Berlin Berliner Olympiastadion: Steine, Brot und Spiele

Berlin / JÜRGEN KANOLD 21.07.2016
Hertha BSC spielt dort Fußball, Popstars treten auf. Aber das Berliner Olympiastadion von 1936 ist auch ein bedeutender deutscher Geschichtsort.

Die Schale, in der vor 80 Jahren, am 1. August 1936, nach einem Fackellauf durch Berlin das olympische Feuer entzündet wurde, steht noch am Marathontor in archaischer Feierlichkeit. Sofort kommen einem Leni Riefenstahls kultisch verbrämte Bilder in den Sinn. Ehrentafeln vermelden, in Stein gemeißelt, die „Olympischen Sieger“: angeführt von Jesse Owens, dem damals schnellsten Mann der Welt, der vier Goldmedaillen holte. Der von den Nationalsozialisten gehasste schwarze Ausnahmeathlet aus den USA störte Hitlers Rassenwahn und schrieb Geschichte. Im Berliner Olympiastadion ist diese Historie zu spüren. Es ist das besterhaltene bauliche Zeugnis aus der Zeit des Nationalsozialismus: ein deutscher Erinnerungsort.

Hertha BSC spielt hier Fußball, von Helene Fischer bis Bruce Springsteen zelebrieren die Popstars ihre Konzerte; Papst Benedikt XVI. feierte die heilige Messe – das Olympiastadion ist aber auch als ein beeindruckendes, nachdenklich machendes Freilichtmuseum zu erkunden, das mit vielen Objekten vom Größenwahn des Nationalsozialismus erzählt. Stelen mit Texttafeln klären auf, das Deutsche Historische Museum hat zudem in der gruftigen Langemarckhalle eine Ausstellung eingerichtet. Eine Erkenntnis lautet: Der Sport ist anfällig für politischen Missbrauch. Durch den Sport lassen sich Massen verführen. Brot und Spiele als Herrschaftsinstrument: Schon 1936 war das allerdings nicht neu.

Eine Pferderennbahn war das mal im Grunewald gewesen, und in diese Anlage baute Otto March 1913 das Deutsche Stadion, schließlich hatte Berlin schon für 1916 den Zuschlag erhalten, Olympische Spiele auszurichten; sie wurden im Ersten Weltkrieg freilich abgesagt. Das Gelände wuchs sich dann zum Deutschen Sportforum aus, und als das Deutsche Reich 1931 als Austragungsort der XI. Olympischen Spiele neuer Zeitrechnung bestimmt wurde, erhielt Werner March, ein Sohn des ersten Architekten, den Auftrag. Ihm diktierten aber nach der Machtübernahme die Nationalsozialisten die Pläne: Monumentale Repräsentation war gefordert, „gebaute Ideologie“ nennt der Historiker Jürgen Tietz das Stadion für damals 100 000 Zuschauer.

Wer das auf sich einwirken lässt, der versteht nur zu gut, wie sensationell das Münchner Olympiastadion von 1972 von Behnisch und Partner und Frei Otto ausfiel: mit dem freiheitlich leichten, luftig transparenten Zeltdach als Gegenentwurf zur steinernen Machtdemonstration. Nazi-Neoklassizismus aber war das 1936 in Berlin: in gediegenem, handbearbeitetem Naturstein.

Ein kolossales Rund, zusammengebunden in zwei äußeren Umgängen durch gleichmäßig gesetzte hohe Pfeiler. Hitler, der „oberste Bauherr“, ließ sich in der Reichskanzlei Musterwände kommen und entschied sich persönlich für Crailsheimer Muschelkalk. Dass noch Gauinger Travertin zum Einsatz kam, lag nur an Lieferengpässen. Das ist alles erhalten, saniert und hebt das Berliner Olympiastadion aus den funktionalen Beton-Sportarenen unserer Zeit heraus. Das aber ästhetisch beeindruckend zu finden, lässt den Besucher frösteln angesichts der braun-mörderischen Vergangenheit. Auch die historischen Leuchten, die Geländer und Scherengitter: alles denkmalgeschützt aufpoliert in den Jahren 2000 bis 2004, als das Olympiastadion für die Fußballweltmeisterschaft 2006 fit gemacht wurde.

