Ai Weiwei Ai Weiwei im Interview: „Grenzen sind dazu da, sie niederzureißen“

Berlin / Günter Keil 04.11.2017
Ai Weiwei fühlt sich im deutschen Exil endlich wieder sicher und gerät dennoch immer wieder in verzweifelte Situationen. Ein Gespräch über das Leben und Arbeiten.

Eine steile Steintreppe führt in das unterirdische Reich von Ai Weiwei. Der chinesische Künstler lebt seit zwei Jahren in Berlin im Exil – sein neues Atelier befindet sich im Bezirk Prenzlauer Berg. Ein weitläufiges Gewölbeensemble eines ehemaligen Bierlagers und Bunkers, tief unter der Erde. Umgeben von stilvoll abgenutzten Ziegelwänden tüftelt Ai Weiwei dort mit 20 Mitarbeitern an neuen Kunstwerken. Der Meister legt wert auf Stille: junge, lässig gekleidete Menschen verschiedener Nationalitäten huschen vorbei, flüsternd nähern sich zwei Assistentinnen. Ai Weiwei nimmt an einem Holztisch in einem der Katakombenräume Platz und nippt an seinem Teeglas. „Dieser Film bedeutet mir sehr viel“, sagt der 60-Jährige in gebrochenem Englisch. Ai Weiwei meint seine Produktion „Human Flow“. Die Dokumentation läuft Mitte November in den deutschen Kinos an.

Vor zwei Jahren sind Sie von Peking nach Berlin gezogen. Haben Sie sich inzwischen gut eingelebt?

Ai Weiwei: Ja. Berlin ist großartig, und mein Alltag ist im Vergleich zu Peking locker und unaufgeregt. Ich stehe nicht so stark im Fokus der Öffentlichkeit wie in meiner Heimat, kann mit meinem Sohn spazierengehen und Ausstellungen besuchen. Leider spreche ich kein Deutsch. Aber durch meine Gastprofessur an der Universität der Künste stehe ich trotzdem in Kommunikation mit der Stadt. Das Wichtigste an meinem neuen Leben sind allerdings die klare Luft und meine persönliche Sicherheit.

Sie meinen damit, dass Sie keine Repressalien chinesischer Polizei- oder Regierungsbehörden fürchten müssen?

Genau. Hier kann man mich nicht einfach verschwinden lassen, mit falschen Anschuldigungen vor Gericht zerren oder unter Hausarrest stellen. Ich fühle mich in Berlin endlich wieder sicher, und das genieße ich.

Gibt es dennoch Dinge, die Sie vermissen?

Richtig gutes chinesisches Essen, ja, das fehlt mir manchmal. Und natürlich vermisse ich meine Freunde, meine Familie, mein Land – dieses wuchtige, schwer durchschaubare China. In Deutschland ist alles geregelt und sauber, wohingegen es in meiner Heimat oft dreckig, mühsam und chaotisch ist. Aber dieses Ungezähmte gehört zu meinem Ursprung. Ich komme mir manchmal wie eine Pflanze vor, die von einem wilden Acker in einen wunderschönen Garten verpflanzt worden ist. Das ist zwar ein Segen, aber mir fehlt auch diese andere Welt, die ich hinter mir lassen musste.

Für Ihren neuen Film haben Sie weltweit Flüchtlinge begleitet und beobachtet. Hat Sie Ihr eigenes Schicksal dazu inspiriert?

Vielleicht auch, aber mein Ansatz ist eher ein globaler. Laut UN-Angaben sind zurzeit 65 Millionen Menschen auf der Flucht, so viele wie nie zuvor. Das berührt und interessiert mich: Ich will wissen, warum Menschen ihr altes Leben hinter sich lassen, in Boote steigen und über Meere fahren, monatelange Fußmärsche in Kauf nehmen. Sie erleben unermessliches Leid und tiefste Verzweiflung. Darüber wollte ich mehr wissen und lernen.

