Berlinale Berlinale-Film „Beuys“: Sehenswerte Künstler-Biografie

Berlin / Magdi Aboul-Kheir 15.02.2017

„Beuys, the man with a hat, some felt, and the Fett­ecke.” Für das internationale Filmpublikum muss man im Werbematerial doch mal bündig erklären, wer dieser Joseph Beuys (1921-1986) eigentlich war. Der Mann mit einem Hut, Filz und der Fettecke.

Doch keiner, der gestern im Berlinale-Wettbewerb der Premiere von Andres Veiels „Beuys“ beiwohnte, wird den deutschen Künstler danach auf Schlagworte reduzieren wollen. Dem Stuttgarter Filmemacher ist es gelungen, aus Unmengen Archivmaterial eine 107-minütige Dokumentation zu montieren und zu verdichten: kein konventionelles Porträt, sondern eine kraftvolle, doch behutsame Annäherung an den Menschen Beuys, seine Kunst und Ideenwelt.

Beuys, diese Schlüsselfigur der bundesrepublikanischen Kunst, dieser Schamane der Avantgarde. Beuys, dieser lustvolle Provokateur und ernste Kapitalismuskritiker – all diese Facetten zeigt der Film. Beuys in Düsseldorf und Kassel, in New York und Tokio.

Natürlich sieht man seine Kunst, aber eben nicht museal: Fettstuhl und Honigpumpe, „Das Rudel“ und „zeige deine Wunde“, „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“, seine Grunzrede vor Politikern und die Performance mit einem Koyoten in einem US-Museum. Und natürlich die 7000 Eichen, die 1982 zur documenta gepflanzt wurden.

„Denken ist Plastik“, meinte Beuys. Nicht weniger wollte er, als das Bewusstsein der Menschen zu erweitern – mit seinem Konzept der sozialen Kunst. Nichts anderes meinte er mit dem Satz, jeder sei ein Künstler. Und: „Was soll Kunst, wenn nichts dabei herauskommt?“

Beuys sei schon früh ein großer Einfluss auf ihn gewesen, sagt Veiel, 1959 in Stuttgart geboren. In der schwäbischen Provinz sei dessen Werk Sprengstoff gewesen oder als Schrott abgetan worden: „In unserem Vorort wäre eine Fettecke sofort der schwäbischen Kehrwoche zum Opfer gefallen.“

Als sich Veiel 2013 wieder intensiver mit Beuys beschäftigte, merkte er, dass dessen Ideen und Werke so relevant wie eh und je sind. Er sah 300 Stunden Videomaterial durch, hörte sich endlose Tondokumente an, sichtete 20 000 Foto. Er sprach mit 60 Zeitzeugen und Weggefährten Beuys’, führte 20 Interviews vor Kamera, etwa mit Klaus Staeck.

Ein Drittel des Films wollte Veiel ursprünglich mit Original-Archivmaterial bestreiten – jetzt sind es mehr als 90 Prozent geworden. Zu bestechend, signifikant sind die Aufnahmen, die Beuys beim Arbeiten, Auftreten, Diskutieren zeigen.

Der Zuschauer und Zuhörer reist zurück in eine analoge Zeit: Video und Audio-Dokumente, Fotos und Kontaktbögen, Skulpturen und Zeichnungen. Veiel setzt dabei auch auf subtile Animationen und Split-Screen-Montagen. Ein spielerischer Umgang, der zu Beuys passt. Und egal, wie grieselig und unscharf manche Aufnahme ist, „Beuys“ wirkt nicht historisch. Zu relevant ist es, was da zu sehen und zu hören ist.

Neugieriger Blick, analytisches Verständnis, narratives Geschick und Mut zur Ambivalenz kennzeichnen ohnehin Veiels Werk. Bereits 2001 ließ er in „Black Box BRD“ die Biografien des Bankenmanagers Alfred Herrhausen und des RAF-Terroristen Wolfgang Grams nebeneinander wirken, dann arbeitete er in „Der Kick“ (erst als Theaterstück, 2006 als Film) formal abstrakt und doch brutal wirksam die Ermordung eines 16-Jährigen in der Uckermark durch zwei Neonazis auf. Und in „Wer wenn nicht wir“ (2010) schilderte er – auch im Berlinale-Wettbewerb – die Vorgeschichte der RAF als Sittengemälde der jungen BRD.

„Beuys“ ist auch kein bebilderter Wikipedia-Eintrag, sondern eine assoziative Collage, ein Bilderbogen durchaus mit Rätseln, Widersprüchen und Leerstellen, die für Beuys so typisch waren. Der Film streift die Kindheit und die Kriegszeit, in der Beuys als Flieger abgeschossen wurde, und die Zeit des Kunststudiums, in der er in Depressionen versank.

Schwerpunkte des Films sind Diskussionen und Happenings, Beuys’ Hochphase als Dozent und Künstler von Weltruf, sein Ausschluss von der Düsseldorfer Kunstakademie, sein letztlich frustrierendes Engagement als Grünen-Politiker in der chaotischen Gründungsphase der Partei. Der Privatmensch allerdings bleibt außen vor.

Für Veiel ist wichtig, dass Beuys hartnäckig und subversiv die Fragen stellte, die auch 30 Jahren nach seinem Tod noch relevant sind. Vielleicht sogar relevanter denn je. Kunst könne eine Waffe gegen den Feind sein, zitiert Beuys Picasso. „Wer ist der Feind?“ Es ist die Macht des Geldes, der Kapitalmärkte, des Staates.

Im anti-utopischen Heute ist Beuys für Veiel bedeutsamer denn je. Er zeigt ihn aber nicht als Utopisten, nicht als Spinner oder Träumer. Sondern als Anreger, Bewirker, Charismatiker – durch Taten und Worte.

Der Film transportiert Beuys’ Energie, seine Verausgabung. „Es wäre doch schlimm, wenn man stirbt und noch nicht verschlissen“, sagt er. Erstaunlich ist immer wieder sein Humor. „Wollen Sie das Lachen ausmerzen?“, fragt er in einem Plenum, „wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?“

Kunst und Politik, das ist ohnehin eines der großen Themen dieser Berlinale. „Beuys“ ist eine von drei Künstler-Biografien im Wettbewerb. Doch „Django“ ist nur ein kunstgewerblicher Bilderbogen mit historischen Unschärfen und schöner Musik. Und „Last Porträt“ über den späten Alberto Giacometti wirkt mit seinen Künstlerklischees fast schon läppisch neben einem schillernden Werk wie „Beuys“.

Andres Veiels Hauptverdienst dürfte sein, dass man nach dem Film erkennt: So einer wie Joseph Beuys fehlt.

Altmeister Aki Kaurismäki in großer Form

Wettbewerb Zum einen ist da der syrische Flüchtling Khaled. Als blinder Passa­gier eines Kohlefrachters landet er in Helsinki. Seine Familie ist in Aleppo getötet worden, nur seine Schwester lebt – nur wo? Zum anderen ist da Wikström. Der Hemden- und Krawattenvertreter verlässt sein Frau, versetzt alle Waren, gewinnt am Pokertisch und kauft ein heruntergekommenes Restaurant, wo eine skurrile Belegschaft Dienst tut. Dort kreuzt eines Tages Khaled auf, dem das Asyl verweigert wurde und der illegal im Land geblieben ist. So entsteht in Aki Kaurismäkis Film „Die andere Seite der Hoffnung“ eine fast schon utopische Schicksalsgemeinschaft. Der 59-jährige Finne bleibt seinem Stil treu, erzählt lakonisch-melancholisch, und auch das Flüchtlingsthema ändert nichts an seiner humanistischen Weltsicht. Ein wohltuend warmer, auch komischer Film. Der mentale Zustand Europas bekümmere ihn, sagte Kaurismäki gestern auf der Pressekonferenz der Berlinale, wo sein Film im Wettbewerb gefeiert wurde. Am liebsten würde er mit seiner Arbeit die Welt oder doch zumindest das Bewusstsein der Menschen ändern. Der wortkarge Filmemacher ließ sich sogar ein Lob für Angela Merkel entlocken, sie sei die einzige Politikerin, die sich zumindest für das Schicksal der Flüchtlinge zu interessieren scheine. „Aber das war kein politisches Statement!“, schob der Finne gleich hinterher.

Schauspieler Und was erwartet Kaurismäki von seinen Schauspielern? „Sie sollen sich nicht zu sehr bewegen und bloß nicht die Arme wie Windmühlen bewegen.“ Ansonsten sollten sie halt schauspielern können, so einfach ist das: „Wenn sie es können, ist die Kamera ihr Freund, wenn nicht, ist sie ihr Feind.“ Sprach der Kult-Regisseur und ließ seinen Hauptdarsteller Sakari Kuosmanen, der seit 30 Jahren mit ihm dreht, noch einen finnischen Tango singen. Ohne mit den Armen zu rudern.

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