Musik Bachtage beginnen mit Mendelssohns „Paulus“

Ulm / Christa Kanand 12.06.2018

Musik wirkt, irgendwie. Kinder schlafen schneller ein, Hühner legen bei Mozart mehr Eier. „Wirkungen und Nebenwirkungen“ – unter diesen Arz­nei-Spruch stellt Festival-Macher Albrecht Schmid die 34. Wiblinger  Bachtage. „Nebenwirkung“  beim Auftakt mit  Felix Mendelssohn Bartholdys ­berühmtem „Paulus“ in der Martin-Luther-Kirche? Keine Ermüdungserscheinungen. Hochkonzentriert und  motiviert  bot der dicht gestaffelte, erstklassige Aufführungsapparat aus 140 Mitwirkenden unter Schmid auf der Orgelempore ein monumentales Klangerlebnis.

Paulus, der Christen-Verfolger, konvertiert und wird zum glühenden Christus-Anhänger, weshalb er seinerseits von gesetzestreuen Juden verfolgt wird. Das ist das Thema in Mendelssohns erstem Oratorium „Paulus“, das der erst 27-Jährige 1836 bei der  Uraufführung  selbst dirigiert hat. Sein gut zweistündiges Meisterwerk ist Spiegel seiner tiefen Beschäftigung mit dem christlichen Glauben: Die Familie von Felix Mendelssohn, der sich den christlichen Beinamen Bartholdy zulegte,  war vom Judentum zum Protestantismus konvertiert.

Klangprächtige Fülle

Für Robert Schumann war  „Paulus“    ein „Juwel“. Dieses Juwel, stilistisch zwischen barocker Formenstrenge und romantischer Emotionalität angesiedelt, brachten die Wiblinger Kantorei mit 35 (!) Gastsängern, das Collegium Instrumentale (Konzertmeisterin: Ursula Müller-Merkle) und Gesangssolisten unter Schmids energiegeladener Stabführung  zum Funkeln. In klangprächtiger Fülle wurden gewaltige Chorpartien neben besinnlichen Chorälen gemeistert. Das Volk in der Tradition der Bachschen Tur­ba-Chöre („Weg mit ihm!“) verschaffte sich aufwühlend Gehör. Berührend, wie der  Frauen-Chor Jesus geradezu sphärisch-überirdisch seine Stimme lieh.

Immense Präsenz zeigten das fast 60-köpfige Orchester – auch bei feinen Soli, etwa Oboe und Cello – und das Vokalisten-Quartett, das neben dem Chor die Handlung in fesselnden Rezitativen voranbrachte. Vielbeschäftigt glänzten  Sopranistin Maria Rosendorfsky, Tenor Philipp Nicklaus, der für den erkrankten Andreas Weller eingesprungen war,  und Bariton Thomas Scharr als Titelheld. Ob in Arien oder in Quartetten mit Altistin Babara Raiber, sie fühlten sich tief in ihre Rollen ein. Tosender Applaus  nach dem lobpreisenden Schluss­chor, Bravos und stehend Ovationen.

Info:  Zweiter Abend der Bachtage: Bach pur beim Konzert „Sinfonia“ mit dem Collegium Instrumentale und vier Instrumentalsolisten. Heute, 20 Uhr, in der Wiblinger Basilika.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel