Stuttgart Andersons Sommermärchen: Stuttgarter Ballett-Festwochen

„Next Generation“.
„Next Generation“. © Foto: Stuttgarter Ballett
Stuttgart / WILHELM TRIEBOLD 19.07.2016
Wohl dem, der zu feiern versteht. Reid Anderson, seit 20 Jahren Ballettchef in Stuttgart, lässt alle an seinem Glück teilhaben: Künstler wie Publikum.

Auf dem Cover der Festschrift steht er da wie der Käpt’n auf der Kommandobrücke: Reid Anderson bestimmt den Kurs und gibt, wie es scheint, die Kommandos. Zum Auftakt der Feier-Strecke gab’s im Kino die SWR-Hommage „Von Wundern und Superhelden“, die am Mittwoch leider erst um 23.40 Uhr im TV-Dritten ausgestrahlt wird. Und neben einer Gesprächsrunde mit Ehemaligen noch zwei Ballettabende, die es beide in sich hatten.

Der eine heißt „Next Generation“. Das sind  Leute in Leitungsfunktionen, aktuell oder künftig, wie sie hier unter der Stuttgarter  Anderson-Ägide  getanzt oder choreographiert  haben,  vielleicht auch schon ein bisschen vom Vorbild fürs eigene Indendanten- und Direktoren-Handwerk abgeschaut haben.

Viele, aber nicht alle, waren gekommen: die langjährige Primaballerina Sue Jin Kang, die in ihrer Heimat einem weitaus größeren Haus vorsteht, als Stuttgart es je war. Filip Barankiewicz, der 2017 das ebenfalls deutlich personalstärkere Tschechische  Nationalballett übernehmen wird.  Ivan Cavallari, der ebenfalls ab 2017 die Montréaler Grand Ballets Canadiens leitet. Christian Spuck, am Zürcher Ballett ungemein erfolgreich. Robert Conn, unverdrossen in Augsburg zugange. Bridget Breiner, die in Gelsenkirchen mit dem „Ballett im Revier“ schon zwei Mal den „Faust“-Theaterpreis errungen hat. Und Eric Gauthier, der ihr das gleichtat mit seiner neugegründeten Gauthier Dance Company im Stuttgarter Theaterhaus.

Die Liste ließe sich ergänzen um Kevin O’Day, gerade noch Ballettdirektor in Mannheim, und um dessen Vorgänger Mark McClain, der mit kleinem Ensemble in Coburg vier Stücke in der Saison stemmt.  Vielleicht auch um Mauro Bigonzetti, über ein Jahrzehnt Chef des italienischen Aterballetto.

Doch lediglich fünf Compagnien ehemaliger Stuttgarter Solo-Spitzenkräfte waren es, die am ersten Ballettabend im Opernhaus antraten. Mitunter  als Gute-Laune-Jockeys  von Gauthier Dance, oder  als Crossdressing-Paar aus Prag, wo die Frau nachher die Hosen anhat. Der Abend zum vollzogenen Generationswechsel zeigte zumindest, wie gut auch andernorts getanzt wird. Beide Beiträge vom Koreanischen Nationalballett waren höchste Güteklasse, vor allem der Tanz- und Trommelwirbel, den sieben zierliche Tänzerinnen mit dem Schluss-Stück „Into the Pulse“ entfachten

Tags darauf der zweite Tanzabend, „Skizzen“ genannt. Was hier im Kammertheater skizziert wird,  kann nur eine winzige Auswahl aus sage und schreibe 95 Uraufführungen sein, die bislang in der Anderson-Ära  über die Stuttgarter Bühne gingen.  Kostproben, Appetizer, Tanz-Canapées, die  meistens wunderbar  munden.

Mag man das eine oder andere  vermissen, von Wayne McGregor, Itzik Galili oder zuletzt Sidi Larbi Cherkaoui. Doch die sind allseits bekannt und prominent. „Skizzen“ soll wohl mehr eine Entdeckungs-Reise sein, zum noch einmal ausgeleuchteten Talentschuppen. Das ist geglückt.

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