Interview Reinhold Würth: „Wir leben hier im kulturellen Schlaraffenland“

Der Unternehmer und Kunst-Liebhaber Reinhold Würth.
Der Unternehmer und Kunst-Liebhaber Reinhold Würth. © Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Künzelsau / Jürgen Kanold 19.06.2018
Reinhold Würth ist Unternehmer mit einer Leidenschaft für die Kunst. In seiner Heimat hat er nun ein Konzerthaus gebaut.

Herr Professor Würth, was hat den Ausschlag gegeben, die Würth Philharmoniker zu gründen?

Reinhold Würth: Meine Frau und ich sind alte Musikliebhaber, wir hatten auch einen eigenen Betriebschor und eine Big Band, veranstalten seit vielen Jahren ein Open Air. Wir waren lange einer der Hauptsponsoren der Philharmonie der Nationen von Justus Frantz, mit dem ich befreundet bin, aber nachdem es dort eine Neuorientierung gab, habe ich gedacht: Machen wir halt mal ein Orchester auf.

Das Programm der Würth Philharmoniker liest sich beeindruckend, es ist gespickt mit erstklassigen Dirigenten und Solisten.

Wenn wir was machen, dann machen wir das mit ganzem Aufwand und mit Verve. Das hat sich ganz gut angelassen, jetzt lassen wir das in aller Bescheidenheit sich entwickeln.

Gibt es besondere Wünsche des Mäzens bezüglich der Künstler?

Ja, schon, wir hatten kürzlich die Netrebko bei uns in Künzelsau, das war schon ein Wunsch! (lacht)

Wie sind Sie mit der Musik in Berührung gekommen?

Meine Mutter hat sehr gut Harmonium gespielt und mich gezwungen, Violine zu lernen. Der Vater hat gesagt: Kerle, hör‘ jetzt auf mit dem Gefatze! Ich habe am Radio sehr gerne klassische und romantische Musik gehört, früh schon, als kleiner Bub. Nur die „Kleine Nachtmusik“ von Mozart, die kann ich heute nicht mehr hören, weil ich sie zu oft am Plattenspieler habe laufen lassen.

Musik ist eigentlich die schönste der Künste, weil sie die Emotionen anspricht. Für Neue Musik habe ich mich deshalb nie interessiert. Das ist halt organisierter Lärm. Das ist Musik aus dem Intellekt heraus, die auf dem Notenpapier wunderbar aussieht, weil sie mathematisch gut aufgebaut ist. Ob diese Musik die Seele der Menschen auch in hundert Jahren anspricht, da habe ich meine Zweifel, ich glaube, sie tut es auch heute schon nicht. Die Emotionen sind es, die mich mit der Musik verbinden und die ich von ihr erhoffe.

In Bayreuth waren Sie oft zu Gast . . .

Die harten Sitze haben mich nie gestört, ich war bei vielen Festspielen dabei, früher mit meiner Frau, heute mit meiner Tochter Marion. Das sind schöne Tage, auch mit Wandern in der herrlichen Landschaft der Fränkischen Schweiz. Ich habe noch Wolfgang Wagners „Meistersinger“-Inszenierung erlebt, das war ein Gänsehaut-Gefühl, wenn der riesige Chor auf der Bühne stand. Meine Frau ist bei der Musik sehr nah am Wasser gebaut, da kann es schon passieren, dass sie bei einer Sinfonie in Tränen ausbricht.

Musik entsteht erst im Moment des Erklingens – im Gegensatz zu einem Gemälde, das ein habhaftes Objekt ist, das man mitnehmen, sammeln kann . . .

Schallplatten können Sie kaufen, en masse, meine Frau hat ein ganzes Lager voll mit allen möglichen Einspielungen.

Sie haben Ihrer Frau zum 80. Geburtstag das Carmen Würth Forum geschenkt, zu dem ein herausragender Konzertsaal gehört. Wie sehen Sie die Hamburger Elbphilharmonie, deren Kosten um ein Vielfaches explodiert waren?

Die schöne Elbphilharmonie passt gut zur Weltstadt Hamburg, sie ist ein neues Wahrzeichen, zieht viele Touristen an. Das ist nicht neu, dass öffentliche Bauten viel teurer werden als geplant. Aber 50 Jahre später spricht kein Mensch mehr drüber, und jeder freut sich.

Sie tun als Sponsor und Mäzen sehr viel für die Kultur . . . helfen aus.

Ja, aber unser Staat tut wirklich genug für Kunst und Kultur, ganz im Gegensatz etwa zu den USA. Wir leben hier im kulturellen Schlaraffenland und nehmen eigentlich gar nicht so wahr, was das für ein Reichtum ist, den Deutschland besitzt.

Als Sie Ihre Sammlung 2015 im Berliner Gropius-Bau zeigten, schrieb nicht nur die Berliner Morgenpost über „Das Wunder von Würth“. War diese Ausstellung am prominenten Ort, in der Hauptstadt, auch ein Ritterschlag?

Wir haben ja nur einen kleinen Teil der Sammlung dort gezeigt . . . Aber ja, da war schon ein Ziel erreicht. Meine Sammlung hat das Spezifikum, dass sie sehr breit angelegt ist und eine ganz schöne Mischung ist aus klassischer Moderne, zeitgenössischer Kunst und Avantgarde. Wichtig war mir immer, dass man junge Künstler fördert, die gerade erst studiert haben, auf dem Weg sind. Es ist eine nette Anzahl von Künstlern, deren Werke ich am Anfang ihrer Karriere gekauft habe und für die sich jetzt auch öffentliche Museen interessieren.

Haben Sie noch den Überblick über Ihre Sammlung?

Die Kunstwerke sind alle nummeriert, katalogisiert, eine Datenbank gibt Auskunft über Provenienz, Material oder Anschaffungspreis – und wo sie sich befinden. Bei uns ist es schwer denkbar, dass es zugeht, wie man aus staatlichen Museen hört: dass plötzlich ein paar Bilder fehlen.

Hohenlohe, das früher mal abschätzig als „schwäbisch Sibirien“ etikettiert worden ist, wo aber heute Würth und andere Weltfirmen ihren Sitz haben, profitiert sehr von Ihren Kultur-Aktivitäten.

Final sind diese Aktivitäten auch ein Wirtschaftsfaktor. Im Hohenlohischen herrscht Überbeschäftigung, in den 70 Jahren von Würth haben wir aber noch jeden Spezialisten hergebracht, den wir wollten. Nicht alle mögen in der Großstadt leben, im Gegenteil zieht es auch viele Menschen aufs Land. Aber wir tun viel, in Künzelsau haben wir auch für 40 Millionen ein privates Gymnasium gebaut, die Anne-Sophie-Schule.

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