Tanzfestival Ulm Moves: Auftakt mit Morales, Ghaffarian und mehr

Ulm / Claudia Reicherter 11.06.2018

„Wozu ist eine Frau fähig, wenn sie zurückgewiesen wird?“ Zu dieser Frage führte die kubanische Tänzerin und Choreografin Maura Morales ihre Beschäftigung mit dem antiken „Phä­dra“-Mythos. Dessen Variationen von Euripides, Seneca und Racine – sie habe „alle!“ gelesen, beteuert die quirlige Chefin der Düsseldorfer Cooperativa Maura Morales –, von Marguerite Yourcenar, Sarah Kane und Frank McGuinness hat sie um ihre eigene Erlebniswelt und Imagination erweitert. So entstand „Phaidra – Die Virtuosität des Leidens“, das am Freitag im Roxy nach einem ersten Parcours und der Eröffnung der „Movin’ Pics“-Ausstellung im Stadthaus den Auftakt zu „Ulm Moves!“ machte.

In dem Stück für drei Tänzer zu Live-Klängen von Morales’ musikalischem Gegenpart Michio ist somit einiges anders als gewohnt: Die weiblichen Charaktere sind alle in Maurales’ Figur zusammengefasst – Sängerin Sandra Carrasco, die normalerweise auf einer Schaukel die Positionen von Aphrodite, Artemis und Persephone in sich vereint, war erkrankt. Und Hippolyts Tod führt nicht, auf welche Weise auch immer, sein Vater Theseus herbei. Stattdessen macht ihm seine von ihm verschmähte Stiefmutter Phädra höchstselbst und eigenhändig den Garaus. Den Genuss dieser luftig-akrobatischen, rasant-emotionsgeladenen, ergreifenden 70-minütigen Choreografie vermochte im Roxy nur eines zu trüben: die Tatsache, dass die Besucher im Parterre ab der dritten Reihe nicht sehen konnten, was sich vorn auf dem Boden tat.

Ergreifendes Tanztheater

Das Problem löste das „Ulm Moves!“-Team am Samstag beim „Tanzlokal“, indem es nur die ansteigenden Reihen der Werkhalle bestuhlte. So wurde neben vielfältigen Show- und Volkstänzen auch Morales’ Tanztheater-Choreografie, die sie am Nachmittag in nur vier Stunden mit ambitionierten Laien aus Ulm und der Region bis nach Friedrichshafen und Tübingen im Workshop erarbeitet hatte, zum Genuss.

Afshin Ghaffarian stellte am Sonntag im Stadthaus-Saal das Publikum anfangs vor dasselbe Problem. Sich vor der ersten Reihe auf dem Boden wälzend, war der in Paris lebende Iraner, dessen Leben 2014 den Kinofilm „Wüstentänzer“ inspirierte, von hinten kaum auszumachen. Für sein begeisterndes Solo „Too Loud a Solitude“ unterfütterte auch der 31-Jährige  eine literarische Vorlage mit Selbsterlebtem auf markerschütternde elektronische Klänge.

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