Alexander Kluge Alexander Kluge im Porträt: Der Tiefsinnige

Berlin / Jürgen Kanold 18.10.2017
Der 85-jährige Filmemacher ist einer der großen Intellektuellen der Republik – und bis heute ein Stachel im Fleisch der Kulturindustrie.

In einem Interview mit der „Zeit“ ist Alexander Kluge neulich sehr frech nach seinem Appetit gefragt worden – als Denker: „Könnten Sie eine Wurst essen, ohne über die Kulturgeschichte der Wurst oder die Bedeutung der Wurst in der Militärgeschichte nachzudenken?“ Ja, so darf man sich den freundlichen, sanften älteren Herrn mit dem ungemein neugierigen Blick vorstellen: Kluge, 85, ist der Chronist des Zusammenhangs. Einer der großen Intellektuellen der Bundesrepublik. Der Literat und Philosoph mit dem Terabyte-Wissensspeicher und dem nicht löschbaren Verantwortungsbewusstsein. Er könne schon eine Wurst essen, ohne an Stalingrad zu denken, antwortete er der „Zeit“, aber wenn er sich nicht mehr vorstellen könne, wie ein Mensch hungert, nütze es ihm nichts, satt zu sein.

Kluge ist ein Monument in dieser gedankenlosen Zeit. Schon diese Biografie! Als „Patriot der Filmgeschichte“ versteht sich der promovierte Jurist, der auch Geschichte und Kirchenmusik studierte, dann am Frankfurter Institut für Sozialforschung als Justitiar arbeitete und bald ein Vertrauter Theodor W. Adornos wurde. Er gehörte zu jenen neuen deutschen Filmemachern, die 1962 im Oberhausener Manifest „Papas Kino“ für tot erklärten. 1968 gewann er mit seinem Spielfilm „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ den Goldenen Löwen der Filmfestspiele in Venedig – die junge Hannelore Hoger (heute TV-bekannt als Bella Block) spielte die Hauptrolle.

Jahre der Revolte

Es waren die 60er Jahre der Revolte. Benjamin, Adorno, Horkheimer und Habermas lieferten die Bibeln eines aufgeklärten marxistischen Glaubens. Kluge schritt zur Tat, gründete an der Ulmer Hochschule für Gestaltung mit Edgar Reitz die Filmabteilung. Jeanine Meer­apfel, heute Präsidentin der Berliner Akademie der Künste, gehörte zu den Studenten. Es war ein Experimentierlabor des Autorenfilms. Alles Geschichte? Kluge ist bis heute ein Stachel im Fleisch der Kulturindustrie geblieben. Als das Privatfernsehen aufkam, sicherte er sich Sendeplätze, um Qualitätsprogramme zumindest in „homöopathischen Dosen“ auszustrahlen. Kluges Firma DCTP ist seit 1988 eine Plattform für unabhängige Dritte im deutschen kommerziellen Fernsehen. Er selbst produzierte tausende TV-Filme, darunter viele Interviews. Man muss aber lange wach bleiben: Das Magazin „10 vor elf“ läuft auf RTL um halb eins. Da geht’s dann nicht um „Bauer sucht Frau“, sondern eher um „Zara­thustras Kampf mit der Finsternis“.

An einem sonnigen Oktobertag sitzt Kluge im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart an einem langen Tisch und spricht mit Journalisten über seine Ausstellung „Gärten der Kooperation“, die er dort vergangenes Wochenende eröffnete. Er beginnt mit einem Monolog, und 35 Minuten später hat er seine Maximen und Lebensweisheiten erzählt, geradezu diktiert. Jeder Satz eine Reflexion, eine Erkenntnis. In der Internet-Welt, wo alles mit allem vernetzt und verwoben ist, führt Kluge souverän zurück in die Zukunft. Er würde ganz gut am Hofe des habsburgischen Kaisers Rudolf II. leben können, sagt er. Die Wunderkammern der Renaissance faszinieren ihn, dieses Geistesleben: „Wissenschaft, Musik, ein bisschen Aberglaube und Gespenster. Und die praktischen Fragen. Leo­nardo da Vinci würde sofort wissen, wovon ich rede.“

Kluge glaubt an die „poetische Kraft der Theorie“. Und erklärt das gleich mal: Ein Theoretiker sei in der Antike der Begleiter einer Delegation gewesen, die in eine fremde Stadt fährt. Er sollte als Zeuge aufpassen, ob die Fremden lügen – oder auch die eigenen Leute. Der Theoretiker habe später über die Fremden mehr gewusst als diese selbst über sich. „Ich habe eine hohe Achtung vor Theoretikern, aber sie müssen mit dem Herzen arbeiten, mit der Herzlichkeit der Vernunft.“

