Heidelberg / WOLFGANG RISCH Dem „Jahrhundert-Poeten“ Ossip Mandelstam ist eine Ausstellung in Heidelberg gewidmet. Manche der Exponate wurden noch nie gezeigt.

Die russische Seele ist emotional, nicht zuletzt im Hinblick auf die eigene Vergangenheit. Emotional gestaltet sich deshalb die Aufarbeitung der Stalin-Schreckensherrschaft, unter der auch und vor allem Intellektuelle gelitten haben. Und bewegt zeigte sich der Direktor des Staatlichen Russischen Literaturmuseums in Moskau, Dmitri Bak, zur Eröffnung der Ausstellung „Ossip Mandelstam. Wort und Schicksal“ in Heidelberg. „Wir nähern uns langsam dem Verständnis Ossip Mandelstams und dessen Bedeutung für die russische Kultur“, sagte Bak.

Viele russische Museen hätten an der Ausstellung mitgearbeitet, manche Exponate, darunter Manuskripte, Heidelberger Universitätsdokumente und Kopien von KGB-Akten, seien noch nie gezeigt worden. Mandelstam, dieser Welt-Poet, hatte 1933 gewagt, Stalin einen „Seelenverderber und Bauernschlächter“ zu nennen, er entging aber – so eine Legende – nach einem Telefonat Boris Pasternaks mit Stalin einer längeren Haft. 1938 wurde Mandelstam wegen „konterrevolutionärer Aktivitäten“ verurteilt, er ging  in einem Gulag  bei Wladiwostok zugrunde und wurde in einem Massengrab beerdigt. Anlässlich des 125. Geburtstags  Mandelstams (1891-1938) widmet Heidelberg jetzt dem russisch-jüdischen Dichter diese eigens adaptierte und ergänzte Ausstellung.

Seinen Anfang hatte der „heimatlose Poet“ in Heidelberg genommen, wo er 1909 und 1910 studierte. Heidelberg, sagte Kulturbürgermeister Joachim Gerner zum Auftaktprojekt für die junge „Unesco City of Literature“ habe „seine Muse geweckt.“ Schon in seinen frühen, am Neckar entstandenen Gedichten habe der Dichter, der in St. Petersburg zunächst  nicht studieren durfte, gezeigt, „dass er ein Jahrhundert-Poet war“. Im Herbst wird die Ausstellung in Granada gezeigt, wie Heidelberg Unesco-Literaturstadt.

„Bis heute gilt es für alle Unesco Creative Citys, die Freiheit des Worts zu verteidigen. Mandelstam hat in seiner Poesie und im politischen Widerstand kompromisslos agiert. Seine Poesie gibt mir Kraft und Hoffnung“, sagte Andrea Edel, Leiterin des Kulturamts und des Projekts City of Literature. „Es hätte Mandelstam, der sowohl einen starken Bezug zur deutschen Kultur und vor allem Musik hatte als auch eine starke Sehnsucht nach Weltkultur empfand, sicher ebenso glücklich gemacht“, so Bak.

Zu den erstmals gezeigten Objekten aus Mandelstams Leben und Umfeld gehören das Sofa aus dem Arbeitszimmer des Literaturtheoretikers Wiktor Schklowski, auf dem Mandelstam gelegentlich geschlafen haben soll, und eine Ausgabe von Dantes „Göttlicher Komödie“, die Mandelstams Ehefrau Nadeschda gehörte. Politische Originalplakate und Werke des Malers und Dichters Maximilian Woloschin ergänzen die Ausstellung. Zu dieser haben Andrea Edel und ihre Mitarbeiter ein umfangreiches Begleitprogramm erarbeitet.

Weil Mandelstams Schaffen in den Heidelberger Jahren begründet wurde, nannte die „FAZ“ im Februar die Stadt eine  „Wegscheide von größter Wichtigkeit für die Dichtung des 20. Jahrhunderts“. In der Welt der Literatur wurde er durch seinen 1913 erschienenen ersten Gedichtband „Der Stein“  bekannt. Nach der Oktoberrevolution ging Mandelstam in ein „inneres Exil“, Nadeschda Mandelstamm und Freunde des Poeten retteten sein Werk, teils durch Auswendiglernen, über die Stalin-Ära hinaus. Doch Vorsicht war geboten, „wer Mandelstam zitieren konnte, wurde in der UdSSR gleich einem gewissen Kreis zugeordnet“, sagte Dmitri Bak mit bewegter Stimme, ganz emotionaler Russe.

Öffnungszeiten

Führungen  „Ossip Mandelstam“ in der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte, Pfaffengasse 1, ist bis 17. Juli Di-So, 10-18, Do bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Öffentliche Führungen am 15./22./29. Mai, 26./29. Juni und 10. Juli, jeweils 14.30 Uhr. Informationen über das Begleitprogramm im Internet unter www.heidelberg.de/cityofliterature