Beutekunst Beutekunst: Rückzieher im Land

Komplizierter Fall: Erich Heckels „Geschwister“ (1913).
Komplizierter Fall: Erich Heckels „Geschwister“ (1913). © Foto: Mauritius Images/Peter Horree/Alamy
Stuttgart / Von Axel Habermehl 10.11.2018

Baden-Württembergs Museen müssen vorerst nicht um ihre umfangreichen Bestände an Objekten aus früheren Kolonien fürchten. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) hat ihre fertig ausgearbeiteten Pläne zur Schaffung einer „allgemeinen haushaltsrechtlichen Ermächtigungsgrundlage für die Rückgabe von im kolonialem Kontext erworbenen Kulturgütern“ zurückgezogen. Anlass sind Bedenken des Koalitionspartners CDU.

Das grün-schwarze Kabinett soll nächste Woche zwei Papiere aus Bauers Haus beschließen. Erstens einen Plan zur Erarbeitung einer solchen Ermächtigungsgrundlage „für die Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut“ – also Nazi-Raubkunst. Zweitens eine Einzelfall-Genehmigung zur unentgeltlichen Abgabe von zwei Objekten des Stuttgarter Linden-Museums an Namibia: eine Bibel und eine Peitsche, die Hendrik Witbooi (1830-1905) gehörten, einem Anführer des indigenen Nama-­Volks in der früheren Kolonie Deutsch-Südwestafrika.

Eigentlich verfolgte Bauer größere Ziele. Sie versuchte, das Land in eine bundesweite Vorreiterrolle bei der Rückerstattung von Raub- und Beutekunst zu rücken. Denn in öffentlichen Museen, und damit in Besitz von Land oder Kommunen, befinden sich viele unter zweifelhaften Umständen dorthin gelangte Objekte. Sie gehören formell dem Staat, der kann sie nicht einfach hergeben, auch wenn das historisch-­moralisch geboten wäre. Also erarbeitete Bauer ein Papier als Basis der Rückgabe von Nazi-Raubkunst wie Kolonialisten-Beute. Immer sollten vor einer möglichen Restitution Herkunft und Erwerbsumstände des Objekts erforscht werden.

Doch die CDU-Landtagsfraktion blockierte den Vorstoß. Im Einzelfall der Witbooi-Relikte, die bei einer Schlacht erbeutet wurden, stimmte sie zwar zu und auch die Grundlage für die Restitution von NS-Raubkunst trägt die CDU mit. So soll hierfür nun „bei nächster Gelegenheit“ eine entsprechende Regelung ins Haushaltsgesetz aufgenommen werden, wie sie Bayern und der Bund schon haben.

Als Beispiel führt Bauers Kabinettsvorlage das Gemälde „Geschwister“ von Erich Heckel auf. Es liegt in der Kunsthalle Karlsruhe. Die Erben des jüdischen Sammlers Max Fischer haben die Restitution beantragt, da es nach deren Ansicht NS-verfolgungsbedingt entzogen wurde. Der Fall ist, wie so oft, kompliziert. Die Landesregierung sieht „bezüglich der konkreten Erwerbsumstände eine nicht mehr aufklärbare Sachverhaltslücke“ und schlägt, ebenso wie die Kunsthalle, vor, den Fall der 2003 eingerichteten „Beratenden Kommission“ vorzulegen. An deren Urteil würde sich das Land dann halten.

So eine Kommission gibt es für Kolonialobjekte nicht. Die CDU stoppte Bauer, denn sie findet, hier sei der Bund gefragt. „Das Thema hat große außenpolitische Relevanz“, sagt die Abgeordnete Marion Gentges. „So eine Regelung muss in Abstimmung von Bund, Ländern und Kommunen geschaffen werden“, fordert sie. Eine entsprechende Arbeitsgruppe wurde jüngst eingerichtet. Die Grünen sind enttäuscht. Das Wissenschaftsministerium stelle sich der historischen Verantwortung und gehe „mit Mut voran“, findet der zuständige Abgeordnete Alexander Salomon. Die Fraktion habe sich „gewünscht, dass dieser Mut auch belohnt worden wäre.“ Seine Fraktion wolle sich weiter „für eine umfassende Regelung“ einsetzen.

Trip nach Namibia

Rückgabe Wenn die rechtliche Voraussetzung besteht, will Ministerin Theresia Bauer (Grüne) Bibel und Peitsche von Hendrik Witbooi selbst nach Namibia bringen. Geplant ist, beides Ende Februar dem Staat Namibia zu übergeben, und zwar in Gibeon, am Stammsitz der Familie Witbooi.

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