Es sind  junge Männer, die in den Straßen einer verfallenden Stadt posieren:  mit nacktem Oberkörper, muskelbepackt. Die sichtbare Markenunterhose signalisiert selbstbewusste Coolness. Goldketten, fette Uhren. Gangsta-Rapper? Der Style täuscht. Das sind keine Ex-Häftlinge, sondern durchtrainierte Amateursportler im restsozialistischen Havanna: Superstars in ihrem Heimatland. Da tritt, zum Beispiel, Julio César La Cruz auf, 81 Kilogramm schwer, dreifacher Weltmeister im Boxen und jüngst in Rio auch Goldmedaillengewinner.

Katharina Alt hat sie alle fotografiert, die erfolgreichen kubanischen Olympiateilnehmer. Und auch die Legenden wie Félix Savón Fabre, der Gold geholt hatte in Barcelona, Atlanta und Sydney. „Boxing Cuba“ heißt der großartige Band mit ihren Porträts und Szenen aus einem ganz eigenen Milieu, der im Münchner Kunstverlag Hirmer erschienen ist und die große Kultur dieses Sports auf der Karibikinsel dokumentiert. Also einmal nicht die üblichen postkartenschönen alten Autos und die melancholisch abblätternden Villen aus Havanna, sondern Boxer: Idole und Schüler, Trainer, Ringrichter, ein Mannschaftsarzt.

Ja, natürlich habe sie die Boxkämpfe bei Olympia in Rio nächtens verfolgt, mit ihren Helden mitgefiebert. Im November/Dezember vergangenen Jahres, dann nochmals im März/April war Katharina Alt auf Kuba gewesen, um dieses außergewöhnliche Buch-Projekt zu fotografieren, sie war natürlich auch dabei, als die Rolling Stones in Havanna vor einer halben Million Menschen ein Konzert gaben. Und davon erzählt die 36-Jährige im Ulmer Café Largo in der Breiten Gasse, wo sie einst während des Studiums kellnerte.

Katharina Alt? Nein, den Namen dieser Fotokünstlerin kennt man hier nicht, noch in keiner Ausstellung in Ulm waren ihre Bilder zu sehen. Geboren wurde sie 1980 in Frankfurt am Main, sie wuchs aber nach dem Tod der Mutter auch in Ulm auf und machte das Fachabitur in Neu-Ulm. Irgendein Beruf im Sozialwesen hätte es dann werden können, aber sie ging auf Reisen, fotografierte schon immer gern, und als sie 2002 bei Fotodesign Mühlensiep in Neu-Ulm landete, war das ein Einstieg: Von 2003 an studierte Katharina Alt Fotodesign mit den Schwerpunkten Porträt und Reportage an der Münchner Hochschule.

Für ihre Diplomarbeit 2007 fuhr sie in die Ostslowakei und fotografierte das Alltagsleben der Roma, begleitete über mehrere Monate hinweg die Bewohner eines Dorfes mit der Kamera. „Roma 20 mm“ hieß der Schwarzweiß-Zyklus. Reportagen aus sozialen Brennpunkten, das liegt ihr besonders: Nach ihrem Abschluss als Jahrgangsbeste kamen sofort Aufträge von Magazinen und Zeitungen, darunter der „Focus“.

Als freie Fotokünstlerin wohnt und arbeitet sie in München, „Lebenslinien statt Falten“ heißt ein aktuelles Projekt mit Bildern von Menschen mindestens im hundertsten Lebensjahr. Eine Weltreisende ist sie, auch in Kalkutta fotografierte sie ein halbes Jahr lang. Aber es habe doch lange gedauert, bis sie sich an München gewöhnt habe. Noch während ihres Studiums lebte sie in Ulm in einer WG mit Galerist Tobias Schrade und dessen Freundin, wie sie sagt.

„Boxing Cuba“ entstand,  weil der Kunstverlag Hirmer mit ihr zusammenarbeiten und Michael Schleicher wiederum ein Buch über das Boxen in Kuba machen wollte – eine „Zufallsgeschichte“ also. Dann war alles schnell gegangen,  wurden Kontakte geknüpft zu den Boxschulen in Havanna, dem Nationalteam, zu den Aktiven, den Champions. Direkt in die „Finca“, das legendäre Trainingszentrum, durfte sie nicht, sie holte sich die Boxer ins alte Havanna, um sie zu porträtieren, spontan,  fast ohne Arrangement, im öffentlichen Raum. „Die Jungs müssen schon morgens um vier aufstehen und den Tag über hart trainieren, sie waren eigentlich erschöpft, es war eine Herausforderung für sie, in der Hitze noch das Shooting zu machen.“

Aber dann kamen sie daher, ohne Schrammen und Veilchen, begrüßt von den Fußgängern als Idole; die Mädchen riefen nach ihnen. Und Katharina Alt sagte auf Spanisch:  „Macht euch locker, zieht euch das Hemd aus.“ Das taten sie, eine überzeugende Frau stand vor ihnen und kein unattraktiver Kerl, sie flirteten eher, als dass sie die Fäuste ballten. Schöne Körper, aber dann auch die vom Leben gezeichneten Stars in ihren Wohnungen: fremde Menschen, mit Sympathie und in Würde porträtiert in einem Kuba fern der Touristenpfade. „Adrenalin statt Alkohol, unterlegt mit der Leichtigkeit des Buena Vista Social Club“, schreibt Claudia Strand über das Boxen in Kuba. Eine gut getroffene Kulturgeschichte – und hoffentlich zeigt Katharina Alt ihre Fotografien auch bald mal in Ulm.

Aufgewachsen in Ulm

Das Buch „Boxing Cuba – From Backyards to World Championship“ mit Bildern der 1980 in Frankfurt geborenen und in Ulm aufgewachsenen Fotografin Katharina Alt  ist im Münchner Verlag Hirmer erschienen (184 Seiten, 102 Abbildungen, 32.90 Euro). Die Texte sind in Deutsch und Englisch abgedruckt, Herausgeber Michael Schleicher hat den Essay „Kunst und K.o.“ über die Faszination des Boxens geschrieben. Vom Münchner Schickeria-Barkeeper und Hobbyboxer Charles Schumann stammt das Vorwort „Cuba libre“.

Die Ausstellung „Boxing Cuba“ heißt auch eine Ausstellung mit Katharina Alts Fotografien, eine „Hommage an einen Sport“ im Museum Fünf Kontinente in München (Maximilianstraße 42): noch bis 18. September, Di-So von 9.30 bis 17.30 Uhr. Inmitten der Porträts zeigt die Schau einen echten Box-Ring aus dem Jahre 1965.