Und mit Bodenhaftung, fügt er hinzu. Die Fußsohle, erklärt Kluge, sei im Gehirn so stark repräsentiert wie die Fingerspitze. „Die Fußsohlen waren für unsere Ahnen das Laufwerkzeug, um die Gazelle zu Tode zu hetzen, um dem ermüdeten Tier dann den Hals aufzuschlitzen, um Nahrung zu gewinnen. So entsteht Intelligenz.“ Die entscheidende Frage der Menschheit sei: Emanzipation oder Sklaverei? „Wenn die Fußsohle erst gar nicht gesinnt ist, nach Stalingrad zu marschieren, dann bin ich gerettet.“

Das Trauma des Krieges. Alles durchdringt es. In der Begegnung mit Alexander Kluge ist man ganz schnell in Halberstadt. Es ist sein Kindheitsort, der Ausgangspunkt seines Denkens. Im Sachsen-Anhaltinischen wuchs der Sohn einer Arztfamilie auf. Und dort überlebte er einen Bombenangriff nur knapp. Es war der 8. April 1945, das Elternhaus verbrannte. Die Luftwaffengeschwader, die auf Aleppo ziehen, sehe er nicht mit „Zeitungsaugen“, sondern mit den Augen seiner Erfahrungen. Er weiß, wie jemand in einer zerstörten Stadt lebt. „Wie komme ich da raus?“ Auch mit einer solchen Frage beginne die Philosophie: „Was hätte ich als  Patriot im Jahre 1921 in Syrien tun können, dass ich 2017 mit meinen Kindern nicht umgebracht werde?“ Wie die Brüder Grimm einst Märchen sammelten, erklärt Kluge, so müsse man heute das Minengelände dieser Welt kartieren und offene Fragen sammeln.

Und wiege sich nur bei uns keiner in Sicherheit: „Wenn Trump mit den falschen Waffen Eisenbahn spielt, dann kann es auch uns dreckig gehen. Wir können uns heute zusammenraufen und etwas tun, was im Jahre 2032 Wirkung zeigt.“ Kluge erzählt in tiefsinniger Lakonie. Die Geschichten dieses Schriftstellers (auch der Georg-Büchner-Preis gehört zu seinen unzähligen Auszeichnungen) erinnern an die Aphorismen, an die „Minima Moralia“ eines Adorno, aber er zieht auch der Fahne eines Ernst Bloch hinterher, das Heil in der Utopie suchend.

Das Schicksal befragen  – das ist das Thema dieses „Lebensläufers“, der alles aufliest, was ihm begegnet. Wenn Politiker solche Gedöns-Sprüche wie „Hätte, hätte, Fahrradkette“  von sich geben, beschäftigt sich Kluge mit der „Bifurka­tion“: mit den Wegkreuzungen, Scheidepunkten, den Abzweigen, mit jenen Momenten, in denen das Schicksal einen anderen Lauf hätte nehmen können. Vor allem zum Besseren. Mit Videos und Collagen, mit Assoziationen in üppiger Materialfülle erzählt der 85-Jährige davon in der Stuttgarter Ausstellung, die dem Interessierten sein multiples Philosophieren aufschließt. „Der Darm denkt“, heißt dazu eine Arbeit über das „absichtslose Glück“: Weil den nervösen Piloten eine üble Diarrhoe erwischt, geht der Bombereinsatz sprichwörtlich in die Hose; der Flieger dreht ab, und eine Hochzeitsgesellschaft überlebt.

Oder ein Beispiel aus der Oper, das Kluge zuspitzt: Eine Souffleuse greift in eine Aufführung ein, sie fragt Don José, ob er wirklich Carmen ermorden wolle. Ohne die Oper geht bei Kluge nichts. Diese um 1600 erfundene Kunstform enthalte alle „Missverständnisse, Tragödien und Verwurstelungen“ der menschlichen Erfahrung. Die „Verfassungsartikel des Gemüts und der Seelenkräfte“ seien vor allem in den Werken des Musiktheaters niedergeschrieben, hat Kluge einmal gesagt. Das klingt jetzt wieder sehr intellektuell. Es geht bei Kluge immer um die Wurst. Aber die Oper ist für ihn auch ein „Kraftwerk der Gefühle“.

„Gärten der Kooperation“ in Stuttgart

Filme und Bücher sind sein eigentliches ­Metier, aber jetzt ist Alexander Kluge auch als Ausstellungskünstler zu entdecken. Im Essener Folkwang Museum läuft „Pluriversum“ (bis 7. Januar), im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart „Gärten der Kooperation“ (bis 14. Januar). Als Kluge-Lesebuch zu empfehlen: „Kongs große Stunde – Chronik des ­Zusammenhangs“ (Suhrkamp). Bei Luch­terhand ist gerade ein feines Büchlein mit Gesprächen erschienen, die Kluge mit dem Schriftsteller Ferdinand von Schirach führte: „Die Herzlichkeit der Vernunft“.