Überlingen / Petra Walheim

„Das war ein Zufallsfund“, sagt Überlingens Kulturreferent Michael Brunner. Gemeint sind die christlichen Randnotizen in einer jüdischen Bomberg-Bibel von 1521. „Das ist extrem selten.“ Sie erlauben laut Brunner „punktuell einen neuen Blick auf die komplexen Beziehungen zwischen Deutschen und dem Judentum jener Zeit“.

„Die erfolgreichsten Bibeln waren die in Venedig gedruckten Bomberg-Bibeln“, erklärt Brunner. Die ersten Ausgaben waren für Christen bestimmt. Eine Edition aus dem Jahr 1521 wurde für den jüdischen Gebrauch produziert. Eine solche Bomberg-Bibel lagert seit 1832 in der Leopold-Sophien-Bibliothek in Überlingen.

Erst durch einen Bericht einer überregionalen Zeitung über Bomberg-Bibeln waren Brunner und die Bibliothekarin und Historikerin Claudia Vogel auf das kostbare Buch aufmerksam geworden. Als sie darin blätterten, bot sich ihnen eine Überraschung: In der jüdischen Bibel finden sich in etwa einem Viertel des Buches christliche Randnotizen und Kommentare in Latein, Hebräisch und Altgriechisch.

Ihr Inhalt ist noch weitgehend unerforscht. Gesichert sei jedoch, sagt Brunner, dass der Franziskanermönch und Luther-Gegner Kaspar Schatzgeyer um 1523 als Inquisitor damit beauftragt war, ketzerische Bücher verbrennen zu lassen. Dazu hätte auch diese jüdische Bomberg-Bibel gehört. Doch die hat er aus bislang unbekannten Gründen verschont und förderte damit die theologische Beschäftigung mit dieser jüdischen Bibel.

Ein Eintrag darin legt den Schluss nahe, dass er sie an den Augsburger Verleger und Drucker Heinrich Steiner „zum Gebrauch“ weiter gegeben hat. Aber das sei bislang nur eine These, betont Brunner. Die vielen anderen Randnotizen werden dem Hebraisten und Franziskanermönch Pellikan zugeordnet, einem engen Freund Schatzgeyers. Aber auch das ist nicht gesichert.

Nun brauche es ein Team aus Theologen, Historikern, Judaisten und Hebraisten, die die Randnotizen entziffern könnten, sagt Brunner. Im Frühjahr 2021 sollen die Forschungsergebnisse veröffentlicht werden.