Zuvor hatte man lange Jahre heftig gestritten, wie denn mit diesem so belasteten Bau umzugehen sei: abreißen gar? Zum Glück entschied sich die Stadt Berlin für die „geschichtswahrende Modernisierung“ des Olympiastadions. Das Büro Gerkan, Marg und Partner gewann den Architektenwettbewerb mit einer genialen Überdachung: so praktisch wie elegant und spektakulär schlicht mit dem historischen Komplex spielend. Nur am Marathontor blieb eine Öffnung erhalten, so ist die historische Sichtachse vom Olympischen Platz zum Glockenturm  nachvollziehbar.

Zwischen dem Olympiastadion und dem Glockenturm samt Langemarckhalle liegt das riesige Maifeld – einst ein sportliches Turn- und Aufmarschgebiet. Nazi-Kunst, sonst zu Recht weggeschlossen und bestenfalls in Depots verstaut, steht herum: die riesigen „Rosseführer“ von Josef Wackerle, muskelbepackte Heroen-Skulpturen. Die amphitheatralische Berliner „Waldbühne“, heute beliebt für Open Airs aller Art und 1965 auch mal in einem prolligen Rolling-Stones-Konzert auf Jahre hin zertrümmert, gehört übrigens ebenfalls zu diesem Gelände: von den Nazis fürs olympische Kulturprogramm gebaut und nach einem antisemitischen Publizisten namens Dietrich Eckart benannt.

Zur Haupttribüne des Maifeldes zählt die Langemarckhalle, den jungen Gefallenen vom November  1914 in Flandern gewidmet: eine der Mythen des Nationalsozialismus. Militärisches Gedenken und Opferkult: in einer Sportanlage. Das hatte kriegsverherrlichende Methode. Der Sportfunktionär Carl Diem, 1936 Generalsekretär des Organisationskomitees der Spiele, hatte die Idee, eine Langemarck-Weihestätte  in die olympischen Bauten zu integrieren und beschaffte „blutgetränkte Erde“ vom Schlachtfeld, die in einem Schrein in der Halle versenkt wurde: Aus den Gebeinen der „Kämpfer von Langemarck“ werde eine „neue deutsche Zukunft erstehen“. Und einige Verse Friedrich Hölderlins mussten herhalten, die Ode „Der Tod fürs Vaterland“, um die Schicksalsgemeinschaft zu beschwören.

Die Langemarckhalle ist tatsächlich ein Denkmal: an das Deutschland, das millionenfaches Leid in den Weltkriegen verursachte. Eigentlich schwer erträglich, ab und an samstags im Berliner Olympiastadion, wie in anderen Arenen auch, so genannte Fußball-Fans zu sehen, die Nazi-Parolen skandieren.

Erinnerungsort

Erkunden Die öffentlichen Bereiche des Berliner Olympiastadions und des Olympiaparks kann man auf eigene Faust erkunden. Dokumentationstafeln informieren über die Geschichte des Stadions und des Reichsportfeldes. Öffnungszeiten: 9-19 Uhr, im August bis 20 Uhr. (Infohotline: 030 – 25 00 23 22). In der Langemarckhalle im Westen des Stadions hat das Deutsche Historische Museum die Ausstellung „Geschichtsort Olympiagelände – 1909  – 1936  – 2006“ eingerichtet. Auf dem Glockenturm hat man eine tolle Aussicht übers Gelände und nach Berlin (kostet extra Eintritt). Und wer sich im Sommer erfrischen möchte: im olympischen Schwimmstadion.

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