Kunstmesse Art Basel: Ein unüberschaubares Kunstdickicht

Basel / Burkhard Meier-Grolman 16.06.2018

Wo einsteigen, wo weitermachen, wo aufhören? An diesem Wochenende benötigt man rund um Basel ein gut funktionierendes Navigationsgerät, um all die wichtigen Kunstadressen anzusteuern. Das alle Aufnahmefähigkeiten außer Kraft setzende Spektakel ist freilich in den Messehallen zu finden: Die Art Basel ist wie immer ein Tollhaus.

Hier zählen allein Moneten, und wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Auf drei Milliarden Dollar schätzen die Versicherer den Wert der Kunstwerke, die in diesen Tagen verkauft werden. An drei Vorlauftagen wurde nur den Superreichen Einlass gewährt, sie greifen sich die Novitäten, und wenn später der Normalo die Kontrolle am Tor der Messehalle passiert, hat sich das Tableau der Exponate erheblich verändert, die hochkarätigen Bilder sind gegen geringfügig billigere Kunstware ausgetauscht worden.

Doch das merkt man kaum, weil das Angebot weiterhin so chaotisch bunt rüberkommt: ein Jahrmarkt der Kunst eben. Ja, man kann auch noch bezahlbare Entdeckungen machen, aber das verlangt eine gute Spürnase. Und wieder gibt es ein Namedropping, denn die Galeristen hängen ihren Basquiat, Baselitz, Balkenhol, Bonnard oder Braque ganz vorne in die Auslage, weil sie kostendeckend arbeiten müssen.

Wieder ist die „Unlimited“ in der Halle 1 der Basler Kunstmesse das Ereignis, weil dort bei den 70 Großinstallationen und Videoboxen nicht auf die Preisschilder, sondern auf die Ästhetik und auf die Qualität geschaut wird. Ob bei Ai Weiwei, der einen Teppich aus angebrochenen chinesischen Reisschalen auslegt, bei Altmeister Arman, der jede Menge Garderobenständer zu einem Kojen füllenden rechteckigen Blumenstrauß formiert,  bei Daniel Buren, der sein riesiges Streifengerüst als Beobachtungsstand aufstellen lässt, oder bei Yoko Ono, die den Besuchern eine Tube Alleskleber in die Hand drückt, um – vermutlich mit Blick auf Ai Weiwei – Porzellanscherben zusammenzufügen und zu kitten.

Und natürlich bei Robert Longo, der eine mit 40 000 Vollmantelgeschossen, sprich Pistolenkugeln, gespickte und golden schimmernde Kugel ins Scheinwerferlicht gehängt hat. Dafür hat dann gleich ein Sammler 1,5 Millionen Franken hingeblättert. Abgesehen davon dürfen hier die Augen völlig unbelastet von Besitz und Erwerb umherschweifen, und der pure Kunstgenuss ist garantiert.

Den hat man, stressfrei und nicht nur einmal im Jahr, sowieso in den Baseler Außenbezirken. Im Vorort Riehen kann der Kunstinteressierte ein Juwel der zeitgenössischen Museumsarchitektur ins Visier nehmen, Renzo Pianos ans Bauhaus und besonders an Mies van der Rohe erinnernden Ausstellungspavillon der Fondation Beyeler. Schon im Park vor dieser Kunstoase begegnen einem Großplastiken von Ellsworth Kelly, Alexander Calder und Georg Baselitz, aber drinnen holen die omnipotenten Großmeister Alberto Giacometti und Francis Bacon zum Rundumschlag aus.

Größere Gegensätze kann es wohl nicht geben in der Klassischen Moderne, also warum werden die beiden zusammengespannt? Weil sich Giacometti wie Bacon zeitlebens um Figuren, um die Erschaffung oder die Zerstörung von Körpern gekümmert haben, die Abstraktion haben sie links liegen lassen. Außerdem waren sie, was man nicht glauben mag, befreundet, und schaut man genauer hin, stellt man fest, dass sie sogar zuweilen dieselben Themen wie etwa das Motiv  „Menschen im Käfig” beackert haben.

Südlich von Basel landet der Kunst-Tourist im Forum Würth in Arlesheim, wo mit dem „Blick des Sammlers“ im über 16 000 Werke  umfassenden Künzelsauer Kunstdepot nach vorzeigbaren Trouvaillen geforscht worden ist. Es wird wie zuvor, wir ahnen es, ein einziges Namedropping werden. Natürlich ist bei Würth Gerhard Richter mit von der Partie, Max Beckmann, Horst Antes, Christo, Tony Cragg, Anselm Kiefer, Jackson Pollock und und und . . .