Wie haben Sie das gemacht?

Ich habe versucht, mich den Flüchtlingsströmen aus zwei  Perspektiven zu nähern: von oben, mit Drohnenaufnahmen von Flüchtlingscamps und Krisenregionen, und von unten, als Beobachter, der mit den Menschen spricht, isst und tanzt.

Dass Sie selbst in Ihrer Dokumentation auftauchen, hat einige Kritiker irritiert. Sie werfen Ihnen vor, sich auf Kosten der Flüchtlinge zu inszenieren.

Mir ist bewusst, dass meine Auftritte lächerlich, komisch oder etwas borniert wirken können. Aber das ist keine Atti­tüde, keine Inszenierung, sondern echtes Interesse! Ich bin nun einmal kein ­distanzierter Historiker oder Journalist, sondern Mensch und Künstler. Ich möchte immer in Berührung treten mit dem, was mich beschäftigt und woraus ich etwas forme. Ich bin nicht besser oder anders als die Menschen auf der Flucht, sondern einer von ihnen – das wollte ich vermitteln.

Betrachten Sie sich denn als Flüchtling?

Diese Bezeichnung würde ich nicht wählen. Aber schon seit meiner Geburt wurde ich als Außenseiter und mit Misstrauen betrachtet. Mein Vater, ein regimekritischer Dichter, wurde für 20 Jahre in die Verbannung geschickt, er durfte nicht mehr schreiben und musste hart arbeiten. Alle in unserer Familie galten als Feinde des Staates. Wir wurden als jene von schlechtem Blut abgestempelt, und man vertraute uns nicht. Noch heute könnte mir in China alles mögliche passieren, die Feindseligkeit hält an. Diese permanente Unsicherheit und das Gefühl des Außenseitertums teile ich mit den Flüchtlingen.

Sie gelten als äußerst mutig und haben mit Ihrer Kritik an der chinesischen Regierung Ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Gibt es dennoch etwas, wovor Sie Angst haben?

Ich bin jetzt 60 Jahre alt, und mein Leben kann schnell vorbei sein. Ich könnte morgen von der Bildfläche verschwinden, wer weiß das schon. Davor habe ich Angst wie jeder andere Mensch auch, und ich bin auch genauso verletzlich. Warum wir ins Leben kommen, warum und wann wir wieder gehen, das bleibt das große Rätsel unseres Daseins. Ich versuche, die Pracht des Lebens zu genießen, so wie wir alle. Das einzige, was wir tun können, ist doch, unsere Wärme und Leidenschaft mit anderen Leuten zu teilen.

Ist die Endlichkeit vielleicht das, was Sie antreibt, stets neue Kunstwerke zu schaffen?

Ich versuche tatsächlich, schnell zu sein, denn die Kerze brennt von beiden Seiten. Ich bin noch am Leben und habe diese Chance, also nutze ich sie. Auch die Zeit der menschlichen Spezies im Universum ist sehr kurz. Deswegen arbeite ich hart, denn ich möchte etwas bewegen. Mich treibt auch die Neugier: Was befindet sich hinter dem Berg? Das Meer oder ein weiterer Berg? Das möchte ich mit meiner Kunst, auch mit meinem Film, herausfinden. Also besteige ich den Berg, wenn es sein muss, noch einen und noch einen. Dann sehe ich, was wirklich da ist, das große Bild. Entsprechend kann ich handeln. Wir können alle etwas tun – den Flüchtlingen die Tür vor der Nase zuschlagen oder sie ihnen öffnen. Wir haben die Wahl, und ich plädiere dafür, vertrauensvoll zu sein und diesen Menschen ihre Würde zurückzugeben.

Glauben Sie, dass Kunst die Welt verändern kann?

Wir sind uns doch sicher darüber einig, dass Kunst einzelne Menschen berühren oder verändern kann. Eine Tatsache ist auch, dass die Welt von Individuen gemacht wird. Daraus folgt für mich: Kunst kann die Welt verändern! Lassen Sie mich noch ergänzen: Wenn wir uns gestatten, weiterhin zu träumen und Fantasie zu haben, dann ist alles möglich.

