Der 28-Jährige schlüpft seit 2006 als Alligatoah in die Rollen des Rappers Kaliba 69 und des Produzenten DJ Deagle. Zunächst stellte er seine vom Rap inspirierten Mixtapes zum kostenfreien Download ins Netz und machte sich nach dem Abitur vor allem als Support von HipHop-Formationen wie K.I.Z. einen Namen.

Wie viel Doppelbödigkeit muss in einem Ihrer Lieder stecken, damit sie sich damit wohlfühlen können?

Alligatoah: Nicht so viel wie man vielleicht denken könnte. Es ist nicht so, dass ich beim Schreiben darauf warte, dass mir noch eine Metaebene und noch ein tieferer Sinn einfällt. Oft sind es die einfachen Dinge und Situationen, die mich dazu bringen, ein Lied zu schreiben. Für mich geht ein Lied eigentlich mit dem Refrain los, also der leichtverständlichsten und vordergründigsten Botschaft.

Dabei bleibt es aber nicht.

Stimmt. Ich leide an dieser Krankheit, dann doch noch ein wenig mehr Tiefe und Metaphorik einbauen zu müssen. Am Ende strotzt ein Lied dann doch vor komplexen und sperrigen Strukturen. Und ich denke: Ach, es hätte so ein schöner Popsong sein können, aber es ist doch wieder ein Stück Arbeit geworden – auch für den Hörer.

Alligatoah sieht sich als Hybrid

Wie intellektuell darf aktuelles Liedermachen sein?

Eigentlich sollte man nur seinen eigenen Ideen und Gedanken verpflichtet sein, wenn man einen Text schreibt, egal ob der nun intellektuell oder von Gefühlen getrieben ist. Wenn man verkrampft versucht, den Geschmack des Publikums zu treffen, kann das nicht ehrlich und nur gefällige Kunst sein. Das habe ich für mich verinnerlicht. Wenn ich also komplexe, satirische und ironische Texte schreibe, ist das genau das, was  aus mir herauskommt.

Balancieren Sie bewusst auf dem Grat zwischen Ironie und Albernheit?

Ich habe da vermutlich einen Hybrid geschaffen. Ich bin ein zynischer Romantiker mit einem Lächeln im Gesicht, da ich in der desillusionierenden Realität dieser Welt auch das Schöne sehen kann und trotz der Erkenntnis dieser Eindrücke mit mir selbst im Reinen bin. Mich verbindet man also nicht mit Verbitterung und Pessimismus, sondern eher mit dem Gegenteil.

„Ich bin ein zynischer Romantiker mit einem Lächeln im Gesicht.“
© Foto: Britta Pedersen / dpa

Sie begeben sich immer wieder in die Kanalisation des Menschseins und das nicht nur auf der Bühne. Was haben Sie dabei über den Menschen lernen können?

Am Ende des Tages gehören alle diese Figuren, in die ich schlüpfe, derselben Spezies an. All diese Eigenschaften, die dazu führen, dass in unserer Welt furchtbare Dinge geschehen, stecken alle in der Psyche des Menschen und gehen nicht etwa von einer urbösen, monsterhaften Macht aus. Sie sind ein Teil von uns. Und es hat doch etwas Versöhnliches, zu wissen, dass Kommunikation und Verständnis ein Schlüssel dafür sein können, das Schlimmste zu verhindern.

Gibt es für Alligatoah auch Tabuthemen?

Nicht pauschal. Es gibt den Impuls, der mir sagt, darüber will ich jetzt schreiben, da ist ein Thema, das mich reizt. Ich würde aber niemals sagen, ich mache etwas nicht, weil es ein gesellschaftliches Tabu ist. Am Ende des Tages bin ich nur meinem eigenen Gewissen Rechenschaft schuldig. Aber natürlich möchte ich auch keine destruktiv zerstörerische Botschaft verbreiten. Mit diesen Parametern im Kopf kann ich mich auch mit den heftigsten Themen auseinandersetzen.

Alligatoah will nicht wie seine Vorbilder klingen

Wie wichtig ist die Musik für Alligatoah? Und wie sehr spielen Sie mit den Stilen Ihrer Vorbilder?

Natürlich prägen mich unterschiedlichste musikalische Einflüsse, aber ich will nicht wie meine Vorbilder klingen, denn die gibt es ja bereits. Heavy Metal, Rap, Pop – da fließt vieles zusammen, wenn ich im Studio sitze, und klingt letztendlich wie Alligatoah.

Hätten Sie sich früher erträumen können, dass Sie irgendwann die größten Hallen füllen würden?

Am Anfang meines musikalischen Schaffens war ja zunächst völlig klar, dass ich niemals auf Bühnen gehen würde. Das war 2006, und da war ich 16 Jahre alt. Es ging nur darum, dass ich etwas an meinem Rechner erzeugte und das ins Internet stellte. Damals habe ich auch mein Gesicht nicht gezeigt. Erst als ich 2009 zum ersten Mal auf einer kleinen Bühne stand, habe ich wirklich Blut geleckt und gemerkt, dass dies ein weiterer Spielplatz sein könnte, um mich auszudrücken. Seither bin ich auch in diesem Bereich komplett ausgerastet und darin aufgegangen, Bühnenbilder zu entwerfen und Kostüme zu schaffen. Das kostet sehr viel Zeit, macht aber leider auch sehr viel Spaß.

Publikum radikal aussortiert

Wer kommt denn zu Alligatoah-Konzerten?

Ein Publikum, das ich sehr erfolgreich ausgesiebt und erzogen habe, was auch sehr wichtig war. Als ich mit dem Album „Triebwerke“ auf Platz 1 der Charts landete, kamen auch Erfolgsfans zu meinen Konzerten. Die kannten das Album und die eine oder andere Single, konnten aber mit den Themen und Inhalten meiner Konzerte nichts anfangen. Ich habe dann radikal aussortiert. Ich spielte den Hit bewusst nicht, stattdessen eine halbe Stunde lang Theater. Dann sind diese Leute gegangen und nicht wiedergekommen. Jetzt kommt also der harte Kern zu meinen Konzerten. Mein Publikum will wirklich zuhören und versteht, was ich da mache. Es weiß, worauf es sich einlässt und dass die Inhalte nicht nur in den Überschriften, sondern in und zwischen den Textzeilen stecken. Und sie haben Freude daran, mich in meinem ganzen Wahnsinn zu beobachten.

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Karriere Die Single „Willst du“ machte Lukas Strobel alias Alligatoah auch einem breiteren Publikum bekannt. Mit seinem vierten Album „Musik ist keine Lösung“ und der nachfolgenden „Himmelfahrts-Komman­do“-Tour ist der Künstler, der alle Lieder selbst schreibt, spielt und produziert und zudem seine Bühnenshows und -kos­tüme selbst entwirft, zur festen Größe geworden. Mit den Stücken des neuen Albums „Schlaftabletten, Rotwein V“ (Trailerpark) und einer außergewöhnlichen Show darf man ihn auf seiner „Wie zu Hause Tour 2019“ am 12. Januar 2019 in der Stuttgart Schleyerhalle und am 19. Januar im Münchner Zenith live erleben. udo