Mit einem emotionalen Facebook-Eintrag feierten Frieder Bernius (70) und seine Ehefrau Sandra am 29. Januar dieses Jahres kurz vor Mitternacht den Start dieses Geburtstags: „In wenigen Minuten wird der Kammerchor Stuttgart 50 Jahre alt. Danke an alle!“ Der Eintrag plus Foto mit einer Flasche  Cava-Sekt und einem Bach-Vokal-Blatt im Hintergrund, hatte innerhalb kurzer Zeit 3000 gratulierende Follower. Dabei haben sich beide über eine Anmerkung ganz besonders gefreut: „Gern kopiert, nie erreicht“. Mit diesem Lob im Hintergrund wird am 4. November in Stuttgart mit einem A-cappella-Konzert in der Musikhochschule öffentlich nachgefeiert.

Warum er diesen Chor gegründet hat, weiß er heute nicht mehr so genau. Es könnten, meint er beim lockeren Gespräch in den Räumen seines Musik Podiums gegenüber der Stuttgarter Hospitalkirche, nostalgische Erinnerungen an den Jugendchor in seiner Heimatstadt Ludwigshafen gewesen sein, aber auch einfach Frust wegen vergeblicher Liebesmüh in Sachen Violinstudium im ersten Semester. Dieses Ensemble, das seinen offiziellen Namen „Kammerchor Stuttgart“ erst seit 1976 trägt, hat Bernius 50 Jahre lang „begleitet“, wie er es formuliert. Und nach allen Gastdirigaten mit anderen Ensembles sei er immer wieder gerne zu ihm „nach Hause“ gekommen. In den Anfangsjahren seien es Jugendliche und Kommilitonen gewesen, die mitgemacht haben, und er sei damals so alt wie die Sänger gewesen. Heute sei er 40 Jahre älter als der Durchschnitt, der zwischen 25 und 30 Jahren liegt.  Da gibt es, stellt er nüchtern fest, eine „gewachsene Distanz“, betont aber zugleich mit Nachdruck: „Ich bin nicht der Typ, der Respekt erwartet, ich bin kein Maestro. Ich möchte mich mit meinen Sängern auf Augenhöhe auseinandersetzen.“

Die kommen meist direkt vom Studium und können, bevor sie sich für eine feste Stelle oder die Familie entscheiden, ihre Stimme beim Perfektionisten Bernius auf allerhöchstem Niveau erproben. Anfangs war der Chor „rein idealistisch“. Mittlerweile bekommen die Sänger, da die Ansprüche gestiegen sind, für Proben und Auftritte eine Vergütung, die vergleichsweise im Mittelfeld konkurrierender Ensembles liegt. Dass die Chormitglieder laufend wechseln, ist für Bernius ein großer Vorteil: „So bleiben wir kreativ und, mein Hauptziel, verfallen nicht in gefährliche Routine.“ Eigene Vorstellungen zu verwirklichen ist seiner Ansicht nach eher mit „zusammengestellten, handverlesenen Ensembles wie dem Kammerchor Stuttgart“ möglich.

Sein Ohr entscheidet

Bei der Auswahl der Sänger ist seine Frau Sandra, die er beim Weltjugendchor 1995 als Sängerin kennengelernt hat, als Chormanagerin natürlich mit dabei. Die Entscheidung trifft aber letztlich Bernius selbst: „Wenn ein Ohr allein entscheidet, ist das die Voraussetzung für eine  klangliche Konzeption. Ich muss beim Vorsingen schon voraushören, ob die Stimme geeignet ist, sich mit den anderen zu verbinden.“ Dabei ist es sein großes übergreifendes Ziel, „die Chormusik auf den Standard der Orchesterkultur zu heben“.

Anfangs waren seine Konzerte mit Chor und Orchester von der in Stuttgart üblichen romantischen Aufführungstradition beeinflusst. Doch im Lauf der Zeit freundete er sich mit den sogenannten Originalinstrumenten an. Non-Vibrato galt dann natürlich auch für die Chorstimmen, die mit dieser „stilistischen Revolution der historischen Aufführungspraxis“ ganz neu gefordert wurden.

Und wie packt  Frieder Bernius die umfangreiche, bisweilen auch, was Finanzprobleme betrifft, stressige Arbeit? Die Antwort kommt prompt: „Ohne Chigong würde ich das nicht schaffen.“ Für Entspannung und Abwechslung zu Hause sorgen seine Familie, seine Kinder: Robert (2), Rebecca (9), die „ganz gut“ Klavier spielt, und Rafael (11), „der eigentlich Klarinette üben sollte, sich dafür aber nicht so richtig begeistern kann“, was Bernius gelassen hinnimmt: „Auf keinen Fall etwas forcieren.“

Empfohlene Aufnahmen


Chor Der Kammerchor Stuttgart ist ein Projekt-Chor mit professionellen Sängern und tritt je nach Programm in wechselnden Besetzungen vom Vokalensemble bis zum 80 Stimmen umfassenden Oratorienchor auf. Sein Repertoire reicht vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Das Ensemble erhält Einladungen zu allen wichtigen europäischen Festivals und konzertiert in renommierten Konzerthäusern.

Das Jubiläumskonzert mit Werken von Elgar, Eisler, Debussy, Ravel und Mendelssohn. findet am Sonntag, 4. November, 15 und 18 Uhr, mit der Sprecherin Iris Berben im Konzertsaal der Musikhochschule Stuttgart statt.

CDs Von den aktuellen Aufnahmen seiner 100 Titel umfassenden Diskographie, viele davon mit internationalen Preisen ausgezeichnet, empfiehlt Frieder Bernius im Carus-Verlag erschienenen Alben. Bach: Ein feste Burg (BWV 80); Zelenka: Missa Sancti Josephi; Haydn: Stabat Mater; Mozart: c-Moll-Messe (KV 427); Mendelssohn-Bartholdy: Lieder im Freien zu singen; Ligeti: Requiem, Lux aeterna.