Freilichttheater „Wilhelm Tell“ mit Kakteen

Schwäbisch Hall / Jürgen Kanold 12.06.2018

Freilichttheater ist wie Cabriofahren“, sagt der Schwäbisch Haller Intendant Christian Doll: „Man spürt die Sonne und den Wind, und alles ist in Bewegung.“ Jetzt gibt der 47-Jährige in seiner zweiten Saison wieder Vollgas: „Auf der Großen Treppe wird getanzt und gesungen, geliebt und gerungen . . .“ So steht’s im Flyer. Die Reihenfolge ist aufschlussreich. Der Schauspiel-Klassiker, er hat es offenbar schwer in dieser Event-Zeit. Nicht nur in Hall.

In Jagsthausen etwa, bei den Burgfestspielen, fechten „Die drei Musketiere“, ermittelt Sherlock Holmes, spielen sie die Musicals „Hair“ und „Der bewegte Mann“. Der eigentlich bewegte Mann am historischen Schauplatz aber, Goethes Götz von Berlichingen, gehört auf dem Spielplan eher zur Pflicht-Folklore.

In Hall stehen das Disco-Musical „Saturday Night Fever“, auch die musikalische Revue „In der Bar zum Krokodil“ und die Komödie „Don Camillo und Peppone“ auf dem Programm. Und dazu, als Klassiker: Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“. Damit starteten die Haller jetzt in die Saison – bei der Premiere am Samstag nicht mit Cabrio-Wetter, da regnete es auch, doch am Sonntagabend unter traumhaft blauem Himmel.

Oben die mächtige Kirchenfassade  von St. Michael, gegenüberliegend das barocke Rathaus, dazwischen sitzt das Zuschauervolk auf dem Marktplatz: eingefasst von kirchlicher und weltlicher Macht. Realer lassen sich gesellschaftliche Dramen nicht verorten. Regisseure bauen sich gerne eine Treppe als theatralische Metapher für den Auf- und Abstieg der Menschen: voilà, Hall hat sie schon. Die 53 Stufen vor St. Michael, im beginnenden 16. Jahrhundert errichtet, sind die großartigste Bühne, die sich denken lässt. Welttheater spielen sie deshalb in der Salzsiederstadt, professionell seit 1925, beginnend mit Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“.

Schiller geht dort auch sehr gut, wenn es aufs Wort ankommt. Das Pathos des Klassikers auf der nackten Treppe, das kann wirken. Achim Plato, Intendant der Freilichtspiele von 1968 bis 2003, hatte keine Angst vor einer vermeintlichen Leere: „Die monumentale Wucht der Treppe und der Höhenflug der Schillerschen Sprache vertragen sich bestens“, sagte und zeigte er. Den „Tell“ inszenierte Plato erstmals 1991, als nach der Wiedervereinigung der Rütli-Schwur „Wir sind ein einzig Volk von Brüdern“ einen besonderen Klang hatte. Und die hohle Gasse, durch die der verhasste Landvogt Geßler kommen muss auf dem Weg nach Küssnacht: Sie war nur eine schmale Licht-Bahn auf der nachtschwarzen Treppe. Unvergesslich.

Mit einem Beat unterlegt

Christian Doll glaubt wohl an solchen Purismus nicht, vielleicht weil er beim  Publikum des Häppchenkultur-Zeitalters nicht so viel Konzentration erwarten kann.  Den „Tell“ hat der Intendant jetzt selbst inszeniert – und manche Passagen mit einem musikalischen Beat unterlegt, so wie es Radiosender tun, aus Angst vorm Wegzappen ihrer Hörer beim Wort-Beitrag. Wenn Ulrich und Berta sich ihrer Gefühle versichern, pocht ein dumpfer Synthie-­Rap dazu. Und Johnny Cash singt aus dem Off  – in Hall spielt das Freiheitsdrama nicht bei den Eidgenossen, sondern im Wilden Westen. Kakteen gehören deshalb zur Landschaft, Streuobst gibt es aber trotzdem für den Apfelschuss. Und einen Käfig hat Cornelia Brey auf die Treppe gebaut, ein Seelen-Gefängnis, das für vieles steht, für Tells gefährdetes Familien-Idyll, aber vor allem auch ein Kasten ist, der jedes Freiheitspathos einsperrt.

Pathos, ja, das bricht der Regisseur gerne. Wenn die Söldner den Hut auf der Stange bewachen, das Machtsymbol des Tyrannen, dann spielen sie Kreuzworträtsel: „Die hmm . . .  im Haus erspart den Zimmermann – mit vier, nein drei Buchstaben?“

Nicht mit der Axt, sondern recht nachvollziehbar hat Doll den Schiller-Text auf zwei pausenlose Stunden komprimiert. Und es ist dem Regisseur mit zwei starken Protagonisten bei allen Kritikpunkten gelungen, den Klassiker zu erzählen: als das private Drama eines Kraftkerls und wunderbaren Familienmenschen (Gunter Heun als Tell), der fast daran zerbricht, dass ihn ein sadistischer, seinen Wahnsinn in die Welt lächelnder Bürokrat (Thomas Klenk als Geßler) dazu zwingt, das Leben seines Kindes aufs Spiel zu setzen. Am Ende läuft dieses Freilichttheater dann doch nicht so rund und sonnig wie beim Cabriofahren. Gut so.

Das neue Globe Theater

Spielort Ein Theater wie zu Shakespeares Zeiten: Das neue Globe Theater in Schwäbisch Hall wächst – eröffnet werden soll der rund neun Millionen Euro teure Bau auf dem Unterwöhrd, der 370 Plätze bietet, im Frühjahr 2019. Intendant Christian Doll möchte den Spielort dann natürlich mit einer Shakespeare-Inszenierung vorstellen: mit „Was ihr wollt“. Im Frühjahr? Ja, das neue Haller „Globe“ besitzt zwar ein offenes Dach – aber das lässt sich zufahren bei Kälte und schlechter Witterung.

Sommer Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall zeigen ein vielfältiges Programm bis zum 24. August. Infos und Karten unter www.freilichtspiele-hall.de

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