Großbrand Brasiliens Geschichte geht in Flammen auf

Abgebrannt: Brasiliens Nationalmuseum.
Abgebrannt: Brasiliens Nationalmuseum. © Foto: Leo Correa/dpa
Rio de Janeiro / Tobias Käufer 04.09.2018

Die Flammen steigen meterhoch in den Nachthimmel, durch die skelettierte Fassade des Nationalmuseums scheint die Feuersbrunst. Sie hat einen großen Teil der Geschichte Brasiliens verschlungen. Die ehemalige königliche Residenz in Rio de Janeiro galt als das größte Natur- und Völkerkundemuseum Lateinamerikas. Für Brasilien ist das, als wären der Louvre in Paris oder das Museum of Modern Art in New York über Nacht vernichtet worden, schrieben entsetzte Brasilianer in den sozialen Netzwerken.

Insgesamt sollen 20 Millionen Exponate zerstört worden sein, allerdings wird es noch Tage dauern, bis ein Überblick über den tatsächlichen Schaden möglich ist. Die Brandursache war zunächst unklar. Die lokale Tageszeitung „O Globo“ berichtete am Morgen nach der Feuersbrunst, dass auch die Statik des Gebäudes gelitten habe und nun ein Einsturz der Brandruine drohe. In diesem Fall wäre ein Wiederaufbau der historischen Bausubstanz nur schwierig möglich. König Joao VI. von Portugal und Brasilien hatte das Museum 1818 gegründet.

 „Das Museum war vor allem bei älteren und kulturell interessierten Touristen beliebt“, sagt Bernhard Weber, der in Rio de Janeiro als Touristenführer arbeitet, dieser Zeitung. „Durch die Nähe zum Maracana-Stadion haben viele Besucher auch einen Abstecher in das Nationalmuseum mit eingeplant. Allerdings liegt das Museum abseits der bei den Touristen besonders beliebten Strände Copacabana und Ipanema.“

Streit um die Schuldfrage

Außer für nationale und internationale Touristen galt das Museum auch für Schulklassen als ein absoluter Höhepunkt. Zu den Publikumsmagneten gehörten das älteste in Brasilien gefundene menschliche Fossil mit Namen „Luzia“, das Skelett eines im Bundesstaat Minas Gerais entdeckten Dinosauriers und der größte in Brasilien gefundene Meteorit namens „Bendego“ mit einem Gewicht von 5,3 Tonnen. Aus brasilianischer Sicht besonders bitter ist der Verlust der Ausstellungsstücke, die die jüngere Geschichte von der Ankunft der portugiesischen Kolonisatoren im Jahr 1500 bis zur Ausrufung der Republik 1889 zeigten.

 Kaum waren die Flammen gelöscht, entbrannte mitten in der heißen Phase des Präsidentschaftswahlkampfes die Diskussion über die Schuldfrage. Luiz Fernando Dias Duarte, der Vizedirektor des Museums, kritisierte, die vergangenen Regierungen hätten es versäumt, die für den Erhalt des Gebäudes dringend erforderlichen Mittel bereitzustellen.

Anhänger des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro warfen den Behörden vor, mehr Geld für den Unterhalt eines Schwulenmuseums auszugeben, als für den Erhalt des nationalen Kulturerbes. Senator Lindbergh Faris von der bis 2016 regierenden linken Arbeiterpartei (PT) kritisierte die Kürzungspolitik der amtierenden Regierung des rechtsgerichteten Präsidenten Michel Temer. Kulturminister Sergio Sa Leitao konterte, das Drama habe bereits unter Staatschefin Dilma Rousseff (PT) begonnen, als das Museum 2015 „mangels Mitteln zu seinem Unterhalt“ hatte geschlossen werden müssen.

 Nach Olympia 2016 und Fußball-WM 2014 besitzt Brasilien nun zwar eine völlig überteuerte Stadionlandschaft mit Arenen für viele hundert Millionen Euro, die wie in Brasilia oder Manaus nur noch sporadisch genutzt werden. Dafür verrottet seit der WM auch das indigene Museum gleich neben dem Maracana, das VIP-Parkplätzen weichen sollte. Nach wütenden Protesten der Ureinwohner versprach die damalige Regierung Rousseff, das Museum nach den Großereignissen zu restaurieren. Doch weder Rousseff noch ihr rechtsgerichteter Nachfolger Michel Temer und auch nicht Rios neuer Bürgermeister, der evangelikale Hardliner Marcelo Crivella, ließen den Versprechen Taten folgen.

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