Belgrad Auf dem Balkan entstehen neue Sprachen

Belgrad / THOMAS BREY, DPA 28.12.2013
Im Vielvölkerstaat Jugoslawien sprachen sprachen einst 21 Millionen Menschen eine Sprache. Heute will die Politik davon nichts mehr wissen.

"Nichts trennt uns so sehr wie unsere gemeinsame Sprache" - dieses Bonmot wird von Österreichern seit Jahrzehnten gern über ihr Verhältnis zum großen deutschen Nachbarn zitiert. Gemeinsam und doch so verschieden, ist das Motto der emotionalen Debatte. Ein ähnlicher Disput ist gerade auf der Balkanhalbinsel zu beobachten. Während im untergegangenen Jugoslawien jedermann Serbokroatisch verstand, ist diese Sprache heute in Serbisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Bosnisch zerfallen. Geht das überhaupt?

Seit zweieinhalb Monaten campieren Dutzende Familien mit ihren Kindern vor dem Gebäude des internationalen Beauftragen in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Sie wollen erzwingen, dass ihre Zöglinge in der Schule in bosnischer Sprache unterrichtet werden. Bisher war in ihrer Schule im Ort Konjevic polje im Osten des Landes Serbisch die Schulsprache, weil diese Gemeinde in der serbischen Landeshälfte liegt. In der südserbischen Stadt Novi Pazar bestreiken die dort lebenden bosnischen Schüler aus demselben Grund den Serbisch-Unterricht.

In Kroatien haben Nationalisten in den letzten Wochen 650 000 Unterschriften gesammelt, um eine Volksabstimmung zu erzwingen. Mit ihr soll der serbischen Minderheit im Land verboten werden, sich in ihrer Sprache bei Behörden verständlich zu machen. Gleichzeitig entstehen im Kroatischen viele neue Kunstworte, damit sich die Sprache mehr und mehr vom ungeliebten Serbischen unterscheidet. Ein Dorn im Auge ist den kroatischen Radikalen vor allem die kyrillische Schrift der Serben. Zu jugoslawischen Zeiten sprachen beide Völker zwei Dialekte der gleichen Sprache, wenn auch mit lateinischen oder kyrillischen Buchstaben geschrieben.

In Montenegro ist die Lage noch schwieriger. Hier will die Politik nach der Unabhängigkeit des Landes von Serbien (2006) erreichen, dass im Land ein eigenständiges Montenegrinisch gesprochen wird, und hat das auch in der Verfassung festgeschrieben. Da die Hälfte der Bevölkerung sich jedoch als Serben fühlt, ist ein Sprachenstreit auf Dauer programmiert. Selbst die Linguisten im In- und Ausland sind uneins, ob das Montenegrinische nur eine Spielart des Serbischen oder doch eine selbstständige Sprache ist.

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