Ausstellung Birgit Jürgenssen und die drei K

Birgit Jürgenssens Farbstiftzeichnung „Schuhmaske“ von 1976.
Birgit Jürgenssens Farbstiftzeichnung „Schuhmaske“ von 1976. © Foto: Gerda Meier-Grolman
Tübingen / Burkhard Meier-Grolman 10.11.2018

Tübingen. Wenn die Kuratorinnen der neuen Kunstschau in der Tübinger Kunsthalle, Natascha Burger und Nicole Fritz, behaupten, die 1949 in Wien geborene und dort 2003 an Krebs gestorbene Bürgerstochter Birgit Jürgenssen sei zumindest anfangs sehr zurückhaltend und schüchtern gewesen, möchte man das nicht glauben. Immerhin hat diese jetzt mit einer ersten großen Retrospektive hierzulande geehrte Dame schon im zarten Alter von acht Jahren Skizzen im Stil eines Pablo Picasso in ihre Schulhefte gekritzelt. Diese nicht unoriginellen Nachschöpfungen hat sie prompt mit „BICASSO Jürgenssen“ signiert. Das spricht doch eigentlich für eine gute Portion Selbstbewusstsein und ein nicht weniger ausgeprägtes Talent zur Selbstdarstellung.

Im Teenageralter blieb Jürgenssen bei ihrer Leidenschaft fürs Zeichnen und Fabulieren, heraus kamen mit Humor und Ironie gewürzte Kinderbücher, die auch schon gesellschaftskritische Untertöne aufscheinen ließen. Und dabei ist es auch geblieben. Diese Tübinger Werkschau macht deutlich, dass Birgit Jürgenssen mit Fug und Recht an die Seite  jener beiden Kunstamazonen Maria Lassnig und Valie Export gestellt werden muss, die die österreichische Frauen-Avantgarde in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts ausgemacht haben.

Jürgenssen hat zwar nicht wie Valie Export damals Skandalrufe ausgelöst, weil sie einen Bauchladen vor sich hertrug, worin Passanten ihre nackten Brüste kurz betasten durften. Nein, die Jürgenssen will mit ihrem Bauch­laden, der als „Hausfrauen-Küchenschürze“ daherkommt, keine Tabuzonen einreißen, sondern sie will eher das althergebrachte Rollenbild von den drei K – Kirche, Kinder, Küche – auf die Schippe nehmen und ad absurdum führen.

Natürlich haben Valie Export, Lassnig und Co. auch Jürgenssens Werk tiefe Einkerbungen hinterlassen. Aber gewichtiger ist noch der Einfluss der durch ihre Felltasse weltberühmt gewordene Meret Oppenheim, die ihre genialen Kunstschöpfungen aus dem Surrealismus und dem magischen Realismus herausfilterte.

Das Besondere an den Kunsteinübungen von Jürgenssen ist aber die Konsequenz, mit der sie ihre künstlerischen Findungen immer in Beziehung zum menschlichen Körper setzt. Sie experimentiert unablässig, der eigene Körper ist ihr Forschungsfeld, alle Medien, ob Aquarelle, Stoffbilder, ob Zeichnung, Fotografie, Objektkunst, Collagen, Rayogramme oder schlussendlich auch Film und Video müssen herhalten, um unser Rollenverständnis, unser Verhältnis zu Tieren, zur Natur und zur Umwelt zu überprüfen.

Die Ergebnisse dieser Körperstudien können erstaunen, verblüffen und verstören: Jürgenssen stellt einen schwangeren Stöckelschuh oder einen „netten Raubvogelschuh“ in die Vitrine, sie fotografiert sich „Selbst mit Fellchen“, sie legt genüßlich ein mit zwei Eiern bestücktes Vogelnest in ihren Schoß, sie verschmilzt Hummerscheren mit menschlichen Extremitäten. Sie geißelt aber auch frech, böse und witzig unser Geschlechtergebaren. Auf einer Farbstiftzeichnung sind die Frauen mehr oder weniger fröhlich gestimmt beim Bodenschrubben. Und ihre Putzlappen, die sie auswringen, entpuppen sich – na klar – als die ins Liliputformat geschrumpften Ehemänner.

Info „Birgit Jürgenssen. Ich bin“ bis 17. Februar 2019 in der Kunsthalle Tübingen, Di-So 11-18, Do bis 19 Uhr.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel