Mannheim Begegnung auf Augenhöhe

Selbstbildnisse von Max Beckmann (links) und Otto Dix. Fotos: Kunsthalle Mannheim
Selbstbildnisse von Max Beckmann (links) und Otto Dix. Fotos: Kunsthalle Mannheim
Mannheim / HANS-DIETER FRONZ 28.12.2013
Zwei der großen deutschen Maler des 20. Jahrhunderts zeigt die Kunsthalle Mannheim in einer Doppelausstellung: Max Beckmann und Otto Dix. Es ist eine reizvolle Begegnung auf Augenhöhe.

Eine reizvolle Kombination, eine gewagte dazu: die Idee, Otto Dix und Max Beckmann in einer Doppelausstellung zusammenzuführen - diese gefühlt so unterschiedlichen künstlerischen Temperamente, diese großen Solitäre der Kunst in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Ein Gipfeltreffen der besonderen Art also, das die Kunsthalle Mannheim da in ihrer Ausstellung "Dix. Beckmann. Mythos Welt" arrangiert hat. Beckmann ertrug das Grauen des Kriegs acht Monate lang als Sanitäter; Dix harrte vier lange Kriegsjahre in den Schützen-gräben des Front-Infernos aus. Beide verarbeiteten, immerhin eine Gemeinsamkeit, die traumatischen Erfahrungen in erschütternden graphischen Zyklen. In Mannheim sind sie ein Highlight der an Höhepunkten reichen Schau.

Und die deckt bei allen Unterschieden und Gegensätzen noch weitere, überraschende Gemeinsamkeiten auf - etwa die Begeisterung sowohl des frühen Beckmann wie des jungen Dix für van Gogh. Getrennt nach beiden Künstlern, ergäben die rund einhundert Gemälde und 165 Papierarbeiten der Ausstellung zwei komplette, respektable Retrospektiven. In der Summe ist es eine Doppelausstellung, die man gesehen haben muss. Denn gerade in der Gegenüberstellung schärft sich das Profil jedes der beiden Künstler, tritt ihre Individualität umso heller ins Licht. Ein "Paukenschlag", mit dem der wuchtige Jugendstil-Bau der Kunsthalle nach dreijähriger Sanierung wieder seiner Bestimmung zugeführt wurde - so sagt zurecht Ulrike Lorenz, die Direktorin des Hauses, die die Schau gemeinsam mit der niederländischen Beckmann-Spezialistin Beatrice von Bormann kuratiert hat.

Schon die Zeitgenossen erkannten in Dix und Beckmann herausragende Gestalten der figurativen Malerei der Nachkriegszeit. Und auch wenn sich die beiden persönlich wohl nie begegnet sind, gegenseitig wahrgenommen haben sie sich gleichwohl; gewiss auch beeinflusst, zumindest punktuell inspiriert. Das Motivfeld von Zirkus, Clown und Maske bei Dix beispielsweise dürfte unmittelbar auf Beckmanns Vorbild zurückgehen.

Ein bemerkenswertes Resultat der Präsentation beider Künstler: Neben dem Schwergewicht Beckmann verblasst Dix keineswegs, er begegnet ihm über weite Strecken auf Augenhöhe. Die Selbstporträts zum Beispiel - einige davon haben sich unter die Gemälde des einleitenden "Prologs im Atelier" und des Folgesaals mit Frühwerken beider Künstler gemischt. Beckmanns "Selbstbildnis auf Grün mit grünem Hemd" von 1939 und Dix "Selbstbildnis mit Staffelei" von 1926, malerische Glanzstücke beide, könnten in der Bildsprache unterschiedlicher nicht sein. Hier die psychologisch bohrende und moderat expressive, dabei malerisch kultivierte, ja die Peinture zelebrierende Selbstergründung Beckmanns. Und dort Dix veristische, das eigene Ich in der unerbittlichen Schärfe der Linie geradezu sezierende Darstellung in der Technik einer lasierenden Öl-Tempera-Schichtenmalerei nach Rezepturen alter Meister.

Will Beckmann in Porträts und Selbstbildnissen das "Rätsel des Ichs" ergründen, findet sich diese Intention in seinem Selbstbildnis in der ins Halbdunkel getauchten rechten Gesichtshälfte angedeutet, die auf tiefere Schichten der Persönlichkeit schließen lässt. Dix hingegen feiert die pure Oberfläche. Die Personen, die ihm Modell sitzen, will er "möglichst nicht kennen", er will "nur das sehen, was da ist, das Äußere". Beim scharfsichtigen Porträtisten drückt sich gerade im Äußeren das verborgene Innere aus.

Als glänzende Porträtisten erweisen sich beide Künstler im sechsten der 15 Themensäle - einer großen und großartigen Porträtgalerie, die nicht nur im Atmosphärischen wahrlich auch die "Physiognomie der Zeit" abbildet: der Roaring Twenties und frühen 30er Jahre, die auch in dem bunten, herrlichen Reigen malerischer Szenen in Café und Varieté oder in den zirzensischen Zyklen von je zehnblättrigen Radierfolgen mit Motiven von Jahrmarkt und Zirkus ins Blickfeld treten.

Als "entarteter" und verfemter Künstler geht Dix in der Zeit des Dritten Reichs ins innere Exil am Bodensee. Er malt jetzt verstärkt religiöse Motive - und symbolisch aufgeladene Landschaften mit vereisten Seen, zersplitterten Bäumen. Auch Beckmann reflektiert - schlüssiger und weniger plakativ als Dix - in seinem Amsterdamer Exil die politische Situation in Deutschland in symbolischen Landschaftsdarstellungen. Und er schafft nach dem Krieg ein Oeuvre, das dem davor gleichrangig ist. Dies ist dann allemal ein Unterschied zu Dix.

Doppelschau
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