Nach diesem Prominententreff sind wir bereit, die Kunstweihen mitten im Zentrum Basels zu empfangen. Dicht am Rheinufer, im Neubau des Kunstmuseums, dessen Untergeschoss immer noch den Charme eines Fleischerei-Kühlraums ausstrahlt, kümmert sich der 1973 geborene Amerikaner Theaster Gates um den Kult um die Black Madonna, die Schwarze Madonna. Wo die dunkelhäutige Heilige eine Rolle spielt, in der Popkultur in den USA, in Politik, in der Gesellschaft und im Alltag, Gates nutzt alle künstlerischen Medien, um deutlich zu machen, wie Michelle Obama, Beyoncé oder Aretha Franklin zu Inkarnationen dieser exotischen Figur werden konnten.

 Man hat etwas Mühe, dem von Gates ausgelegten roten beziehungsweise schwarzen Faden zu folgen, aber ein Stockwerk höher wird der Kopf wieder frei, denn hier wird mit den Arbeiten des Amerikaners Sam Gilliam (Jahrgang 1933) und seiner „Music of Color“ ein Fest der Farbfeldmalerei gefeiert. Gilliam, der in Basel zum ersten Mal in Europa in einer Einzelschau präsentiert wird, hat 1968 entdeckt, dass man fürs malerische Oeuvre nicht unbedingt einen Keilrahmen benötigt. Die Malwerke hängen also wie schön drapierte Einstecktücher an den Wänden, das Ganze ist eine Wohltat für alle Sinne.

Den Hut zieht man auch vor der österreichischen Malerin Maria Lassnig, die sich hier im Kunstmuseum als fantastische Zeichnerin entpuppt. In der dritten Spielstätte des Kunstmuseums drunten am St. Albangraben noch eine nachdenkenswerte Kunstschau: Hito Steyerl und Martha Rosler erklären uns in ihren „War Games“, was der Drohnenkrieg alles an Scheußlichkeiten mit sich bringt.

Über dem Rhein drüben lädt dann noch das Tinguely-Museum zum Besuch ein.  Ja, wir kennen diese ratternden und klappernden Poesie-Maschinen des Schweizer Unikums, wo kopfüber hängende Gartenzwerge freundlich grüßen und ausgediente Motorroller vergnügt Riesenrad fahren. Aber jetzt gibt es dort das mit Künstlichkeiten üppig ausgestattete interaktive Paradies-Gärtlein von den beiden Kunst-und Naturfeti­schisten Jörg Lenzlinger und Gerda Steiner, wo Kunstdünger-Kristalle tüchtig wuchern und Regenwürmer in einer königlichen Droschke chauffiert werden. Das macht Laune, und da wird niemand fragen, ob das mehr mit Kunst oder mehr mit Kitsch zu tun hat.

Ein friedlicher Ort – im Verhältnis zum unüberschaubaren Kunst-Dickicht der großen Art Basel mit ihren grob geschätzten über 20 000 Kunstwerken, 4000 Künstlern und 290 Galeristen.

Vielversprechendes Angebot im Dreiländereck

1 Art Basel in den Messehallen: Publikumstage am Samstag und Sonntag, 11-19 Uhr.

2 Bacon und Giacometti sind in der Fondation Beyeler in Riehen bis 2. September zu bewundern (Mo-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr).

3 Sam Gilliam und seine „Music of Color“ bis 30. September im Kunstmuseum Basel (Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr). Theaster Gates mit seiner „Black Madonna“ bis 21. Oktober ebendort, auch die „Zwiegespräche“ mit Maria Lassnig bis 26. August und Martha Rosler & Hito Steyer mit ihren „War Games“ bis 2. Dezember im Gegenwartsmuseum am St. Albangraben. www. kunstmuseumbasel.ch

4 „Too early to panic“ von Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger im Museum Tinguely in Basel (Paul Sacher-Anlage 1): Di-So 11-18 Uhr; bis 23. September.

5 Im Forum Würth in Arlesheim, Dornwydenweg 11, ist die Kunstschau „Im Blick des Sammlers“ bis 13. Januar 2019 zu sehen (geöffnet: Di-So 11-17 Uhr). Hier ist der Eintritt frei.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel