Roman Alle warten immer noch auf die Wende

Jürgen Kanold 16.12.2017

Diese Stadt führt den Zweifel schon im Namen: Frankfurt (Oder). Der 20-jährige Matthias Freier lebt dort, im tiefen Osten an der polnischen Grenze, und auch der Ich-Erzähler sucht Alternativen zu seinem Leben. „Oder Florida“ heißt das witzig-lakonische, zeitkritische, furiose Debüt von Christian Bangel, der 1979 in Frankfurt (Oder) geboren wurde und heute bei „Zeit Online“ als Chef vom Dienst arbeitet: ein deutsch-deutscher Roman, der es mit den Werken Ingo Schulzes aufnehmen kann.

1998 spielt die Handlung, im Jahr, als Kanzler Kohl abtreten muss. Freier, so nennen ihn seine Freunde, hat eine aufregende Zeit. Alle warten, irgendwie immer noch, auf die Wende. Und Freier auch auf die Wiedervereinigung mit Nadja. Nur dass die Neo-Nazis die Straßen beherrschen und auch Freier krankenhausreif prügeln. Sein Freund Fliege steht auf die SPD und organisiert eine Bürgermeisterwahl:  „Mehr Sonne für Frankfurt“. Nachwuchsjournalist Freier wird Pressesprecher eines Kandidaten, der damit gewinnen will, dass er das Volk dazu aufruft, sich so anzustrengen, wie man das im Westen tut. Man ahnt: Christian Bangel hat ziemlich viel Gesellschaftssatire hineingepackt. Frankfurt oder Florida? Immer Deutschland.

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