"Zerstreuungskino ist langweilig"

Für "Liebe" gewann der Österreicher Michael Haneke den Oscar. Foto: dpa
Für "Liebe" gewann der Österreicher Michael Haneke den Oscar. Foto: dpa
MATTHIAS RÖDER, DPA 28.12.2013
Für Michael Haneke war 2013 das bisher erfolgreichste Jahr seiner Karriere - inklusive Oscar. Ein guter Grund, weiter realistisches Kino abzuliefern.

Wo steht der Oscar?

MICHAEL HANEKE: Der steht neben zwei Micky Mäusen. Da fühlt er sich wohl.

Sie haben inzwischen weit mehr als 100 Preise eingeheimst. Ist das alles schon Routine?

HANEKE: Jeder Preis ist willkommen. Denn jeder Preis bedeutet eine Verbesserung der Bedingungen bei der nächsten Arbeit. Unter den Preisen ist ein ganz einfacher aus Afrika, ein gestrickter Schal. Das finde ich rührend.

Haben Sie seit dem Oscar für "Liebe" Angebote aus den USA bekommen?

HANEKE: Es gab sehr schnell Angebote aus den USA. Ich habe sie alle abgelehnt. Das waren teilweise gut geschriebene Sachen. Aber für die Amerikaner muss die Welt mit dem Kino erklärbar werden oder bleiben. Man soll beruhigt nach Hause gehen. Das ist genau das, was mich nicht interessiert.

Haben Sie nach den beiden Inszenierungen von Mozart-Opern in Madrid und Paris noch weitere Pläne fürs Musiktheater?

HANEKE: Die beiden Opern waren anstrengend, aber auch ein großes Vergnügen. Es hat einfach Spaß gemacht, wochenlang mit dieser Musik zu arbeiten. Aber es ist mir schlicht zu viel Arbeit. Ich bin jetzt 71 und achte auf meine Zeit. Da mache ich lieber Filme.

Hätten Sie Lust, einen Haneke-Film einmal auf der Berlinale statt in Cannes zu präsentieren?

HANEKE: Die Berlinale ist für meine Filme nicht geeignet. Aus einem simplen Grund: Dort werden die Preise nach politischen Gesichtspunkten vergeben. Es ist immer eine ganz bestimmte Art Filme, es sind eher die politisch korrekten, die dort preisgekrönt werden, und das ist auch gut so. Nur, ich passe nicht dorthin.

Was halten Sie vom deutschen Film?

HANEKE: Die deutschen Filme sind nicht die ersten, wegen denen ich ins Kino gehe. Das interessanteste Kino ist das der Schwellenländer. Die haben wirkliche Probleme, mit denen sie wirklich kämpfen, für die sie wirklich brennen, gegen die sie wirklich etwas tun wollen. Bei uns ist Kino eher zum Zerstreuungskino degeneriert. Das ist im Allgemeinen ein wenig langweilig.

Treibt Sie auch die mediale Revolution durch das Internet um?

HANEKE: Ja, wir sind alle überfordert, wir sind mediale Analphabeten und hecheln der Entwicklung hinterher. Es gelingt uns weniger denn je, zwischen Illusion und Wirklichkeit zu unterscheiden. Das Internet wird eine zentrale Rolle in meinem nächsten Film spielen.

Sehen Sie auch Gutes in der technischen Entwicklung?

HANEKE: Jeder kann heute fast ohne Geld einen Film machen. Er muss nicht privilegiert sein, er kann, wenn er begabt ist, mit seinem Handy einen Film machen. Wenn der fantasievoll ist, ist das ein Knüller. Die Demokratisierung der Mittel finde ich wunderbar.

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