München Apokalypse im Käfig

Großartig auch das Bühnenbild von Harald B. Thor im Münchner Nationaltheater: ein Altarkreuz aus würfelförmigen Käfigen. Foto: Wilfried Hösl
Großartig auch das Bühnenbild von Harald B. Thor im Münchner Nationaltheater: ein Altarkreuz aus würfelförmigen Käfigen. Foto: Wilfried Hösl
München / JÜRGEN KANOLD 27.05.2014
Ohrenbetäubende Dissonanzen und großer Publikumsjubel an einem Abend - das gibts tatsächlich. Der Bayerischen Staatsoper ist ein großer Wurf gelungen: Kirill Petrenko dirigiert Zimmermanns "Soldaten".

Die Musik schreit laut und grell. Bläser, Streicher und Schlagzeuger erzeugen ein Untergangsgrauen bis jenseits der Schmerzgrenze. Eine Klangwalze, Paukenschläge, ein 36-stimmiges "Dies irae". Aber wie soll eine Musik auch tönen, wenn auf der Bühne ein Mensch, die junge Bürgerstochter Marie, von geifernden Militärs in den Tod gequält wird?

Nur gediegen trauernde Moll-Dreiklänge wären die falsche Tonlage. Auf jeden Fall in einer nach dem Zweiten Weltkrieg und tatsächlich erfahrener Apokalypse komponierten Oper. "Die Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann nach dem Sturm-und-Drang-Drama des Jakob Michael Reinhold Lenz (1776) sind ein radikales Musiktheater - und im 20. Jahrhundert epochal in einer Reihe mit Alban Bergs "Wozzeck" und Arnold Schönbergs "Moses und Aron".

Vor der Uraufführung in Köln 1965 hatten sich manche Musiker Atteste von Ohrenärzten besorgt, um zu dokumentieren, dass sie den Krach nicht aushalten können. Unspielbar sei die Oper, hieß es damals. Heutzutage führt das Bayerische Staatsorchester unter Generalmusikdirektor Kirill Petrenko diese Partitur mit einer Selbstverständlichkeit, mit einer technischen Perfektion, aber auch mit einem Furor, einem tief erschütternden Klangbild auf, dass diese unerbittliche Musik das Publikum zu Jubelstürmen hinreißt. Und weil die Bayerische Staatsoper auch ein großartiges Sängerensemble aufbietet, darunter Michael Nagy (Stolzius), Daniel Brenna (Desportes) und allen voran Barbara Hannigan als Marie, wird diese Premiere zu den nachhaltigen Ereignissen der Intendanz Nikolaus Bachler gehören.

Für den 1972 gestorbenen Zimmermann war die Kunstform Oper ein totales Theater. Er sprach von der "Kugelgestalt der Zeit", verschränkte Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft; er komponierte simultane Szenen für den "omni-mobilen Raum". Er schuf dafür eine "pluralistische" Musik mit Riesenorchester und Tonbandzuspielung, mit Bach-Choral-Zitat, artifiziell seriellen Klängen, zudringlichem Lärm und verfremdet banalem Tanz-Pop. Und am Ende mündet die Anklage gegen alle Kriegstreiberei und Unmenschlichkeit, basierend auf einem Schauspieltext des 18. Jahrhunderts, in ein Atombomben-Szenario.

So stehts in der Partitur. Aber wie das alles auf die Guckkastenbühne eines höfischen Rangtheaters bringen? Andreas Kriegenburg gelingt in München eine starke Inszenierung ohne politische Zeitgeistbilder. Er geht vom Lenzschen Drama der "Soldaten" aus, die Kostüme verorten die Handlung zwischen Rokoko und Nazi-Moderne; und vier Instrumentalisten kommen als Beatles-Pilzköpfe daher. Kriegenburg zeigt das totale Theater - aber eben Theater, kein Multimedia-Spektakel, vielmehr eine Farce des Schreckens mit drastischer Schauspielkunst. Mehr Vergewaltigungs-Aktion war selten auf einer Opernbühne.

Aber das ist halt die Geschichte: "Eine Hure wird niemals eine Hure;/Wenn sie nicht dazu gemacht wird", weiß der Feldprediger. Kriegenburg zeigt das: Maries Leidensweg ins Elend, ihr Ausgeliefertsein, und Barbara Hannigan singt und spielt das in beeindruckender Selbstauflösung. Bühnenbildner Harald B. Thor hat für diese Passion die sinnfällige Kulisse gebaut: ein riesiges, fahrbares Kreuz, geradezu einen aus würfelförmigen Käfigen zusammengesetzten Altar. In den Stallungen, hinter Maschendrahtzaun, wüten die Menschen, als hielte das Schicksal sie wie unberechenbare Tiere: die Soldaten wie die Geschundenen, Gefallenen.

Ein Entkommen gibt es nicht. Auch nicht für den Zuschauer. Aus Lautsprechern dröhnt am Ende ein minutenlanges Crescendo marschierender Soldaten. Das ist die Apokalypse. Dann verstummt diese Hölle plötzlich. Nur Marie keucht. Und wir hören selbst unseren Atem.

Dann entlädt sich Applaus. Draußen, in einem lauen Münchner Frühlingsabend, ist die Heilewelt-Geigenschnulze der Straßenmusiker verstörend wie nie.

Info Die Vorstellung der "Soldaten" am 31. Mai,19 Uhr, ist live, in voller Länge und kostenlos im Internet zu sehen: www.staatsoper.de/tv

Zeitgenössisches Musiktheater

Münchener Biennale Die Bayerische Staatsoper bringt mit den "Soldaten" einen Klassiker der Moderne auf die Bühne - in München war in den letzten Wochen aber auch das renommierte Festival für neues Musiktheater zu erleben; letztmals unter der Leitung Peter Ruzickas. Sein Programm - Thema: "Außer Kontrolle" - strahlte eher Aufbruch- denn Abschiedsstimmung aus. Den Auftakt bildete "Vivier", eine Oper des 34-jährigen Serben Marko Nikodijevic. Diese Hommage an den Neutöner Claude Vivier, der 1983 in Paris von einem Stricher ermordet wurde, fährt Szene-Klischees auf - Netzhemden-Erotik und rappende Muskelmänner. Was bleibt, ist eine allzu erwartbar inszenierte Biografie-Collage mit teils gefällig-dekorativer, teils expressiver Musik. Ganz anders Dieter Schnebels "Utopien". Obwohl Ernst Bloch, Thomas Morus und René Descartes verhandelt werden, vermittelt dieses Werk eine wunderbare Leichtigkeit - zwischen Philosophie und verspieltem Humor, zwischen Wagner, Weill und Free-Jazz-Momenten. Fazit: viel Beifall für die Neuen Vocalsolisten Stuttgart und für den 84-jährigen, noch immer schelmisch lächelnden Grandseigneur Schnebel. 2016 beginnt eine neue Ära in der Biennale-Geschichte, wenn ein Duo die Leitung übernimmt: die Komponisten Daniel Ott und Manos Tsangaris.

OP

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