Konzert Bester Laune: Van Morrisson in Schwetzingen

Van Morrison, hier beim „Isle of Wight festival“ in Newport, verströmte auch im Garten von Schloss Schwetzingen geradezu unverschämt gute Laune – ja, er lachte sogar.
Van Morrison, hier beim „Isle of Wight festival“ in Newport, verströmte auch im Garten von Schloss Schwetzingen geradezu unverschämt gute Laune – ja, er lachte sogar. © Foto: David Jensen/imago/PA Images
Schwetzingen / Ulrich Rüdenauer 04.08.2018

Ordnung muss sein. Deshalb werden die verwegenen Damen, die am Rande der Stuhlreihen ein paar tänzerische Lockerungsübungen vollziehen, vom gestrengen Sicherheitspersonal auf die Plätze verwiesen. Aber die deutsche Ordnerseele hat die Rechnung ohne den irischen Sänger gemacht: Nach knapp einer Stunde richtet Van Morrison ein paar Worte ans Publikum – was im Übrigen als Ausdruck unverschämt guter Laune verstanden werden muss – und sagt geradezu herausfordernd freudig, man dürfe gerne tanzen. Ja, es sei sogar so, dass er und seine Band es begrüßen würden, wenn getanzt werde.

Da ist kein Halten mehr, Sicherheitsvorschriften hin, Security-Sheriffs her: Im Garten von Schloss Schwetzingen erhebt sich die den horrenden Ticketpreisen nach zu schließen betuchte Gesellschaft von den durchnummerierten Sitzen, als hätte Kurfürst Karl Theodor die Erlaubnis zu Vergnügung und Übermut erteilt.

Er shoutet, röhrt, bellt, haucht

Sir Van Morrison – vor drei Jahren versetzte Elisabeth II. den Belfast Cowboy in den Adelsstand – hat sich für seinen kurzen Deutschlandtrip subtropisches Wetter mitgebracht und nach dem Auftritt in Köln auch eine angemessene Spielstätte ausgesucht: den prächtigen Barockgarten der ehemaligen Sommerresidenz der pfälzischen Fürsten in Schwetzingen. Statt um galant höfische Tanzmusik geht es an diesem Abend allerdings um Swing. „I’m singing Jazz, Blues and Funk / Baby, that’s not Rock ’n’ Roll“, hat Van Morrison einst auf der Platte „Born to Sing: No Plan B“ ein für alle Mal klargestellt.

Es sollten keine Zweifel aufkommen: George Ivan Morrison, ehelicher Sohn eines Platten sammelnden Werftarbeiters und legitimer Nachkomme von fahrenden Bluessängern und trinkfreudigen irischen Dichtern, wurde schon als kleiner Rotschopf im heimischen Kinderzimmer von Ray Charles, Muddy Waters oder Bobby Bland infiziert und von Sidney Bechet, Miles Davis oder ­Jimmy Giuffre ins Herz getroffen. Magisch drangen die verführerischen Klänge von Radio Luxemburg an sein Ohr, damals, in der Hyndford Street in Belfast, nachts um halb elf, in der Stille langer Sommernächte.

Da muss es auch gewesen sein, dass er seine Seele an den lieben Gott des Soul verkauft hat, und der liebe Gott hat ihm mit einer sonst nur im Mississippi-Delta zu findenden Stimme gedankt, die noch den Ungläubigsten unter uns armen Sündern zur Musik bekehren kann. Morrisons Gesang evoziert etwas Mythisches; er umspielt jeden Ton, shoutet, röhrt, rumort, bellt, haucht und umgarnt; er befreit die Worte, indem er ihre Bedeutung auflöst, zum Schweben bringt. Er singe eigentlich nur Silben, Zeichen und Phrasen, sagte er einmal. Aber alles, was er singt, ist von einer unergründlichen Tiefe.

Van Morrison really got soul, und seine Band swingt in Schwetzingen, dass es eine wahre Freude ist. Der Standard „Let’s Get Lost“ von Jimmy McHugh steht neben dem von Morrison selbst geschriebenen Klassiker „Moondance“, der mit einem Bläsersatz vorgetragen wird, in dem Miles Davis’ „So What“ anklingt. So geht es munter durch die Werkgeschichte: „Carrying a Torch“ vom Album „Hmyns to the Silence“ (1991) verklärt die Dämmerstimmung dieses Abends fast ins Religiöse. Mit dem Happy-Song „Brown Eyed Girl“ geht es zurück ins unbeschwerte 1967, als San Francisco und die damalige Angebetete Janet Planet riefen. „Precious Time“ von 1999 beschwört die Vergänglichkeit alles Irdischen, aber in einem so beschwingten Groove, dass man das gar nicht bedrohlich finden kann, jedenfalls dann nicht, wenn die „Magic Time“ mit Morrisons Musik gefüllt ist.

Der Meister wechselt zwischen Altsaxophon, Gesang und Blues-Harmonika behände hin und her, und seine sechsköpfige Band ist fantastisch: Die Stücke werden geradezu tänzelnd dargeboten, mit solcher Transparenz und Präzision, dass noch die preziösesten Wendungen hörbar sind. Den Ruf des alten Grantlers genießt Van Morrison nicht zu Unrecht; es gab Konzerte, da standen seine Mitmusiker mit schlotternden Knien neben ihm und mussten seinen Unmut duldsam ertragen. Dazu gibt es diesmal keinen Anlass: Morrison lacht einmal sogar (bei „Broken Record“ vom vorletzten Album „Versatile“ aus dem Jahr 2017) und ist auch ansonsten bester Stimmung.

Der Them-Klassiker „Gloria“ bildet – natürlich – den furiosen Abschluss des Abends, da liegt schon die Dunkelheit über dem Barockgarten, und während das letzte gesungene  „Gloria“ verhallt, geht Morrison von der Bühne und überlässt seiner Band den Raum, das Riff dieses Garage-Rock-Knüllers aufzubrechen und immer wieder aufzugreifen und den Song auf wunderbare Weise endlos zu dehnen. Als der letzte Akkord ertönt, sitzt Morrison wahrscheinlich längst ein Teechen schlürfend im Hotelzimmer. Er hat eben Gespür für Timing und den richtigen Abgang. Die Zuschauer sind glücklich. Auch ohne Zugabe.

Schon als Teenager auf Tour

Der Musiker, Sänger und Komponist George Ivan Morrison wurde am 31. August 1945 im nordirischen Belfast geboren und wollte schon als Kind Musiker werden, bereits als Teenager spielte er in Bands. Das 1968 aufgenommene Album „Astral Weeks“ gilt noch heute als eines seiner wichtigsten. Das darauf folgende Album „Moondance“ (1970) enthält mit dem Titelsong einen von Van Morrisons Klassikern.

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