Musik Auch Eisbären haben den Blues

Blueslegende Curtis Salgado auf Spitzbergen.
Blueslegende Curtis Salgado auf Spitzbergen. © Foto: Dirk Hülser
Longyearbyen / Dirk Hülser 03.11.2018

Wenn sich die Sonne Ende Oktober zum letzten Mal blicken lässt, beginnt in Spitzbergen die Polarnacht. Bis Mitte Februar ist es nun dunkel, die „Dark Season“ hat begonnen. Weil dauerhafte Dunkelheit irgendwie bluesig ist und aufs Gemüt schlägt, gibt es seit 2003 das „Dark Season Blues Festival“. In der größten Siedlung auf dem arktischen Archipel, Longyearbyen, wird dann fünf Tage lang gefeiert. Dort gibt es mehr Eisbären als Menschen, nur 2500 wohnen in der unwirtlichen Fels- und Eiswüste. Doch den Blues bekommt beim Festival niemand – im Gegenteil. Höchstens die Eisbären, weil die Beute Mensch sich nicht draußen herumtreibt, sondern in den wenigen Kneipen. Denn dort spielt die Musik.

Obwohl es das nördlichste und abgelegenste Festival der Welt ist, geben sich die Stars der Bluesszene in Longyearbyen Jahr für Jahr die Klinke in die Hand. Sänger und Harpspieler Curtis Salgado, der in diesem Jahr erneut den Blues Music Award als bester Soul Blues Artist gewann, reiste jetzt ebenso zum 78. Breitengrad wie Country-Blueser Alvin Youngblood Hart, der in der Arktis mit seiner Band Muscle Theory eher die härteren Töne anschlug.

Publikumsliebling war neben dem stets bestens aufgelegten Salgado die Kanadierin Dawn Tyler Watson, eine Entertainerin und Soulröhre, die jeden Saal zum Kochen bringt. „Shine On“ ist ihr Gospel-Ohrwurm, der immer wieder funktioniert: In der Kneipe, auf der großen Bühne und erst recht in der Kirche. Perfekt auf den Punkt spornt The Ben Racine Band die so gar nicht zickige Diva zu Höchstleistungen an – da schmilzt sogar das Eis in der arktischen Wildnis.

Das Konzept des Veranstalters Longyearbyen Blues Club kommt Künstlern wie Zuschauern entgegen: Ob bei Jamsessions, Clubgigs, einem Gospelkonzert in der Holzkirche oder dem Hauptkonzert im Kulturhaus auf zwei Bühnen – die 15 Bands bekommen genug Möglichkeiten, sich in unterschiedlichen Locations zu präsentieren.

Wenn dann die groovende, soulige Kilborn Alley Blues Band aus der Nähe von Chicago in der Kirche spielt, ist der Chicago Blues bei den Pietisten angekommen. Eine Fröhlichkeit, die Ihresgleichen sucht, unvorstellbar bei Evangelikalen im satten und warmen Süden. Dann schlurft Curtis Salgado, der Mann, der den Blues Brothers in den 70ern den Blues beigebracht hat, im Anzug und mit pinken Badelatschen durch die nördlichste Kirche der Welt – auf Spitzbergen werden die Schuhe in Gebäuden ausgezogen, wer Glück hat, ergattert vorübergehendes Schuhwerk aus einem Regal im Foyer.  Er schreitet zur kleinen Bühne beim Altar und entfacht im Duett  mit Watson ein Gospel-Feuerwerk. Nun  ist irgendwie klar: Normal ist das alles nicht.

„Ihr sorgt dafür, dass wir uns an diesem sehr kalten Ort sehr warm fühlen“, lobt Watson das Publikum. Und richtet noch einen Satz an die Bewohner von Svalbard, wie Spitzbergen auf norwegisch heißt: „All Ihr Leute, die Ihr hier oben überwintert – bleibt am Leben!“

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