Warum haben Sie Ihren Film nicht einfach „Flucht“ genannt, sondern „Human Flow“, was so viel wie „menschliche Bewegung“ ­bedeutet?

Das, was momentan auf der ganzen Welt stattfindet, ist eine zutiefst menschliche, fließende Bewegung. Flucht gab es schon immer, von Beginn der Menschheit an. Sie ist fast so natürlich wie die Bewegung von Wasser, Wind, Gras oder Bäumen. Ich möchte das aber gar nicht romantisieren ­– schließlich können auch der Wind und das Wasser brutal und zerstörerisch sein. So wie der Mensch, der geradezu selbstmörderisch die Umwelt zerstört.

„Human Flow“ ist auch ein Film über Grenzen, an die die Flüchtlinge stoßen. Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit mit Grenzen um?

Grenzen sind dazu da, sie niederzureißen. Als Künstler stoße ich dauernd an sie: Es gibt ästhetische, philosophische oder gesellschaftliche Grenzen, die meine Arbeit einschränken könnten. Ich muss sie in Frage stellen, so wie mich selbst. Das ist natürlich eine Herausforderung, und ich gerate deswegen auch in verzweifelte Situationen. Ich muss es aber tun, sonst hätte ich das Gefühl aufzugeben. Und was sollte dann mein Sohn über mich denken? Er soll sich an seinen Vater als einen Kämpfer erinnern, der immer seine Überzeugungen behalten hat.

Haben Sie Ihrem Sohn einmal genau erklärt, was Sie beruflich machen?

Nein. Ich möchte ihn nicht belehren und in seinem Urteil nicht beeinflussen. Ich versuche, mir treu zu sein, dann versteht er mich und meinen Beruf schon. Ehrlich gesagt, hat er mich auch noch nie danach gefragt.

Könnten Sie sich vorstellen, mit ihm wieder nach China zurückzukehren?

Im Augenblick sieht es nicht danach aus. Es ist zu viel passiert, und es ist immer noch gefährlich für mich dort. Zwar könnte ich meine Mutter besuchen und danach wieder ausreisen – das hat man mir zugesichert, doch das erscheint mir zu riskant.

Was müsste sich ändern, damit Sie es eines Tages doch wagen?

Ich wünsche mir von meiner Heimat mehr Selbstsicherheit. China müsste sich endlich öffnen und seinen Bürgern vertrauen, ihnen Meinungsfreiheit garantieren. Es müsste auch endlich freie Wahlen zulassen und aufhören, das Justizsystem zu manipulieren und die Medien zu kontrollieren. Das alles geschieht schon viel zu lange. Realistisch betrachtet, gehe ich allerdings davon aus, dass ich noch für einen längeren Zeitraum in Europa bleiben werde.

Einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart

Der Konzeptkünstler und Bildhauer
Ai Weiwei zählt zu den bedeutendsten Kunstschaffenden der Gegenwart. Der 60-Jährige stellt in nahezu allen wichtigen internationalen Museen für zeitgenössische Kunst aus. 2011 wurde er wegen regierungskritischer Äußerungen in China inhaftiert. Als 2015 sein Reiseverbot ­aufgehoben wurde, ging Ai Weiwei ins Exil nach Berlin. Sein Sohn Ai Lao ist acht Jahre alt und stammt aus der Beziehung zur Doku­mentar­filmerin Wang Fen. Beide zogen schon 2014 ­sicherheitshalber  nach Berlin. Im Film „Human Flow“ ist Ai Lao kurz zu sehen, wie er am Strand von Lesbos herumläuft. Die­ Familie machte dort Ende 2015 Urlaub. Auch weil er das Flüchtlingsdrama vor Ort miterlebte, beschloss Weiwei, seinen  Film zu drehen.