Ihr Gesicht ragt kaum über das Rednerpult hinaus, aber die Stimme hört man laut und klar: „Wir fragen euch: Ist das das Letzte, was ihr von uns habt?“, ruft die energische alte Dame aus der Gruppe der Nama der deutschen Delegation zu. Die Frage könnte man ihr sofort beantworten: Nein, die Bibel und die Peitsche, die da unter der heißen Sonne von Namibia auf dem Tisch liegen, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die letzten – sie sind vielmehr die ersten geraubten Kulturgüter, die das Land Baden-Württemberg aus einem Museum an das einstige Kolonialland zurückgibt. Mehr als 126 Jahre waren die beiden Objekte außer Landes, seit 1902 lagerten sie im Stuttgarter Linden-Museum, seit 2013 forderte Namibia sie zurück. Nun sind sie endlich in Gibeon, im Süden Namibias, wo sie einst herkamen.

Wie viel diese Rückkehr für das Land bedeutet, zeigt schon die Dimension der Feier zur offiziellen Übergabe. Etwa 3000 Gäste sind im Festzelt versammelt, um „the bible and the whip“ zu empfangen, wie sie überall liebevoll genannt werden. Wohl jeder einzelne Gast wird daran vorbei paradieren, was eine Weile dauert, denn auf dem Sandplatz am Rande der kargen Kalahari hat sich an diesem Vormittag mehr oder weniger die gesamte Elite des Staates eingefunden. Mittendrin der kleine Tross deutscher Politiker, Wissenschaftler und Journalisten unter Führung von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne), die mit ihrer Rede ihr vorerst letztes diplomatisches Stückchen in dieser Angelegenheit abliefert: „Ich bedaure zutiefst das Unrecht, das geschehen ist“, sagt sie „und ich entschuldige mich von Herzen dafür, dass die Rückgabe sich so lange verzögert hat.“

Der Begriff Völkermord

Man scheint es ihr zu glauben, auch wenn sie den schwierigen Begriff Völkermord für den Vernichtungskrieg umschifft, den die Deutschen Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die Herero und Nama führten. Namibias Präsident Hage G. Geingob nimmt ihre Entschuldigung an, sagt dann aber nochmal deutlich, dass Deutschland schon etwas tun müsse, um die Wunden aus der Vergangenheit zu heilen. Noch immer hat die deutsche Bundesregierung sich nicht offiziell für den Völkermord entschuldigt, die offene Streitfrage schwingt stets mit. „Mixed feelings“ habe man, was die Rückgabe angeht, das hört man in diesen Tagen häufig von Namibiern. Da ist einerseits das Trauma der Kolonialzeit – erst 1990 wurde Namibia schließlich auch unabhängig von Südafrika –, andererseits ist da die Freude, Bibel und Peitsche wieder daheim zu haben.

Denn die zwei unscheinbar wirkenden Objekte spielen eine wichtige Rolle in der Erinnerungskultur der Nama und des Landes im Ganzen. Nicht weit von Gibeon hatten deutsche Soldaten Bibel und Peitsche 1893 bei einem Überfall auf einen Wohnort der einflussreichen Nama-Familie Witbooi in Hornkranz geraubt und etwa 80 Frauen und Kinder dabei getötet. Das legendäre Oberhaupt der Familie, Kaptein Hendrik Witbooi, fiel 1905 im Widerstandskampf gegen die deutschen „Schutztruppen“. Bis heute gilt der gebildete Kaptein als wichtiger antikolonialer Vordenker, seine „Tagebücher“ mit diplomatischen Briefen zählen zum Weltdokumentenerbe. Seinem Bild begegnet man überall – und sei es nur im Portemonnaie auf den Geldscheinen. Nach dem Raub gelangten die zwei Gegenstände dann ans Linden-Museum, dessen Chefin Inés de Castro auf der Delegationsreise als Kurier fungiert und ihre Fracht nicht aus den Augen lässt.

Einen anderen Blick finden

Dabei hatte sie schon kurz nach dem Ausstieg aus dem Flugzeug einen Schockmoment zu bestehen: In eine helle Holzkiste verpackt, hatte sie Bibel und Peitsche während des Flugs sicher auf ihrem Nebensitz in der Business-Class verstaut. Kaum in Windhuk gelandet, wurde die Box vom namibischen Empfangskomitee ausgepackt, das kostbare Buch ging von einer bloßen Hand zur anderen. Ines de Castro nahm‘s mit Fassung, denn eigentlich machte die emotionale Szene allen Beteiligten erst schlagartig klar, wie aufgeladen das Thema ist, wie nötig die Reise nach Namibia war – auch wenn noch bis kurz vor der ausgeklügelten Rückgabe-Zeremonie in Gibeon immer wieder Irritationen ausgeräumt, Interessen ausgeglichen, Sensibilitäten berücksichtigt werden mussten.

Alles Zeichen dafür, wie komplex so eine Restitution sich eben gestalten kann, sagt Staatssekretärin Petra Olschowski: „Einfach alles in eine Kiste packen, geht nicht.“ Mit der Rückgabe startet das Land deshalb auch die Namibia-Initiative zum Umgang mit dem kolonialen Erbe, die Kooperationsprojekte mit Wissenschaftlern und Institutionen in Deutschland und Namibia beinhaltet. Unter anderem soll die Geschichte der namibischen Objekte im Linden-Museum weiter aufgearbeitet werden, außerdem sollen Partnerschaften mit Kollegen in Namibia aufgebaut werden. Theresia Bauer erwartet sich viel davon. Ziel sei ja nicht, möglichst viele Objekte wegzugeben, sondern Aufarbeitung, Dialog, einen „anderen Blick“ auf die koloniale Vergangenheit zu entwickeln, sagt sie: „Wir müssen Formen finden, unsere gemeinsame Geschichte zu teilen.“

Sie beten, singen, weinen

Auf dem Weg durchs Land, mit Bibel und Peitsche im Gepäck, spürt man: Wenn man das wirklich ernst meint, kann es ein schmerzhafter Prozess werden. An mehreren Stationen werden die Objekte für die Bewohner der Orte ausgepackt, und plötzlich liegen zwei der Schädel neben Bibel und Peitsche auf dem Tisch, die die Berliner Charité im Sommer zurückgegeben hatte. Offenbar haben die namibischen Offiziellen sie mitgenommen, um sie ebenfalls zu präsentieren: Schädel namenloser Menschen, vielleicht getötet von den Besatzern, für Wissenschaftler in Deutschland gesammelt. Schulkinder starren erschrocken darauf, ältere Leute sprechen Gebete, singen, weinen.

Eine Frau hat seit Stunden mit ihrer Tochter und Enkeltochter auf die Ankunft der Delegation gewartet. Sie hat einen Grund, wieso sie hier in der Hitze steht. Er ist einfach, traurig, unwiderlegbar: „Die Schädel da, das könnten meine Großeltern sein.“

Die deutsche Vergangenheit des Landes


Von 1884 bis 1915 hielt das deutsche Kaiserreich weite Gebiete Namibias besetzt. Die Kolonialherren schlugen Aufstände der Volksgruppen der Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 im damaligen Deutsch-Südwestafrika brutal nieder. Deutsche Truppen töteten Historikern zufolge etwa 65 000 der 80 000 Herero und mindestens 10 000 der 20 000 Nama. Historiker sehen darin den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Heute spricht auch die Bundesregierung von „Völkermord“.

Geschätzt gibt es in Namibia heute nur noch rund 14 000 Deutschsprachige, doch sie bilden eine einflussreiche und wohlhabende Minderheit. Zudem erinnert in der Hauptstadt Windhuk noch vieles an die Kolonialherrschaft: Straßennamen wie „Bismarck“, ein Kriegerdenkmal für deutsche Soldaten.

Baden-Württemberg bindet die erste Rückgabe kolonialer Kulturgüter aus einem Museum des Landes an Namibia in eine Gesamtstrategie zum Umgang mit seinem kolonialen Erbe ein: Die „Namibia-Initiative“ umfasst vier Themenbereiche und Projekte, die miteinander verknüpft sind: die historische Aufarbeitung und – damit verbunden – die Vermittlung im Schulunterricht, den Umgang mit musealen Sammlungsgegenständen, Kolonialismus in der Literatur sowie zeitgenössische künstlerische Perspektiven auf das koloniale Erbe.

Partner auf baden-württembergischer Seite sind das Linden-Museum, das Landesarchiv Baden-Württemberg, die Universität Tübingen, die Universität Freiburg und deren Arnold Bergstraesser Institut sowie die Pädagogische Hochschule Freiburg, das Deutsche Literaturarchiv Marbach und die Akademie Schloss Solitude. Demgegenüber stehen Partner wie Universität, Nationalmuseum und Nationalarchiv von Namibia.