferte das klug und pointiert die Vorlage raffende Textbuch für Faccios Shakespeare-Oper „Amleto“, die 1865 in Genua herauskam, schnell wieder von der Bühne verschwand und noch einmal 1871 an der Scala eine Inszenierung beziehungsweise ein Debakel erlebte, weil der Tenor, der die Titelpartie singen sollte, versagte.

Erst 2014 tauchte dieser „Hamlet“ wieder auf, ausgerechnet in Albuquerque, der größten Stadt des US-Bundesstaats New Mexico.  Anthony Barrese hatte das Notenmaterial veröffentlicht und an der Opera Southwest eine Aufführung ermöglicht. Und wirklich kurios: Auf der griechischen Insel Korfu ist ein Teil der „Hamlet“-Oper in einer Fassung für Blasorchester volkstümlich vertraut geblieben, den Trauermarsch für Ophelia spielt man dort an Karsamstag. Elisabeth Sobotka aber, die Intendantin der Bregenzer Festspiele, weiß das alles, sie schrieb ihre Diplomarbeit anno 1990 über Franco Faccios „Stellung in der italienischen Operngeschichte“ und setzte jetzt in ihrer zweiten Saison den „Hamlet“ aufs Programm.

Also, das will man dann auch hören und sehen – auch weil man sowieso das Gefühl hat, dass Giuseppe Verdis Opern zwar unerreicht sind, aber nicht alles gewesen sein können zu dieser Zeit. Boitos „Mefistofele“ wird gerade wieder entdeckt, jetzt Faccios „Hamlet“. Und es lohnt sich, die Bregenzer bieten eine musikalisch zwingende Aufführung.

Das klingt vielleicht nicht immer originell, Verdis „Rigoletto“ etwa, die spukhafte Chromatik des letzten Akts, findet ihren Niederschlag in der Partitur. Für die Massenszenen wählte Faccio auch populäre Walzerrhythmen, um das banale Treiben am Königshof zu charakterisieren, und komponierte ebenso lyrische Wagnerismen. Aber die Musiksprache ist dramatisch durchschlagend, raffiniert instrumentiert, derart melodienreich, dass die Sänger mit purer italienischer Emotion überwältigen. Das liegt natürlich auch am Dirigenten  Paolo Carignani, der mit den ausgezeichneten Wiener Symphonikern in die Offensive geht, sehr kraftvoll agiert, alle möglichen Klangfarben herausholt. Ein überzeugendes Plädoyer für diese Oper.

„Essere o non essere?“ Zu Pavel Cernoch kann man nur sagen: Keine Frage, er ist voll da. Mit einem derart potenten Tenor, der die selbstzweiflerische Aggression Hamlets verkörpert, hätte diese Oper schon 1871 reüssiert. Das ganze Ensemble agiert stark, darunter Claudio Sgura als König Claudio, Julia Maria Dan als trauerumwölkt sterbende Ophelia und Gianluca Buratto als Geist.

Stark auch die Inszenierung im ästhetisch feinen Bühnenbild Frank Philipp Schlößmanns: Sein und Schein, das Versteckspiel im Machtpoker, die Fragen nach Realität und Identität – das  erzählt Regisseur Olivier Tambosi sehr theatralisch, anknüpfend an Shakespeares Schauspiel im Schauspiel, das Claudio des Mordes überführt. So zeigt Tambosi im Glühbirnenrahmen, vor und hinter dem roten Vorhang und mit noch viel mehr Requisiten und Symbolen aus der Theaterwelt, ein dramatisch zugespitztes, auch doppelbödiges Spiel. Hamlet aber erscheint darin als der einzige „Normale“, nüchtern schwarz gekleidet: kein Darsteller, eher Mensch.

Zu gewinnen: Karten für „Turandot“

Spiel auf dem See Ihre Eröffnungspremiere, den „Hamlet“, zeigen die Bregenzer Festspiele noch am 25. und 28. Juli. Draußen auf der Seebühne steht im zweiten Jahr Giacomo Puccinis Oper „Turandot“ bis 21. August auf dem Programm. Der Schweizer Kräuterbonbon-Hersteller Ricola, Sponsor der Bregenzer Festspiele, und die SÜDWEST PRESSE verlosen für die Vorstellung von „Turandot“ am 13. August zwei mal zwei Karten der besten Kategorie. Eine Frage aber muss man schon beantworten, wenn es um eine Rätsel-Oper geht, allerdings risiko- frei. Welche männliche Hauptfigur singt die Arie „Nessun dorma“? Wer die Antwort bis Montag, 25. Juli, per E-Mail an unsere Zeitung schickt, kann gewinnen:  kultur-extra@swp.de